Plädoyer für nachhaltige Technologien

Interview mit Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Schweisfurth-Stiftung München

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Bioökonomie soll nach dem Willen einer mächtigen Allianz aus Politik, Wissenschaft und Industrie als Zukunftstechnologie nachhaltige Lösungen für nahezu alle Lebensbereiche bieten. Doch die bioökonomische Strategie und ihre immer weiter greifende Ökonomisierung allen Lebens stößt zunehmend auf Kritik.  

Was ist Bioökonomie? Welche Chancen bietet sie?

Franz-Theo Gottwald: Nach der Definition des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist Bioökonomie eine Wirtschaftsform, die auf der nachhaltigen Nutzung von biologischen Ressourcen wie Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen basiert. Die Bundesregierung erhofft sich neue wirtschaftliche Chancen und internationale Wettbewerbsfähigkeit insbesondere in der Industrie sowie der Agrar-, Lebensmittel- und Energiewirtschaft. Das Hauptargument ist, dass die wachsende Weltbevölkerung für den Anbau von Nahrungs-, Futter-, Energie- und Industriepflanzen immer mehr Flächen benötigt, sich die vorhandenen Ressourcen jedoch immer weiter verknappen. Also soll nach dem bioökonomischen Verständnis die Bodenproduktivität und Pflanzenproduktion durch technische, chemische oder biotechnologische Lösungen weiter gesteigert werden.

Sie kritisieren die Bioökonomie als einen totalitären Ansatz. Weshalb?

Mit der Bioökonomie soll die grenzenlose kommerzielle Nutzung allen Lebens noch weiter vorangetrieben werden. Nichts anderes hat aber letztlich in der Vergangenheit stattgefunden – mit zum Teil verheerenden Folgen für die natürliche und soziale Mitwelt. Verarmung des Genpools und Artenschwund, weitere Ressourcenverknappung, Verlust von fruchtbaren Böden, Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen und die beschämende Anzahl hungernder Menschen sind erschreckende Beispiele für die Kollateralschäden technischer Veränderungen des Lebendigen. Die Bioökonomie bietet keine wirklich nachhaltigen Lösungen – sie ist vielmehr Teil und Ursache dieser Probleme. Politik, Industrie und Forschung haben mit der Bioökonomie einen technokratischen, wissens- und kapital­intensiven Fortschrittsansatz formuliert, der sämtliche agrar-ökologischen Alternativen ausblendet. Dabei sind es – das hat etwa der Weltagrarbericht gezeigt – gerade die lokal angepassten, kleinteilig strukturierten und sozial verträglichen Lösungen, die nachhaltige Entwicklung vorantreiben. Insbesondere bei der Ernährungssicherung kann es nicht länger um die bloße Effizienzsteigerung von Pflanzen und Böden gehen. Hier gilt es, langfristig dezentrale Infrastrukturen vor Ort zu etablieren, unfaire Handelsbedingungen und Exportsubventionen abzubauen und lokale Märkte und Gemeinschaften zu stärken. Solche Lösungen nützen nachweislich Natur und Mensch – aber sie entsprechen nicht den Interessen der Großindustrie.

Aber angesichts der vielfältigen Herausforderungen der Zukunft benötigen wir doch dringend neue Konzepte und Innovationen für nachhaltige Entwicklung?

Ja, wir brauchen Forschung und Innovation für einen Strukturwandel – weg von der erdölabhängigen Land- und Lebensmittelwirtschaft. Doch für die Knappheit der Böden und die gravierenden Konkurrenzverhältnisse zwischen Ernährungssicherung, Energiegewinnung und Versorgung der globalen Tierbestände mit Futtermitteln bietet auch die Bioökonomie keinen nachhaltigen Lösungsansatz. Sie basiert vornehmlich auf Produktivitätssteigerung und Effizienzoptimierung durch Biotechnologien. Ein Irrsinn, wenn man sich überlegt, dass bis heute zum Beispiel niemand weiß, welche Folgen die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen für Umwelt, Tier und Mensch mittel- und langfristig hat. Es gibt zu wenig Risikoforschung. Das betrifft nicht nur grüne Gentechnik, sondern auch die Nanotechnologien, die sogenannte Präzisionslandwirtschaft und die Bioenergiewirtschaft.

Sie sehen durch die Bioökonomie auch die Freiheit der Forschung und die Demokratie gefährdet. Weshalb?

Zwischen 2010 und 2016 stellt die Bundesregierung im Rahmen der nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030 mehr als 2,4 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Erforschung alternativer, umweltschonender und sozial zuträglicher Methoden dümpelt jedoch seit Jahrzehnten im zweistelligen Millionenbereich. Diese Bevorzugung der Bioökonomie zuungunsten alternativer (Land-)Wirtschafts- und Produktionsformen ist nicht verantwortbar. Auch wird diese Forschungs- und Förderpraxis mit gesellschaftlichen Anspruchsgruppen kaum demokratisch diskutiert. Kritiker werden sofort als technikfeindlich und ewiggestrig diffamiert. Die Bioökonomie wird am Ende zu einer neuen hochmechanisierten Lebenswelt führen. Ob die Menschen dies wollen oder wollen sollten, steht bislang überhaupt nicht zur Debatte.

  ››› Dieser Text basiert in Teilen auf dem Interview von Thomas Gröbly mit Franz-Theo Gottwald unter zeitpunkt.ch*

Franz-Theo Gottwald, Prof. Dr. phil. Dipl.-Theol.

Franz-Theo Gottwald, Prof. Dr. phil. Dipl.-Theol., ist Vorstand der Schweisfurth-Stiftung München und lehrt als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin Agrar-, Ernährungs- und Umweltethik.

Lese-Tipp

Franz-Theo, Gottwald, Anita Krätzer, "Irrweg Bioökonomie. Kritik an einem totalitären Ansatz"
(edition unseld, Berlin 2014, ISBN: 978-3-518-26051-7, 14,– €)