300 Jahre Nachhaltigkeit

Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde - woher aber stammt er ursprünglich? Hannß von Carlowitzi definierte ihn erstmals 1713.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde – woher aber stammt er ursprünglich? Im Zusammenhang mit der Forstwirtschaft wird der Begriff Hannß Carl von Carlowitz als erstem zugeschrieben. "Hannß" (eigentlich Johann) Carl von Carlowitz wurde im Dezember 1645 in Oberrabenstein bei Chemnitz als Spross eines alten sächsischen Adelsgeschlechts geboren. Die Herren der Familie von Carlowitz waren ursprünglich Vasallen der Burggrafen von Dohna. Vielen von ihnen wurden ebenso von ihren Landesherren wie auch von fremden Fürsten hohe Ämter als Hof- und Staatsbeamte zum Beispiel als Räte der sächsischen Herzöge und Kurfürsten zugesprochen, wodurch sie zu großem Einfluss gelangten. So befinden sich unter den Vorfahren des Hannß von Carlowitz in der Zeit von 1550 bis 1680 allein sieben höhere kursächsische Jagd- und Forstbeamte.

Hannß von Carlowitz war das 2. von insgesamt 16 Kindern. Er besuchte zunächst das evangelisch-lutherische Stadtgymnasium zu Halle und studierte anschließend Rechts- und Staatswissenschaften in Jena. Von 1665 bis 1669 begab er sich auf seine "Kavalierstour". Diese kostspielige Bildungsreise wurde ab Mitte des 16. Jahrhunderts Teil der Ausbildung junger Adeliger, auf welcher sie nicht nur andere Länder, Sprachen und Sitten kennenlernten, sondern auch ihre Welt- und Menschenkenntnis erweiterten sowie ihr weltmännisches Auftreten übten.

Auf seiner Kavalierstour durch London, das 1665 bis 1666 durch eine Pestepidemie mit 70.000 Toten – einem Fünftel seiner Bevölkerung – heimgesucht wurde, sowie das absolutistische Frankreich, in dem König Ludwig XIV. 1669 ein modernes Waldgesetz erließ, und durch Italien, die Niederlande, Dänemark, Schweden und Malta erkannte von Carlowitz, dass Holz ein knapper Rohstoff ist. Das Bevölkerungswachstum in den Städten trug ebenso zur Holznot bei wie beispielsweise auch die erzgebirgischen Schmelzhütten, die mit reichlich Holz als Energiequelle befeuert wurden

Hannß von Carlowitz’ Vater

Georg Carl von Carlowitz war zunächst Oberaufseher über die erzgebirgischen Flößer, die Holz über Wasserstraßen transportierten, später kursächsischer Oberforstmeister und Landjägermeister des erzgebirgischen Kreises. Diese familiäre Prägung verschaffte Hannß von Carlowitz nach einer Tätigkeit als Kammerjunker am Dresdner Hof und Amtshauptmann im Jahre 1679 "aus sonderbaren Gnaden" und "in Betrachtung seiner bei den Floß- und Bergsachen von Jugend auf und [seiner] sonst erlangten anständigen Wissenschaft wegen" die Stellung eines "Vice"-Berghauptmanns. 1709 stieg er zum Kammer- und Bergrat auf, 1711 zum Oberberghauptmann. Seine beruflichen Erfahrungen flossen bis zur Veröffentlichung 1713 schließlich ebenso wie die Erkenntnisse während seiner Kavalierstour in sein 432 Seiten starkes Sylvicultura oeconomica ein. Besonders an diesem umfangreichen, dreiteiligen Werk war, dass es als erste eigenständige Arbeit über die Forstwirtschaft nicht nur von einem Nichtforstmann verfasst war und alle damals erhältlichen Informationen über Baumzucht und Holzgewinnung enthielt. Es verzichtete insbesondere auf Gewohnheiten und Regeln hinsichtlich der Holzwirtschaft, die dem Aberglauben und Nichtverstehen von Vorgängen in der Natur entstammten.

Von Carlowitz war auch, aber nicht ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen daran interessiert, dass die "Gehöltze [als] der größte / ja der unerschöpffliche Schatz unseres [Sachsen-]Landes" entsprechend ihrer Nutzung wieder aufgeforstet wurden: Man sollte die "Oeconomie also und dahin einrichten, daß wir […] wo es abgetrieben ist / dahin trachten / wie an dessen Stelle junges wieder wachsen möge." Daraus entwickelte er sein oft zitiertes Prinzip der Nachhaltigkeit: "Wird derhalben die größte Kunst / Wissenschaft / Fleiß / und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen / wie eine sothane [=solche] Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen / daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weil es eine unentbehrliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse [im Sinne von Bestand, Dasein] nicht bleiben mag."

Das Wort "nachhaltend" wird nur einmal in dem dreiteiligen Werk verwendet, dennoch gilt von Carlowitz aufgrund seiner Gedanken zum pfleglichen Umgang mit der Natur als Schöpfer des Begriffs "Nachhaltigkeit". Hannß von Carlowitz starb ein Jahr nach der Erstveröffentlichung der Sylvicultura oeconomica. Sein zukunftsweisendes Werk wurde 1732 in einer zweiten Auflage herausgebracht, die 2009 in einem Reprint erschien. Sein hohes Ansehen wurde bei seiner Beerdigung unter anderem durch diese Worte wiedergegeben: "Der Wälder Fruchtbarkeit, Vermehrung der Metalle / Die Kunst, wie man mit Torf die Stuben heizen kann, / Und wem an Tugend mehr hat jemals was gefallen, / Hat Carlowitzens Ruhm getragen himmelan".

››› Stella Eichhorst, Leiterin Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura