Baumwolle – nachhaltige Wertschöpfungskette

Wie Nachhaltigkeit in der Bio-Baumwollerzeugung funktioniert – am Beispiel von Sekem in Ägypten

Platzhalter

Einen Zustand der Nachhaltigkeit gibt es nicht. Denn es ist die sich verändernde, immer in bewusster Bewegung bleibende und die Balance suchende "nachhaltige Entwicklung", um die es geht. Wie kann ich etwas in der Welt tun, das es erlaubt, im kulturellen Bereich der individuellen Entwicklung, im Miteinander zwischenmenschlicher und organisationeller Beziehungen und im Wertschöpfen der wirtschaftlichen Tätigkeit in Balance zu bleiben? Wichtig für unser Beispiel Baumwollproduktion bei Sekem ist es, sich mit den verschiedenen Schritten der Herstellung des Textilproduktes vertraut zu machen. Es beginnt mit der Samenproduktion der Baumwolle. Baumwollsamen gibt es genmanipuliert, konventionell oder organisch erzeugt. Die langfristigen Auswirkungen der Genmanipulation sind noch nicht abzusehen, die Veränderungen noch nicht vorauszusagen – womit eine der Kernfragen zur Prüfung der Nachhaltigkeit nicht klar zu beantworten ist. Wir haben uns bei Sekem für den Anbau von Bio-Baumwolle entschieden und arbeiten nicht mit genmanipulierten Sorten.

Die gewählte Anbaumethode ist ausschlaggebend für den Bedarf an Energie und Wasser sowie für Art und Menge an Düngemitteln und Pestiziden, die angewendet werden. Im organischen Anbau werden 20 bis 40 Prozent weniger Wasser benötigt als im konventionellen. Denn die Bodenstruktur baut sich dadurch mit der Zeit auf, die Wasserhaltefähigkeit verbessert sich. Im Boden entsteht ein höherer Anteil Humus, also organische Masse, die mithilfe von Boden-Mikroorganismen Nährstoffe für die Pflanzen liefert. Pflanz­licher Kompost ist eine gute Alternative zu mineralischen Düngemitteln, deren Gewinnung und Anwendung zu verstärkter Emission von Kohlenstoff aus dem Boden in die Atmosphäre beitragen. Organisch gedüngter Boden kann mehr Kohlenstoff binden (circa eine Tonne pro Hektar pro Jahr). Gegen unerwünschte Insekten kommen in der Bio-Landwirtschaft Pheromone zum Einsatz, die natürlichen Feinde dieser Insekten werden gefördert, auf giftige chemische Substanzen wird verzichtet. Das wirkt sich positiv auf die gesamte Umgebung aus.

Die Bio-Baumwolle pflücken die Sekem-Bauern von Hand. Schwere, teure Erntemaschinen kommen nicht zum Einsatz. Beim Handpflücken werden nur reife Baumwoll-Kapseln geerntet. In einem Land wie Ägypten mit einer großen Bevölkerung schafft die sorgsame Handernte neben guter Produktqualität Arbeit und Einkommensmöglichkeiten für viele. Das Entkernen der geernteten Rohbaumwolle, auch das Spinnen der Fasern, das Weben oder Stricken der Stoffe aus den Fäden sind maschinelle Vorgänge, natürlich ohne Einsatz von chemischen Substanzen. Sozial nachhaltig sind diese Arbeiten durch die Art und Weise, wie die Mitarbeiter eingebunden werden. Die Menschen arbeiten in Sekem unter guten Bedingungen und die Verarbeitungsschritte werden so nah wie möglich am Erzeugungsort der Baumwolle vorgenommen, sodass lange Transportwege entfallen. Das Färben und Ausrüsten der Stoffe erfolgt bei konventioneller Herstellung unter hohem Chemie-Einsatz. Sekem produziert nachhaltig und beschränkt sich daher auf Substanzen, die umweltfreundlich und rasch biologisch abbaubar sind und die sowohl für die Mitarbeiter in den Bereichen Färbung und Ausrüstung als auch für die Menschen, die die fertigen Textilien tragen, nicht schädlich sind. Der strenge Bio-Textil-Standard GOTS (Global Organic Textile Standard) setzt hier den Rahmen.

Sind die Stoffe zugeschnitten, die Kleidungsstücke gefertigt und verpackt und schließlich noch verschifft und verkauft – dann ist die textile Wertschöpfungskette vorerst ans Ende gelangt. Nun trägt und pflegt der Kunde das Kleidungsstück. Hier kommt es wieder zu klimarelevanten Emissionen, vor allem durch den Wasserverbrauch für die Textilpflege während der Nutzungszeit sowie schließlich durch die Frage, wie rasch ein Kleidungsstück weggeworfen wird. Der meiste Verbrauch von Ressourcen erfolgt tatsächlich während des Tragens beziehungsweise Waschens der Textilien, mehr als über alle anderen Glieder der Wertschöpfungskette zusammen.

Über die gesamte Produktionskette steht bei Sekem der Mensch im Vordergrund. Die Kulturinitiative Sekem geht mit ihren sozialen Standards – wie medizinischer Versorgung, Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sowie vielem mehr – weit über die Maßgaben des GOTS hinaus. Letztlich ist der Verbraucher und Endkunde Treiber einer nachhaltigen Baumwollindustrie, durch seine Kaufentscheidung und sein Interesse für die Produktionsumstände. Es ist wie bei allen Produkten auf dem Markt: Es gibt keinen besseren Ansporn für ein Unternehmen, sich immer nachhaltiger aufzustellen als die Nachfrage am Markt. Bevor Sie das nächste Schnäppchen mit nach Hause nehmen, fragen Sie nach den Umständen in der textilen Wertschöpfungskette!.

››› Gastbeitrag von Konstanze und Maximilian Abouleish, Sekem

Konstanze Abouleish

Konstanze Abouleish, geboren 1963 in Lübeck, Kindheit in Griechenland und Ägypten, 1978 erster Besuch der 1977 gegründeten Sekem-Initiative. Seit ihrer Heirat mit Helmy Abouleish Mitarbeit in verschiedenen Bereichen der Farm. Seit 1998 ist sie für NatureTex (Textilproduktion, Sekem Group) in der Entwicklung und in der Kundenbetreuung tätig und seit 2002 Commercial Manager NatureTex.

Maximilian Abouleish

Maximilian Abouleish, Schwiegersohn von Konstanze und Helmy Abouleish, geboren in Deutschland, seit 2010 Sustainable Development Project Manager bei der Sekem Holding. Er verantwortet den jährlichen Nachhaltigkeitsbericht und weitere Projekte beispielsweise aus dem Bereich erneuerbare Energien. Koordination von Aufbau und Pflege einer Kooperation zwischen der Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung und Sekem.