"Da muss man doch was tun!"

Auf 50 Jahre "Hilfe für Kinder in Not" kann terre des hommes inzwischen zurück­blicken. Alnatura sprach mit Gründer Lutz Beisel über die Anfänge und die Entwicklung der Hilfsorganisation sowie über seine Motivation, sich zu engagieren.

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Redaktion: Herr Beisel, während des Vietnamkrieges organisierten Sie 1967 erstmals medizinische Hilfe in Deutschland für verletzte vietnamesische Kinder. Erzählen Sie uns bitte davon.

Lutz Beisel: Ich hatte damals das Gefühl, der Kosmos sei eine Fehlkonstruktion. Es ging mir sehr schlecht angesichts des Leids, das zum Beispiel durch den Vietnamkrieg hervorgerufen wurde. Ich fühlte mich ohnmächtig und dachte: Da muss man doch was tun! Zufällig las ich in einer Zeitschrift etwas über das Engagement eines Schweizer Freundeskreises um ­Edmund Kaiser, der sich "terre des hommes" nannte: Kranken und kriegsverletzten Kindern verhalf er in Krankenhäusern von Lausanne und Umgebung zu einer Behandlung. Ich fuhr spontan zu Kaiser, fand in ihm einen Mann auf gleicher Wellen­länge und gründete auch in Deutschland mit 40 Gleichgesinnten einen Verein namens "terre des hommes". Wir organisierten hier ebenfalls Ärzte und Krankenhäuser, die vietnamesische Kinder aufnahmen. Ehrenamtliche Helfer kümmerten sich um die Kinder, sprachen mit den Ärzten – und bald suchten wir auch Adoptiveltern für Waisenkinder. Die Air France half dabei, die Kinder samt Betreuern kostenlos nach Europa zu transportieren, die Bundeswehr unterstützte uns beim Weitertransport. Der Kontakt zum Militär war für mich als einen der ersten Kriegsdienstverweigerer ein schwieriger Schritt. Aber die Zusammenarbeit lief erstaunlich gut.

Wie hat sich die Art der Hilfeleistung in den letzten Jahrzehnten bei terre des hommes verändert? Die Vermittlung von Auslandsadoptionen haben wir 1998 beendet, nachdem die internationalen Richtlinien dafür – auch mit unserer Hilfe – deutlich verbessert wurden. Wir schicken auch schon lange keine deutschen Fachkräfte mehr in die Not leidenden Länder, sondern arbeiten mit einheimischen Organisationen zusammen. Wir unterstützen Projekte in Asien, Südamerika, Afrika und Deutschland, die das soziale Umfeld von Kindern positiv verändern, Chancen auf Bildung fördern, sodass die Menschen eine Zukunft in ihrer Heimat haben. Politische Lobbyarbeit ist hier immens wichtig.

Auf welche Erfolge und Fortschritte kann terre des hommes zurückblicken? Edmund Kaiser antwortete auf diese Frage immer: "Die gerettet sind, sind gerettet." Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite wirkt auf uns selbst zurück, weil wir Hoffnung wecken und Wege zeigen können, wie jeder von uns einen Beitrag dazu leisten kann, Kindern in Not zu helfen. Beispiele sind der Schutz von Kindern vor Arbeitssklaverei in Indien und Bolivien. Oder die Betreuung von Kindern, die durch Krieg und Katastrophen traumatisiert sind. Wir haben vielen Mädchen und Jungen einen Schulbesuch ermöglicht und Selbsthilfeprojekte von Benachteiligten unterstützt, gegen Diskriminierung gekämpft sowie gegen die Verletzung und Tötung von Mädchen. Wir haben die lebensnotwendige Umwelt geschützt und auch bei uns Aufklärungsarbeit geleistet und auf Entscheidungsgremien Einfluss genommen. Es bleibt aber immer noch viel zu tun.

Was haben Sie persönlich während Ihres Engagements von anderen Menschen und Kulturen gelernt? Im Laufe der Jahre hat sich meine kosmopolitische Haltung und Überzeugung mehr und mehr gefestigt. Für Menschenrechte und Chancengleichheit einzustehen, sehe ich als meine Pflicht an. Dafür bedarf es aber auch einer gewissen Weltoffenheit und echten Interesses an den Menschen.

Sie können mit Ihren 79 Jahren auf ein erfülltes Leben zurückblicken und verfügen über viel Erfahrung. Was sind Ihrer Meinung nach die Herausforderungen der kommenden Jahre? Wir müssen unsere Zivilgesellschaft pflegen und fördern. Dabei sollten wir den Umgang mit unseren begrenzten natürlichen Ressourcen ebenso überdenken wie den Umgang mit Menschen anderer Weltanschauung. Beide verdienen mehr Achtung. Für das Wirtschaftsleben wünsche ich mir mehr Brüderlichkeit, ganz im Sinne der von Rudolf Steiner gegebenen Antworten auf die soziale Frage. Die Menschen müssen außerdem lernen, bewusster zu konsumieren, und die Unternehmen müssen lernen, bewusster zu produzieren.

Sind Sie immer noch aktiv bei terre des hommes? Ja, ich bin in den Stiftungsrat gewählt worden. Eine Art Kontrollorgan, das prüft, wie die Gelder der terre-des-hommes-Stiftung eingesetzt werden. Und ich betreue gemeinsam mit meiner Frau eine 13-köpfige syrische Familie an meinem Wohnort in Tuttlingen, eine gelegentlich sehr aufwendige Aufgabe, aber mit schönen Erfolgen.

››› Das Gespräch führte Susanne Salzgeber

terre des hommes kurz gefasst

  • Gründungsjahr 1967  
  • Vereinssitz Osnabrück
  • Mitarbeiter 1.300 ehrenamtliche und 140 haupt­amtliche im In- und Ausland
  • Engagement terre des hommes arbeitet derzeit weltweit mit etwa 400 Partnerorganisationen vor Ort zusammen. Dank der Spenden konnten bislang rund 15 Mio. Kinder aus Not, Missbrauch und Ausbeutung befreit und ihnen zu besserer Bildung, Ernährung und Gesundheit verholfen werden.

Spendenaktion

terre des hommes sieht das 50-jährige Jubiläum als besondere Chance, noch mehr Kindern in Not zu helfen. Deshalb wurde die Spendenkampagne "Wie weit würdest Du gehen?!" gestartet. Seien Sie dabei und überlegen Sie sich allein oder in einer Gruppe eine außer­gewöhnliche Aktion, eine sogenannte Challenge, die Sie durchführen, wenn in Ihrem Bekanntenkreis eine von Ihnen festgelegte Spendensumme erreicht worden ist. terre des hommes freut sich auf alle, die mitmachen unter: