Konzeptwerk Neue Ökonomie

Der unabhängige, gemeinnützige Verein beschäftigt sich mit dem Thema, wie wir unsere Wirtschaft sozial, ökologisch und demokratisch organisieren können.

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"Entschuldigung, ich habe eine Frage!", sprach mich der Mann an, der sich gerade neben mich gesetzt hatte. Das hatte ich mir schon gedacht, denn er trug ein riesiges gelbes Fragezeichen mit sich herum. Fragen standen hier auf der Degrowth-Konferenz in Leipzig im Mittelpunkt. "Wie kann es auf einem begrenzten Planeten unendliches Wirtschaftswachstum geben?" zum Beispiel. Aber auch "Wie schaffen wir ein gutes Leben für alle Menschen?" und natürlich die wichtigste Frage einer jeden Großveranstaltung: "Wo ist die Toilette?"

Doch nicht nur die Fragen waren wichtig in Leipzig, die Antworten waren es auch. Zur Toilette ging es die Treppe hin­unter. Und auf einem begrenzten Planeten führt unendliches Wirtschaftswachstum in eine ökologische Katastrophe, da jede wirtschaftliche Aktivität auch die Natur in Anspruch nimmt. Beides ist nützlich zu wissen und Letzteres eine grundlegende Einsicht, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz einte.

Auf der Konferenz gab es etwa 400 Veranstaltungen. In den meisten diskutierten die Menschen Forschungsergebnisse und politische Fragen, es wurden aber auch Saatgutkisten gebaut und künstlerische Performances sorgten für ungewohnte Blickwinkel. Im Gegensatz zu früheren sozialen Bewegungen sind hier sowohl der einzelne Mensch als auch der politische Wandel wichtig: Sehr gut besucht waren Veranstaltungen, die Begegnungsräume schafften und am Aufweichen der mentalen Infrastrukturen von Konkurrenz und Wachstum ansetzten. Oft fiel das Wort "Zeitwohlstand". Es bringt zum Ausdruck, dass viele Menschen sich einen anderen Lebensstil wünschen: eben einen mit mehr Zeit, ohne Konkurrenzdruck und Stress. Es geht also nicht "nur" darum, ökologisch nachhaltig zu handeln, sondern alles zu wollen – ein gutes Leben für alle – und dabei auch kritisch die eigenen Privilegien zu hinterfragen.

Die Degrowth-Bewegung zeichnet sich dadurch aus, dass sie bereits hier und jetzt ihre Ideen in die Realität umsetzt. In der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) arbeiten Bauern und Bäuerinnen gemeinsam mit Konsumentinnen und Konsumenten daran, Nahrungsmittel lokal und ökologisch herzustellen, sie solidarisch zu finanzieren und uns wieder mit der Herkunft unseres Essens vertraut zu machen. In Wohnprojekten leben Menschen gemeinschaftlich zusammen und verringern dadurch ihren ökolo­gischen Fußabdruck. In Energiegenossenschaften wird Strom lokal, erneuerbar und demokratisch produziert. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Auch die Konferenz selbst wurde so organisiert, dass sie ein Beispiel für die Wirtschaft der Zukunft war: demokratisch, ökologisch und sozial. In den 18 Monaten bis zur Konferenz traf man alle wichtigen Entscheidungen im Konsens – nie war eine Mehrheitsabstimmung nötig. Besonders erstaunlich erscheint im Rückblick, dass sich 30 Leute auf ein Logo einigen konnten! Die Verpflegung auf der Konferenz war vegan und biologisch, das Gemüse stammte von einer lokalen Kooperative. Um allen Men­schen die Teilnahme zu ermöglichen, war der Teilnahmebeitrag zwischen 15 und 200 Euro frei wählbar – ein Experiment, das die Konferenz in riesige finanzielle Schwierigkeiten hätte bringen können, wenn es schiefgegangen wäre. Das tat es aber nicht, vielmehr zeigte sich, wie Daniel Constein in seiner Begrüßungsrede sagte, "dass es möglich ist, eine Konferenz zu organisieren und sich auf die Solidarität und Ehrlichkeit von über 3.000 Menschen zu verlassen".

Es reicht aber natürlich nicht aus, eine Konferenz nachhaltig zu organisieren oder dass ein Teil der Bevölkerung seinen Lebensstil verändert. Damit alle Menschen gut leben können, müssen sich politische Rahmenbedingungen verändern. Kurz gesagt: Es muss leicht sein, solidarisch, ökologisch und demo­kratisch zu handeln. Um auf gesellschaftlicher Ebene Dinge zu verändern, bedarf es jedoch starker Akteure und Bündnisse.

Ein solches Bündnis wird, das wurde in Leipzig klar, im kommenden Jahr zum Beispiel für den Klimaschutz entstehen. Ohne eine Abkehr vom Wachstum ist Klimaschutz nicht zu schaffen, denn alle Treibhausgas-Einsparungen der Vergangenheit wurden vom Wirtschaftswachstum zunichtegemacht. Mittlerweile muss alleine die deutsche Gesellschaft in den nächsten 36 Jahren etwa 90 Prozent ihres Treibhausgas-Ausstoßes reduzieren, um nicht zu einer Klimakatastrophe beizutragen. So schwierig das ohnehin schon wird, auf einem Wachstumskurs ist es unmöglich.

Die Konferenz hat dieser noch jungen Bewegung großen Schwung verliehen. Die Veranstalter werden in den kommenden Jahren daran arbeiten, die Themen der Konferenz in Öffentlichkeit und Politik zu verankern. Interessierte, die sich gerne informieren oder auch mitwirken möchten, finden weitere Infor­mationen unter degrowth.de

Und falls der Herr mit dem großen gelben Fragezeichen diesen Artikel liest: Es tut mir leid, wir wurden auf der Konferenz unterbrochen, aber ich beantworte Ihre Frage immer noch gerne!

››› Gastbeitrag von Christopher Laumanns, Konzeptwerk Neue Ökonomie

Konzeptwerk Neue Ökonomie

Der unabhängige, gemeinnützige Verein beschäftigt sich mit dem Thema, wie wir unsere Wirtschaft sozial, ökologisch und demokratisch organisieren können. Bildungsarbeit, politische Kampagnen und Beratung werden durch Fördermittel und Spenden von Privatpersonen finanziert. Gemeinsam mit dem Förderverein Wachstumswende, welcher das soziale Netzwerk wachstumswende.de betreibt, dem Forschungsnetzwerk Research & Degrowth, dem DFG-Kolleg "Postwachstumsgesellschaften" sowie der Universität Leipzig hat das Konzeptwerk Neue Ökonomie die Degrowth-Konferenz 2014 organisiert.