01.11.2018

Naturnahe Firmengelände – grün und clever

Vielfalt ermöglicht Vielfalt. Vielfalt in Natur und Landwirtschaft ist wertvoll. Das ist heute eine anerkannte Tatsache, wird aber dennoch viel zu wenig beachtet. In dieser Serie zeigen Experten Zusammenhänge auf und berichten über die vielen Facetten des Themas.
Serie konzipiert und redaktionell betreut von Manon Haccius.

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Natur auf dem Firmengelände – das ist eine Idee, die erst unglaublich und dann so plausibel klingt, dass sich die Frage stellt: Warum macht das nicht jeder? Die Grundidee naturnaher Firmengelände ist einfach: heimische Pflanzen statt Exoten, Schaffen von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen und eine möglichst extensive Pflege, die die Dynamik natürlicher Abläufe nutzt, um die Flächen vor Ort zu entwickeln, statt mit Düngern, Pestiziden und Herbiziden einen lebendigen Lebensraum zu verhindern. Natürlich bietet auch das Umwandeln von Asphalt in Grün ein großes Potenzial.

In der Praxis entstehen so auf Firmengeländen lebendige Flächen mit Pflanzengesellschaften, die kleinste Ökosysteme bilden und einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Sie stellen außerdem dringend nötige Lebensräume für Nützlinge bereit. So wird zum Beispiel aus einer Baulandreserve für einige Jahre eine blühende Wiese, "Natur auf Zeit" und ein gedeckter Tisch für Biene, Schmetterling und Co. Eine Versickerungsmulde wird zum Biotop und der schmale Streifen zwischen zwei Parkplatzreihen zum Blütenmeer.

Auch wenn der Platz auf Firmengeländen knapp ist und alle Flächen grundsätzlich in Zukunft anders genutzt werden könnten, weil sich die Anforderungen an den Unternehmensstandort verändern, kann ein Wirtschaftsunternehmen auf diese Weise einen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt leisten: konkret und (an)fassbar. Der Nutzen für die Biodiversität liegt dabei in den Flächen, die ökologisch aufgewertet werden – gerade in einem Gewerbegebiet kann auch eine kleine Fläche große Wirkung haben, indem sie Tieren als "Zwischenstopp" durch das Gewerbegebiet dient.

Vielleicht ist aber ein anderer Effekt noch wichtiger: Naturnahe Firmengelände sind hervorragende Werbung für biologische Vielfalt: Rein rechnerisch verbringt eine Vollzeitarbeitskraft ungefähr 1.700 Stunden im Jahr am Arbeitsplatz. Natur am Arbeitsplatz kommt uns unerwartet nahe. Das Erleben einer ästhetischen, ökologisch sinnvollen Flächengestaltung schafft deshalb Bewusstsein für den Wert biologischer Vielfalt, führt ökologische Zusammenhänge vor Augen und kann die eine oder andere Idee für die heimischen Gärten der Beschäftigten anstoßen.

Ob am Ende die Menschen oder die Natur mehr von einem naturnah gestalteten Firmengelände haben, lässt sich nicht so einfach sagen. Naturnahe Gestaltung bringt vielfältige Vorteile mit sich. Der offensichtlichste ist vielleicht, dass sich Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Gäste auf einem naturnah gestalteten Gelände in der Regel einfach wohlfühlen: Es ist gut belegt, dass Naturerleben den Abbau von Stress befördert, sich Menschen in der Natur schneller erholen und Natur damit letztendlich gesundheitsfördernd ist. In anderen Fällen kann die naturnahe Gestaltung auch Teil des Klimaschutzkonzepts sein: Mit begrünten Fassaden und Dächern lässt sich der Energiebedarf für die Klimatisierung eines Gebäudes reduzieren. Die Vorteile eines naturnahen Firmengeländes sind vielfältig.

Seit 2011 haben die Bodensee-Stiftung und ihre Partner deutschlandweit ungefähr 150 Unternehmensstandorte hinsichtlich der ökologischen Aufwertungspotenziale der Außenflächen beraten. Mit Planerinnen und Planern wie Dipl.-Ing. Sophia S. Müllensiefen vom Büro naturplan Landschaftsarchitektur konnten wertvolle Maßnahmen auf Firmengeländen angestoßen werden. Die Rückmeldungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Standorten sind durchweg positiv. Vor allem das veränderte Außenbild und das Naturerleben auf kleinem oder großem Raum werden positiv wahrgenommen. Oft erzeugt das schöne Erscheinungsbild einen Nachzieh-Effekt: "Können wir das auch haben? Wie geht das?" Blühende Gehölze, Wiesenstreifen und entsiegelte Flächensprechen für sich und für die Umgestaltung. Bereits nach einem Jahr, wenn naturnah angelegte Blühstreifen, Vogelnährgehölze und Staudenbeete sich ein wenig etabliert haben, erfreuen sie mit ihrer Blütenpracht für viele Wochen die Menschen vor Ort – und die Begeisterung ist groß.

Die Bodensee-Stiftung und ihre Partner in Deutschland, Spanien, der Slowakei und Österreich bieten in ihrem Projekt "Naturnahe Firmengelände als Beitrag zur urbanen grünen Infrastruktur" Beratungen zur naturnahen Gestaltung von Firmengeländen an und arbeiten an pragmatischen Lösungen für mehr Natur im gewerblichen Raum. Die Zeit ist reif für naturnahe Firmenareale. Jede grüne Insel zählt. Das Projekt wird vom LIFE-Programm der EU unterstützt.

››› Gastbeitrag Sven Schulz und Sophia S. Müllensiefen

Beispiel: Alnatura Campus

Das fünf Hektar große Außengelände der neuen Alnatura Zentrale in Darmstadt wird naturnah angelegt. Der Betonboden der vormaligen militärischen Nutzung ist entsiegelt, auf der Renaturierungsfläche wächst ein regional typischer Magerrasen, in dem u. a. die Zauneidechse einen Lebensraum findet. Wildblumen bieten Nahrung für Honig- und Wildbienen und auf einer Streuobstwiese wachsen alte Obstsorten. Das Gelände wird öffentlich zugänglich sein und für Gäste sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter biologische Vielfalt erlebbar machen.

Sven Schulz ist Projektleiter der Bodensee-Stiftung, Dipl.-Ing. Sophia S. Müllensiefen Landschaftsarchitektin. Informationen zu Projekten naturnah gestalteter Firmengelände sind einsehbar unter naturnahefirmengelaende.de sowie zur Bodensee-Stiftung unter bodensee-stiftung.org und zu naturplan Landschaftsarchitektur unter aussenplanung.com