Müllproblem – nicht mein Problem?

Die Alnatura Redaktion hat mit Fatih Akin über seinen neuen Film „Müll im Garten Eden“ gesprochen.

Alnatura: Herr Akin, Ihr Dokumentarfilm "Müll im Garten Eden" läuft am 6. Dezember 2012 in den deutschen Kinos an. Er zeigt den aussichtslosen Kampf eines türkischen Dorfes im Nordosten der Türkei gegen den Bau einer Mülldeponie, die ihre Umwelt nach und nach zerstört. Der Film ist unkommentiert, lässt die Menschen zu Wort kommen und bringt den unterschiedlichen Typen, eingebunden in ihre türkische Kultur, große Sympathie entgegen. Was lieben Sie an der Türkei, dem Land Ihrer Eltern und Großeltern?

Fatih Akin: Die Vielfalt des Landes. Die verschiedenen Landschaften: Gebirge, Meer, Wüste, Wälder, Flüsse, Städte, dörfliche Regionen. Und die vielen unterschiedlichen Menschen, vereint in ihrer Liebenswürdigkeit.

Die Menschen in dem türkischen Dorf Çamburnu haben sich vehement gegen den Bau der Mülldeponie gewehrt, und trotz­dem wurde sie gebaut. Lohnt sich Engagement doch nicht?
Indem die Menschen, die Tee-Bauern des Dorfes, gegen die Willkür der Obrigkeit und die Pfuscherei am Bau der Mülldeponie protestiert haben, Zivilcourage zeigten, verteidigten sie ihre Würde.

Aber ihre Umwelt ist trotzdem vergiftet und ihre Lebensqualität in einer gesunden Natur zerstört.
Ja, das stimmt, und das Schlimme daran ist, dass überall auf der Welt jeden Tag so etwas passiert. Ob in einem Dorf in Indien, in der Türkei oder auch hier. Menschen wird die Lebensgrundlage geraubt, sie erfahren eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, aber keiner interessiert sich für ihr Leid. Mein Film dokumentiert über sechs Jahre hinweg erst den Bau, dann die nacheinander eintretenden Katastrophen, die diese Mülldeponie verursacht hat.

Zumindest kann man hoffen, dass die Fehler, die beim Bau dieser Mülldeponie begangen wurden, sich anderweitig nicht wiederholen.
Genau, und dass sich mehr Menschen zum Widerstand gegen Projekte solcher Art organisieren.

Könnten Sie sich vorstellen, weitere Dokumentarfilme über Umweltzerstörung zu drehen?
Ja, vor allem bei Ungerechtigkeiten werde ich hellhörig. Ich habe ein Musikvideo mit der kurdischen Sängerin Aynur gedreht, das sich gegen den Bau eines Stausees im Südosten der Türkei richtet, weil es die Überschwemmung, also die Auslöschung eines Dorfes bedeuten würde. Außerdem hat Widerstand seine eigene Ästhetik, die mich interessiert und die ich filmisch gut umsetzen kann.

Wie achtet man bei einem Film auf Einsparung der Ressourcen, also wie dreht man einen möglichst nachhaltigen Film?
Indem man nur einen Drehort hat und alles aus der Region dafür verwendet.

Also im Grunde wie bei Ihrem Dokumentarfilm "Müll im Garten Eden". Sie sind nicht immer mit Ihrer gesamten Crew in die Türkei geflogen, um die Szenen in den sechs Jahren zu drehen, sondern übergaben dem Dorf-Fotografen eine digitale Filmkamera, ließen ihn die Aufnahmen vor Ort drehen.
Exakt, und wir unterstützten ihn in technischen Fragen wo es ging von Hamburg aus. Nur für die Interviews mit den Protagonisten, da flog ich mehrere Male selbst in die Türkei. Oder ein anderes Beispiel: Mein Film "Soul Kitchen", der nur in Hamburg gedreht wurde, war auch kostengünstig und – wenn Sie so wollen – auch nachhaltig.

> Glauben Sie, dass man jeden Film ressourcenschonend drehen kann?
Na ja, wohl eher nicht. Man muss schon die Möglichkeit haben, an verschiedenen Orten zu drehen, auch wenn der Aufwand viel größer und die CO2-Bilanz schlechter ist. Vergleichen Sie es mal mit dem Essen. Wenn Sie nur noch Lebensmittel essen, die in Ihrer Region zu einer bestimmten Jahreszeit vorkommen, dann könnte es schnell langweilig werden. Da fallen schon mal die Bananen raus, die Orangen, der Kaffee, die Schokolade und so weiter.

Welche Aspekte Ihres Lebens, Ihres Lebensstils, würden Sie als nachhaltig bezeichnen?
Ich bemühe mich, so oft es geht, mein Auto stehen zu lassen, mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Leider muss ich beruflich bedingt viel fliegen. Meine Frau und ich versuchen, unsere Kinder bewusst zu ernähren. Zu Hause gemeinsam zu kochen, mit einer wöchentlichen Bio-Kiste aus dem Alten Land. Wir schätzen gutes Essen und geben Geld für qualitativ hochwertige Lebensmittel aus.

Können Sie kochen?
Na ja, ich weiß nicht, ob ich es wirklich gut kann, aber ich koche gern.

Was kochen Sie am liebsten?
Am besten kann ich Nudeln mit unterschiedlichen Fantasiesaucen kochen.

Essen Sie lieber Fleisch oder Tofu?
Beides. Ich habe es mal als Vegetarier versucht, bin aber gescheitert.

… Salat oder Eiscreme?
Gemeine Frage! Ich liebe Eiscreme, vertrage sie aber nicht so gut, also esse ich lieber Salat.

Trinken Sie lieber Wein oder Bier?
Auf jeden Fall Wein. Im Sommer Weißwein, im Winter eher Rotwein.

… Wasser oder Cola?
Wasser! Früher habe ich mich nur von Cola und Zigaretten ernährt. Ist zum Glück vorbei, die Phase.

Zurück zum Müll: Haben Sie sich schon vor Ihrem Film Gedanken über die Müllproblematik gemacht?
Ehrlich gesagt bis auf die für mich selbstverständliche Mülltrennung habe ich mir vor dem Film keine Gedanken darüber gemacht. Erst die Auseinandersetzung mit der Dokumentation der Geschehnisse in dem Dorf Çamburnu haben mein Bewusstsein geschärft in Bezug auf Müll, den "Kot der Gesellschaft", den keiner will, aber jeder verursacht.

Ja, der Film lässt einen zurück mit dem unguten Gefühl, dass irgendjemand anderes auf der Welt mit dem von mir verursachten Müll ungefragt zugemüllt wird. Noch eine letzte Frage: Was bedeutet für Sie "Sinnvoll für Mensch und Erde"?
Ich assoziiere damit meine eigene Spiritualität. Alle Materie, alles ist irgendwie mit allem verbunden und hängt miteinander zusammen und voneinander ab.

Vielen Dank für das Gespräch.

"Das Schlimme ist, dass überall auf der Welt jeden Tag so etwas passiert. Menschen wird die Lebensgrundlage geraubt, sie erfahren eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, aber keiner interessiert sich für ihr Leid."

Fatih Akin