Wirtschaft nachhaltig neu denken

Der Erkenntnis, dass eine auf rein materiellem Wachstum beruhende Wirtschaft an ihre Grenzen stößt, steht die Herausforderung gegenüber, Ideen für nachhaltige Alternativen zu entwickeln.

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Um einen ganzheitlichen Blick auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen zu fördern, bietet die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn den Studiengang Betriebswirtschaftslehre unter dem Motto “Wirtschaft neu denken“ an. Neben dem Erlernen klassischer Inhalte eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums werden die Studierenden durch integrierte Kunstprojekte, Veranstaltungen des Studium Generale und intensive Praxisphasen bei verschiedenen Partnerunternehmen darin geschult, Bestehendes kritisch zu hinterfragen und interdisziplinäre, nachhaltige Lösungsansätze für unternehmerische Herausforderungen zu entwickeln. Das am Fachbereich ansässige und von Alnatura Geschäftsführer Götz Rehn gegründete Institut für Sozialorganik ergänzt dieses Konzept durch die Erweiterung wirtschaftlicher Fragestellungen um eine Sinndimension: Der traditionellen Dreigliederung des Nachhaltigkeitsbegriffes in eine soziale, ökologische und ökonomische Dimension wird eine vierte Komponente hinzugefügt, die nach dem Sinn wirtschaftlicher Aktivitäten im Hinblick auf ihre kulturell-geistige Bedeutung für den Menschen fragt.

Auf diese Weise rücken wirtschaftswissenschaftliche Fragen in den Bereich grundlegender Überlegungen zum Menschen- und Weltbild; untersucht wird nicht Gewinn-, sondern Sinnmaximierung. Hier stützen sich die Mitarbeiter des Instituts vor allem auf die geisteswissenschaftlichen Ansätze Rudolf Steiners zu Unternehmen als sozialen Organismen, die von Menschen als geistig-schöpferische Wesen aktiv gestaltet werden. Welche konkreten wirtschaftlichen Methoden und Formen der Zusammenarbeit für eine wesensgerechte Entwicklung des Menschen förderlich sind, untersuchen sie in verschiedenen Forschungsprojekten.

Julia Döring, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Wirtschaft, beschäftigt sich mit der Frage, was nachhaltige Gestaltungsformen der Führung auszeichnet. “Aus ­einer Grundidee heraus haben Studierende unseres Fachbereichs gemeinsam mit Führungskräften das Modell der ›Situativen Führung‹ entwickelt – ein Ansatz, der Führung nicht in Kontrolle, Erziehung oder Unterstützung sieht, sondern freilassend eine unternehmerische Selbstführung der Mitarbeiter ermöglicht. Das Konzept dieser ›Führung zur Selbstführung‹ wurde in die Führungspraxis transformiert. Zu meinen Forschungsaufgaben gehört es, diese Praxis wiederum wissenschaftlich zu untersuchen, um herauszufinden, in welche Richtung sich der Ansatz in Zukunft weiterentwickeln sollte“, so die Kommunikationswissenschaftlerin. “Besonders faszinierend dabei finde ich, dass Führung immer dort am nachhaltigsten zu sein scheint, wo es ihr situativ gelingt, sich selbst überflüssig zu machen.“

Ihr Kollege Philipp Hummel widmet sich im Controlling der Erforschung und Weiterentwicklung der Wertbildungsrechnung: Sie bildet als Ergebnisrechnung die Prozesse eines Unternehmens transparent und möglichst wirklichkeitsnah ab. Im Gegensatz zu herkömmlichen Formen der Kostenrechnung wird dabei alles, was seitens des Unternehmens zur Entstehung eines Produktes beiträgt, nicht als Kostenfaktor, sondern als Leistung betrachtet, die in den Wert des Produktes einfließt. Diese Begrifflichkeit führt zu einer neuen Betrachtung der Tätigkeit der Mitarbeiter: Sie verursachen nicht Kosten, die es zu minimieren gilt, sondern sind maßgeblich am Entstehen einer Unternehmensleistung beteiligt. “Nutzt man die Wertbildungsrechnung in der Zusammenarbeit, trägt sie dazu bei, dem Einzelnen ein besseres Verständnis der Wertschöpfungskette des Unternehmens und seiner Teilbeiträge zu ermöglichen. Auf diese Weise wird ein unternehmerischer Blick für Bedeutung und Folgen des eigenen Handelns gefördert. Unternehmensprozesse können ganzheitlich betrachtet und Entscheidungsspielräume sinnvoller genutzt werden“, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler.

Neben Vorlesungsinhalten und Forschungsprojekten werden regelmäßig Workshops, Arbeitskreise und Tagungen vom Institut für Sozialorganik organisiert, bei denen Interessierte aus Wirtschaft und Wissenschaft miteinander diskutieren und Ideen weiterentwickeln.

››› Gastbeitrag Institut für Sozialorganik

ALANUS Hochschule

Das Institut für Sozialorganik wurde 2007 am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn gegründet, um wirtschaftliche und gesellschaftliche Phänomene unter besonderer Berücksichtigung der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus zu erforschen. Seinen Etat bestreitet es aus Zuwendungen von Unternehmen und Förderpartnern. Institutsleiter ist Prof. Dr. Götz E. Rehn.