Alnatura bewegt – Goldener Tritt und scharfer Biss

Die Wanderschäferei in Bayern und Baden-Württemberg gehört zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe. Doch immer weniger Schäferinnen und Schäfer machen sich auf den Weg. Alnatura besuchte einen von ihnen, der auszog, das Hüten zu lernen, sich in Deining in der Oberpfalz eine Demeter-Schäferei aufbaute und dessen Tochter nun in seine Fußstapfen treten will.
Herde
Es ist frostig, so kurz vor der Morgendämmerung. Franziska Schenk (18) geht schweigend neben ihrem Bruder Johannes (21). Kurz schaut sie zum sternenklaren Himmel hoch. Es wird ein sonniger Tag, freut sie sich. Nach der Fütterung im Stall wird sie die 400 Schafe auf der Wiese aus dem Nachtpferch holen, um mit ihnen zur nächsten Weide zu wandern. Doch noch fühlen sich ihre Beine schwer an, wie jeden Morgen und Abend, und müssen erst wieder in Gang kommen nach dem vielen Laufen am Vortag. Sie schließt den Stall auf. Knapp 1 300 Mutterschafe und Lämmer sowie hundert Ziegen blöken und meckern im Chor, wollen gefüttert werden. Auch zwei Esel machen sich bemerkbar. Franziska greift zur Schubkarre und füllt die Futtertröge mit Silage. Johannes klettert auf den Laufkran und verteilt aus luftiger Höhe frisches Stroh in den großräumigen Boxen. Danach hilft er seiner Schwester beim Füttern. Das Blöken wird mit jeder neuen Ladung Futter weniger. Die Bewegungsabläufe der Geschwister sind fließend. Sie arbeiten in schnellem, aber nicht hastigem Rhythmus. Zuletzt werden die schweren Wasserbehälter aufgefüllt. Langsam suchen sich erste Sonnenstrahlen filmreif den Weg über die hellen Wollkleider friedlich fressender Schafe. Sie schenken dem Morgen einen Hauch Romantik.
Vater und Tochter

Ein heute seltenes Handwerk

Draußen begrüßen acht Altdeutsche Hütehunde den neuen Tag mit einer kurzen Toberei, während Franziskas Vater Markus Schenk (51) ihre Futternäpfe füllt. Franziska pfeift nach Beppo, es ist der erste Hund, den sie allein trainiert. »Er macht schon einen ganz guten Job«, lobt Vater Markus. Heute wird Franziska mit Beppo die 400 Merino-Landschafe, Lämmer und jungen Böcke draußen auf den Wiesen hüten. Schon als Kind hat sie ihren Vater gerne beim Hüten begleitet und möchte in seine Fußstapfen treten. Sie ist im ersten Lehrjahr, um Tierwirtin der Fachrichtung Schäferei zu werden. »Es sind immer mehr junge Frauen, die den Beruf lernen«, stellt Markus, der als Schäfermeister seine Tochter ausbildet, fest. Bundesweit erlernen gerade einmal 48 Jugendliche und junge Erwachsene das Schäferhandwerk, darunter 23 Frauen.

Hund
Wie seine Tochter war auch Markus als Kind fasziniert von den Schafherden. Auf seinem Fahrrad begleitete er fast täglich einen alten Schäfer, der oft an seiner Grundschule in Heidenheim vorbeizog. Bald war sein Traumberuf klar: Er wollte Wanderschäfer werden. Markus borgte sich nach der Ausbildung Geld von Vater und Onkel, um die ersten 300 Schafe, zwei Hunde und den Karren zum Übernachten zu kaufen. Dann stürzte er sich in das Abenteuer. »Es hat etwas Besonderes, allein eine Herde zu führen, mit den Hunden zu arbeiten, aber auch die freie Natur mit ihren Jahreszeiten zu erleben. Ich habe neue Landstriche entdeckt und musste mit minimalem Lebenskomfort auskommen, Hitze und Kälte ertragen. Du gehst mit den Schafen durch dick und dünn, spürst, wie sie dir vertrauen«, versucht Markus die Faszination, Anstrengung und das Abenteuer Wanderschäferei zu beschreiben. »Und du lernst unterwegs nicht nur andere Menschen kennen, sondern auch dich selbst. Wenn tagelang keine Menschenseele zu sehen ist, musst du schon gut mit dir allein auskommen können«, hat Markus gelernt. »Wenn du aber viel Glück hast, kannst du unterwegs sogar die große Liebe finden«, fügt er lachend hinzu. Seine Frau Sandra lernte er zufällig auf einem Bauernhof kennen, als er in seiner Not, so tief wie der Schnee, für seine Schafe dringend Heu besorgen musste. Heute sind sie 20 Jahre verheiratet, ihre drei Kinder erwachsen. Gemeinsam haben sie in Deining in der Oberpfalz die Demeter-Schäferei – den Hagnerhof – aufgebaut.
Gegenlicht

Mit Auge und Gespür

Franziska und ihr Vater machen sich mit einem voll beladenen Jeep auf den Weg zur Wiese. Als sie das Gatter öffnen, drängeln sich die Tiere ungeduldig hinaus. Markus läuft vor den 400 Mutterschafen, den Zibben, und deren Lämmern voran. Franziska bleibt hinten. Drei Hunde halten die Schafe zusammen, darunter auch Beppo. Franziska pfeift und ruft ihnen Befehle zu. Als sie die noch vom Nebel dampfende Wiese erreichen, schauen sich die Schafe gelangweilt um. »Sie hätten lieber einen frischen Futterplatz«, so Franziska. Aber erst, wenn alles ordentlich abgefressen wurde, geht es weiter. Die junge, zierliche Frau in dem langen Schäfermantel stützt sich mit beiden Händen auf ihre Schäferschippe, wie der Hirtenstab genannt wird, und beobachtet die Tiere.

Mittlerweile haben sie mit dem Fressen angefangen und genießen wie Franziska die Wärme der Sonne. Markus gesellt sich zu seiner Tochter. »Welche Lämmer würdest du zur Zucht aussuchen?«, fragt er nebenbei. Sie sieht sich eine Weile um. Dann wählt sie sicher ihre Favoriten. »Franziska hat ein gutes Auge, welche Widder geeignet sind. Sie spürt auch sehr schnell, wenn es einem Tier nicht so gut geht«, freut sich der Vater.

Schafe auf Wiese

Schafe pflegen Äcker und Wiesen

Markus’ Jüngste wird einen leichteren Berufsstart haben als er selbst, obwohl sich die Bedingungen für die Wanderschäferei kontinuierlich verschlechtern. Nur noch fünf Wanderschäfereien zählt die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände e. V. »Selbst ich könnte heute ohne die zusätzliche Stallhaltung nicht mehr überleben«, so Schenk. Dabei wurde die Wanderschäferei in Bayern und Baden-Württemberg zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe ernannt.

Schafe werden bei niedrigen Woll- und Fleischpreisen zum Kostenfaktor. Immer neue Straßen zerschneiden die Landschaft, Triebwege verschwinden, Felder werden zu Bauland oder deren Pacht unbezahlbar. »In unserem Dorf gibt es keine weitere Viehhaltung mehr. Viele Bauernfamilien geben auf und mit ihnen geht der Dorfcharakter verloren«, bedauert Markus die Entwicklung. »In der intensiven Landwirtschaft kommen Stoppelfelder kaum noch vor und Schafherden sind oft nicht mehr erwünscht. Viele Bäuerinnen und Bauern wissen gar nicht mehr, dass der Schaftrieb über ihre Felder ein Segen ist. Nach dem Abgrasen sind die Wiesen und Äcker gepflegt und gedüngt, Mäuselöcher werden zugetrampelt. Bei manchen Saaten entfällt das mechanische Festwalzen und die Wintersaat treibt nach einem frühen Abgrasen kräftiger aus. Nicht umsonst spricht man vom ›goldenen Tritt und scharfen Biss‹«, so Schenk. Schafherden sorgen dafür, dass Kulturlandschaften und Naturschutzgebiete erhalten bleiben. »Für mich sind ökologischer Landbau und Landschaftspflege Priestertum an der Erde«, betont er.

Es ist dunkel geworden und wieder kalt. Alle Arbeit ist getan. Zu Hause setzt sich Franziska müde, aber gut gelaunt mit den anderen an den gedeckten Tisch. Wenn die Schafe entspannt und mit vollen Bäuchen in den neuen Pferch einmarschiert sind, war es für Franziska – so wie heute – ein guter Tag. 

Franziska Schenk

Über die Demeter-Schäferei Schenk

  • fünf Festangestellte (davon drei der Familie)
  • 68 Hektar Acker, Weiden und Wiesen in Pacht
  • 1.800 Mutterschafe, zwölf Böcke und tausend Lämmer
  • hundert Ziegen, zwei Esel und weiteres Kleinvieh
  • Holzstall mit Platz für 1.500 Tiere
  • Landschaftspflege auf etwa 700 Hektar
     

»Ein Leben ohne die Schafe ist für mich unvorstellbar.« Franziska Schenk

 

Fotos: Jonas Werner-Hohensee