Sunderlal Bahuguna - Umweltschutz-Pioniere

Die Chipko-Bewegung und ihr gewaltfreier Widerstand gegen die Abholzung der Himalaja-Wälder.

Die Anhänger der Chipko-Bewegung waren Pioniere – Pioniere des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit und das in einer Zeit, in der die Wenigsten etwas mit diesen Begriffen anzufangen wussten. Es war eine Zeit, in der es vielmehr darum ging, den Fortschritt voranzutreiben und auf dem Weltmarkt mitzuhalten. Auch in Indien: In den 1960er-Jahren wurden hier, vor allem im Himalaja-Gebiet, viele Wälder gerodet. Erdrutsche und Überschwemmungen waren die Folgen. Ernten und Häuser wurden zerstört. Vor allem die ländliche Bevölkerung, die einfachen Bauern, litten stark, denn die Waldgebiete waren existenziell für ihren Lebensunterhalt. Nach den Rodungen waren es vor allem die Frauen in den Bauernfamilien, die nun immer weitere Wege zurücklegen mussten, um Nahrung und Wasser zu beschaffen.

Aus dieser Situation heraus entwickelte sich Anfang der 1970er-Jahre die Chipko-Bewegung, deren Ausrichtung der Philosophie Gandhis folgt – einer Lehre, der zufolge versucht wird, mit gewalt freiem Widerstand die jeweiligen Ziele zu erreichen. Der Widerstand der Chipko-Bewegung richtete sich gegen Menschen, die die natürlichen Ressourcen in den Wäldern schädigten und so das ökolo gische Gleichgewicht störten. Sie entstand allerdings aus einer spontanen Aktion heraus. Chipko bedeutet auf Hindi "umarmen", und das war es auch, was die Anhänger dieser Bewegung taten: Sie umarmten Bäume und schützten sie so davor, gefällt zu werden. Eine gewaltfreie Bewegung also, deren Ziel der Schutz und die Erhaltung der Bäume und Wälder war und ist.

Seinen Anfang nahm der Widersatnd im Jahr 1973. Beauftragte Firmen waren in ein Dorf gekommen, um mehrere Hundert Bäume für einen Sporthersteller zu fällen, der daraus Tennisschläger fertigen wollte. Die Gegend war zuvor schon fast kahl gerodet worden. Schnell versammelten sich daher die Frauen des Dorfes, um zu verhindern, dass auch die letzten Bäume verschwanden. In ihrer Verzweiflung sahen sie keinen anderen Weg, als sich an den Bäumen festzuklammern. Die Holzfäller versuchten, sie mithilfe von Waffen einzu schüchtern, hatten aber keinen Erfolg. Die Frauen blieben standhaft und ließen nicht von den Bäumen ab, sodass die Holzfäller sich an diesem Tag geschlagen geben mussten. Sie zogen ab.

Ein Jahr später ereignete sich in einer anderen Region das gleiche. Und auch in den nächsten Jahren gelang es den Menschen immer wieder, sich mittels der "Umarm-Methode" zu wehren. Die Frauen erzählten einander von dem geglückten Widerstand. Sie sprachen darüber an den Wasserstellen, auf ihren Wanderwegen und auf den Märkten. Bis Ende der 1970er- Jahre wurden in ganz Indien immer wieder Bäume umarmt und auf diese Weise vor dem Fällen bewahrt.

In den 1980er-Jahren hatte sich schließlich die Idee der Chipko-Bewegung in ganz Indien verbreitet. Die Frauen hatten fest gestellt, dass sie nicht machtlos waren, auch wenn es ihnen anfangs so erschienen war. Eine kleine, durch engagierte, mutige Frauen entstan dene Bewegung hatte es geschafft, zu einer nationalen Aktion zum Schutz der Bäume zu werden. Die Chipko-Bewegung erreichte es, die schnelle Waldrodung einzudämmen und schuf nicht nur ein Bewusstsein für Umweltschutz, sondern rüttelte auch die Zivilgesellschaft in Indien auf. Und vor allem nahmen die ärmeren Bauern ihr Schicksal nicht mehr einfach so hin.

Auch wenn die Chipko-Bewegung vorwiegend von Frauen repräsentiert wurde, gab es auch viele Männer, die sich ihr anschlossen und für die Rechte der Landbevölkerung und für den Umweltschutz eintraten. Einer der bekanntesten Chipko-Anführer ist Sunderlal Bahuguna. Mit ihm hatte die Bewegung auch politisch Fahrt aufgenommen. Mit seiner Forderung "ecology is the permanent economy – Ökologie ist die dauerhafte Wirtschaft" wurde er zum politischen Sprachrohr der Initiative. Er sprach 1980 bei der damaligen indischen Premierministerin vor und erreichte, dass im Himalaja-Gebiet das Fällen der Bäume verboten wurde. Von 1981 bis 1983 legte Bahuguna einen 5.000 Kilometer langen Fußmarsch durch das Himalaja-Gebiet zurück und verbreitete die Chipko-Botschaft. Bahuguna erhielt stellvertretend für die gesamte Chipko-Bewegung 1987 den Right Livelihood Award, den Alternativen Nobelpreis.

Der Chipko-Bewegung gelang es, größere Probleme der ökologischen und wirtschaftlichen Ausbeutung der Region öffentlich zu machen. Die Dorfbewohner forderten Verträge, die das Ausbeuten der Wälder verhinderten und den örtlichen Gemeinden die Kontrolle über ihre natürlichen Ressourcen zusicherten.

Über die letzten vier Jahrzehnte haben sich viele indische Umweltaktivisten immer wieder auf die Chipko-Bewegung berufen. Denn auch sie wissen: Fortschritt funktioniert nur, wenn die Umwelt im Gleichgewicht bleibt.

››› Gastbeitrag Natalia Lucic, Schülerin der Deutschen Journalistenschule in München

Der Alternative Nobelpreis

Im letzten Jahr feierte der Right Livelihood Award, auch Alternativer Nobelpreis genannt, seinen 30. Geburtstag. Für einige Schülerinnen und Schüler der renommierten Deutschen Journalistenschule in München (DJS) ein würdiger Anlass, sich genauer mit einigen der Vordenker für eine nachhaltige Entwicklung und deren konstruktiven Umsetzungen zu beschäftigen.