Hier keimt die Zukunft

Saatguterzeugung ist eine gesellschaftliche Aufgabe, nicht nur ein Geschäft.

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Winzige Körner – nur eine Handvoll, und doch machen sie Hunderte Menschen satt. Ohne Saatgut keine Ernte, kein Essen. Weil die kleinen Samen Leben in sich tragen und unser Leben nähren, hielten alle alten Kulturen sie hoch in Ehren.

Heute ist Saatgut ein Geschäft mit weltweit 20 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Drei Viertel davon entfallen auf zehn Konzerne. Die drei größten von ihnen teilen sich die Hälfte des Marktes: Monsanto, DuPont/Pioneer, Syngenta. Sie kämpfen mit juristischen und züchtungstechnischen Tricks um immer mehr Marktanteile.

Mit Patenten versuchen die Konzerne, sich das Eigentum an ihren Züchtungen sowie teure Lizenzgebühren zu sichern – nicht nur für gentechnisch verändertes Saatgut, sondern auch für konventionell gezüchtetes. Bei ihren Züchtungen greifen sie immer öfter in das Erbgut der Pflanzen ein. Dabei bevorzugen sie Methoden, die juristisch nicht als Agro-Gentechnik gelten. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten CMS-Hybride.

Patente sollen juristisch verhindern, dass Bauern und Gärtner das tun, was alle ihre Vorfahren schon immer taten: aus der Ernte die Samen der besten Pflanzen aufheben und im nächsten Jahr neu aussäen. Mit dem Nachbarn tauschen, neue Samen ausprobieren, Pflanzen kreuzen. Dadurch entstand über Jahrtausende eine Vielfalt an Nutzpflanzen mit Hunderten von regional angepassten Sorten. Nachbau nennen die Saatgutjuristen der Konzerne diese jahrtausendealte Praxis und versuchen, sie einzudämmen und verbieten zu lassen. Denn Nachbau schadet dem Geschäft.

Hybride sind ein aus Inzuchtlinien gewonnenes Einweg-Saatgut. Mit ihnen machen die Saatgut-Konzerne das beste Geschäft. Denn Hybride liefern gute Erträge und einheitliche Früchte. Doch diese Eigenschaften verlieren sich in der nächsten Generation. Die Samen von Hybriden eignen sich nicht für den Nachbau. Bauern und Gärtner müssen jedes Jahr neues Saatgut einkaufen. Die meisten machen es – weil die Erträge hoch sind. Abgesehen von Salat und Bohnen stammen viele Sorten unserer Gemüse, Sonnenblumen und Mais sowie einige Sorten Raps und Roggen von Hybriden – auch im Öko-Landbau. Die großen Saatgutkonzerne versuchen, die Hybridtechnik auch auf die Zucht von Weizen, Gerste und Reis zu übertragen.

Das Gegenkonzept zu den rechtlich geschützten Hybriden der Konzerne sind samenfeste Sorten, die nicht einem Unternehmen, sondern zum Beispiel einem gemeinnützigen Verein gehören und damit der Allgemeinheit dienen. Seit Jahren bemüht sich ein Netzwerk aus Initiativen, Gärtnereien, Züchtern und anderen Engagierten darum, bestehende Sorten zu erhalten und weiterzuentwickeln sowie neue samenfeste Sorten zu züchten. Es sind vor allem Bio-Gärtner und -Bauern, die sich in der Zucht engagieren. Denn sie benötigen Sorten, die ohne synthetischen Dünger und ohne chemischen Pflanzenschutz gute Erträge liefern. Sorten, die optimal an den jeweiligen Standort angepasst sind. Genau das bieten die konventionellen Hochleistungs-Hybride nicht.

Samenfeste Sorten zu züchten ist aufwendig. Zehn ­Jahre dauert es, eine neue Sorte zu entwickeln, dabei fallen Kosten von mindestens 600.000 Euro an. Den Abschluss bildet ein amtliches Zulassungsverfahren. Dieses orientiert sich an Hybridsaatgut und stellt deshalb eine Hürde dar. Trotzdem haben die Bio-Züchter inzwischen mehr als 20 neue Getreidesorten und 50 neue Gemüsesorten beim Bundes­sortenamt angemeldet. Und jedes Jahr kommen neue hinzu, denn allmählich fahren die Züchter die Ernte ihrer jahrzehntelangen Aktivitäten ein.

Der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft unterstützt seit 1996 die ökologische Züchtungsforschung, gemeinsam mit über 4 000 Spenderinnen und Spendern und Unternehmen der Bio-Branche wie Alnatura. Dadurch kann der Saatgutfonds 2014 den Bio-Züchtern über 800.000 Euro zur Verfügung stellen. Eine Investition in die Zukunft: Wer in 15 Jahren ein gutes Brot oder wohlschmeckendes Gemüse essen will, der muss sich heute engagieren und sich um die Herkunft des Saatgutes kümmern.

››› Gastbeitrag Oliver Willing, Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Oliver Willing, Dipl.-Ing. agr.

Oliver Willing, Dipl.-Ing. agr., landwirtschaftliche Lehre und Studium an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie Philosophicum an der Hochschule St. Georgen und Frankfurt a. M. Von 1993 bis 2000 Berater bei Demeter Hessen, seit Mai 2000 Zukunftsstiftung Landwirtschaft, seit 2007 Geschäftsführer der Stiftung.