Stichwort weibliche Gründung 

Alnatura im Gespräch mit den foodloose-Gründerinnen

2010 haben Katharina Staudacher und Verena Ballhaus-Riegler das Unternehmen foodloose gegründet. Aus dem kleinen Hamburger Start-up wurde schnell ein erfolgreiches Unternehmen. Wir haben mit den beiden Frauen über das Thema weibliche Gründung in der Lebensmittelbranche gesprochen.
Katharina und Verena

Die Lebensmittelbranche ist an vielen Stellen immer noch sehr männlich geprägt. Glauben Sie, dass Sie als weibliches Gründerinnen-Duo anders wahrgenommen und behandelt worden sind?
Katharina (rechts im Bild): „Ja, das haben wir auf jeden Fall gemerkt – gerade am Anfang hatten wir das Gefühl, dass wir vielerorts nicht wirklich ernst genommen wurden. Das hat schon bei der Suche nach einem passenden Produzenten angefangen, der nicht nur an das Produkt, sondern auch an uns glaubt. Das lag zwar sicherlich auch daran, dass die Produktion für unser Produkt komplett umgestellt werden musste, weil wir eben lediglich mit Agavendicksaft süßen wollten und hier natürlich auch Investitionen seitens des Produzenten nötig waren.

Aber wir wurden ungeachtet dessen einfach oft belächelt und unsere männlichen Gegenüber haben uns das Gefühl gegeben, dass wir hier so etwas wie Beschäftigungstherapie machen. Und das ist eine Erfahrung, die weibliche Gründerinnen leider immer wieder machen.“

Verena:
„Gerade auf Messen war es teilweise absurd. Oft wurden wir gefragt, ob das wirklich wir machen, oder ob wir von der einer Messeagentur seien. Und bei vertraglichen Fragen kam gerne mal der Satz ‚Leg das noch mal deinem Chef vor‘. Also es sind echt verrückte Dinge passiert, die wir eigentlich nicht für möglich gehalten hätten.“

Die Gründung von foodloose ist mehr als zehn Jahre her. Hat sich seitdem etwas verändert? 
KS: „Bestimmt hat sich einiges zum Guten verändert, aber solche Situationen gibt es auch heute noch. Wenn wir zum Beispiel nach einem sehr freundlichen Vorgespräch mit einem potenziellen Partner die Verträge rausholen und natürlich auch hart in der Sache über Preise verhandeln, gibt es immer wieder die Momente, in denen unser Gegenüber überrascht reagiert, da wir für nette „Messedamen" gehalten worden sind (lacht).“

Im Hamburger Hafen
Zum Zeitpunkt der Gründung waren Ihre Kinder noch sehr jung und wurden teilweise noch gestillt, während Sie Fachmessen besucht und Kundentermine wahrgenommen haben. Wie haben Sie das alles geschafft? 
VBR: „Tatsächlich haben wir inzwischen beide drei Kinder, die teilweise immer noch sehr klein sind. Grundsätzlich ist es natürlich ein ziemlicher Spagat, aber es ist auch absolut machbar, wenn man das wirklich will, dahintersteht und natürlich auch Spaß an der Sache hat. In ganz vielen Situationen war es sogar viel einfacher, als man es sich vielleicht ausgemalt hat. Wenn man zum Beispiel sein Baby auf der Biofach (Anm. d. Red.: Fachmesse für biologische Lebensmittel) dabei hat, macht man sich zuerst natürlich Sorgen, ob man unprofessionell wirkt. Aber ich muss wirklich sagen, dass wir da fast nur positive Erfahrungen gemacht und gutes Feedback bekommen haben.“

KS: „Es ging eben auch gar nicht anders, daher war die Frage, ob das jetzt angemessen oder nicht ist, irgendwann auch egal. Ich erinnere mich noch gut an einen Termin bei einem Produzenten, während dem ich mein drei Monate altes Baby mitten im Gespräch stillen musste. Als wir dann dabei die Preise und Mengen verhandelt haben, war die Situation sogar definitiv zu meinem Vorteil, da mein Gegenüber von der Situation etwas überfordert war … Und ein Punkt ist mir noch wichtig: Unsere Kinder erleben uns als arbeitende Mütter dabei, wie wir das tun, was uns glücklich macht und wofür wir brennen. Die Botschaft, dass Arbeit Spaß macht, können wir so ganz selbstverständlich an unsere Kinder vermitteln.“
 
1% Happiness

Wie beschreiben Sie die Unternehmensphilosophie von foodloose? 
KS: „Unsere Vision ist erst einmal, der Welt zu zeigen, dass man mit veganen und natürlichen Bio-Rohstoffen wirklich richtig leckere Geschmacksexplosionen kreieren kann. Darüber hinaus arbeiten wir sehr wertschätzend, versuchen für jeden Mitarbeitenden seinen ›Happy Place‹ zu finden und wollen, dass man sich bei uns entfalten kann – auch in seiner Persönlichkeit. Und auch im Umgang mit Partnern und Herstellern achten wir auf ein partnerschaftliches Miteinander. Und das ist schon ein krasser Unterschied zu der Geschäftswelt, die wir bei unseren früheren Angestelltenverhältnissen kennengelernt haben.

Außerdem war es uns von Anfang an wichtig, mit foodloose neben dem wirtschaftlichen Erfolg etwas Gutes zu tun, einen positiven Impact zu haben: Wir spenden ein Prozent unseres Umsatzes an gemeinnützige Organisationen. Im Grunde geht es bei all diesen Dingen um die Sinnhaftigkeit des Unternehmens. Und die Suche nach neuen Antworten auf immer neue Fragen ist dabei ein kontinuierlicher Prozess. Neben neuen Rezepturen wollen wir uns auch hier ständig weiterentwickeln.“


Welchen Rat haben Sie für Frauen, die sich überlegen, selbst ein Unternehmen zu gründen?

KS: „Machen! (Lange Pause). Und nicht so viel zögern. Viele Frauen zögern zu lange und denken, sie müssten sich zwischen Kindern oder Job entscheiden. Das stimmt aber definitiv nicht. Und es ist wichtig, dass man sich einfach früh Hilfe holt. Nicht jeder kann alles und es hilft natürlich, wenn man sich ein Netzwerk aufbaut. Es gibt mittlerweile auch einige Organisationen, die sich speziell an weibliche Gründerinnen wenden, zum Beispiel nushu, bei dem auch wir Mitglied sind. Hier in Hamburg gibt es außerdem das Foodlab, ein Angebot für Frauen und Männer, die sich in der Lebensmittelbranche selbstständig machen wollen, inklusive einer kleinen Produktions- und Testküche.“

VBR:
„Das Wichtigste ist, wirklich die Möglichkeiten nutzen, die es gibt. Oft wartet man einfach zu lange. Ich rate: ‚Trau dich! Und lass dich gleichzeitig nicht so viel ablenken.' Wenn man seine Vision hat, ist es gut, dann auch im Tunnelblick-Modus alles daranzusetzen, genau diese Version wahr werden zu lassen und sich dabei nicht von Meinungen und Zweifeln beirren zu lassen. Also es bleibt dabei, der beste Rat ist, es einfach zu machen!“

Das Interview führte Sebastian Fuchs.
Fotos: foodloose