Ein Schrank voll Müll?

Zu eng, zu kurz, zu unmodern. Ab damit in die Altkleidersammlung. 750.000 Tonnen Textilien geben die Deutschen jedes Jahr in die Verwertung. Doch was passiert damit?

"Deutsche Altkleider zerstören Tansanias Textilindustrie." Solche Schlagzeilen rücken alle zwei, drei Jahre das zweite Leben unserer Jeans und Röcke, Mäntel und T-Shirts ins Blickfeld. Filme und Artikel zeigen, dass "Altkleiderspenden" kaum direkt Bedürftigen zugutekommen. Altkleider sind eine weltweit immer stärker nachgefragte Handelsware.

In Deutschland führt das zu einer steigenden Zahl von – oft ohne Genehmigung – aufgestellten Sammelcontainern und zu immer mehr Straßensammlungen im Namen unbekannter Hilfsorganisationen. Oft steht nur eine Handynummer auf dem Zettel, unter der niemand rangeht. Dahinter stecken gewerbliche Sammler, die bewusst täuschen.

Es gibt auch zahlreiche Container mit den Namen und Logos bekannter Hilfsorganisationen wie "Das Rote Kreuz" oder "Die Johanniter". Geleert werden sie meist in deren Auftrag von professionellen Verwertern. Die zahlen der jeweiligen Hilfsorganisation einige Cent pro Kilogramm und können danach mit den Altkleidern machen, was sie wollen.

"Oft verschweigen karitative Sammler den Verkauf der Sammelware oder verschleiern ihn sogar gezielt", kritisiert Andreas Voget. Er ist Geschäftsführer des Verbands FairWertung. Darin haben sich bundesweit über hundert kirchliche Einrichtungen, gemeinnützige Vereine sowie Beschäftigungsgesellschaften zusammengeschlossen. Sie erwirtschaften mit dem Verkauf der Kleidung Einnahmen für ihre soziale Arbeit. Aber sie kümmern sich auch darum, was danach mit den Textilien geschieht, und informieren darüber.

Altkleider sind ein Gemisch unterschiedlicher Textilien und müssen per Hand sortiert werden. Dabei fallen verschiedene Qualitäten von Secondhand-Klamotten an. Sie machen knapp die Hälfte der gesammelten Menge aus. Was dafür zu zerschlissen ist, wird zu Fasern für Putzlumpen oder Dämmplatten verarbeitet. Der Rest kommt in die Müllverbrennung. Die meisten Secondhand-Läden und alle Sozialkaufhäuser verkaufen Textilien, die die Menschen direkt vor Ort abgeben. Die Altkleider aus den Sortierbetrieben gehen fast alle in den Export: Die besseren Stücke nach Osteuropa und in den Nahen Osten, die schlechteren nach Afrika.

Altkleider in Afrika: Preisgünstig und modisch.

Die Altkleider-Exporte nach Afrika sind seit 20 Jahren ein umstrittenes Thema. Die billigen, abgelegten Klamotten aus den Industrieländern hätten die Textilindustrie in den afrikanischen Staaten kaputt gemacht, weil die nicht so günstig produzieren konnte, so lautet eine gängige These. Auch bei FairWertung stand man diesen Exporten lange kritisch gegenüber. In den Jahren 2003 bis 2005 sprach der Verband mit Kirchenvertretern, Gewerkschaften, Hilfsorganisationen und anderen gesellschaftlichen Gruppen in Afrika, insbesondere in Tansania, Kamerun und Mali. Dieser Dialogprozess und zusätzliche Marktuntersuchungen ergaben ein sehr differenziertes Bild. "Secondhand ist für Menschen mit niedrigem Einkommen die preisgünstigste Möglichkeit, sich mit qualitativ guter und modischer Kleidung zu versorgen", sagt Andreas Voget. "In den meisten afrikanischen Ländern gibt es kein erschwingliches Angebot aus heimischer Produktion." Billige Importe aus China, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und die schwindende Kaufkraft der Bevölkerung hätten die afrikanische Textilindustrie zerstört, nicht die Altkleider-Importe. Sie gäben einer breiten Schicht an Händlern und Änderungsschneidern Arbeit. "Die Menschen haben auch die Missstände beim Handel mit Gebrauchtkleidern benannt: illegale Einfuhren, nicht gezahlte Importzölle, Korruption und die Marktmacht der wenigen Importeure, die den Großteil des Gewinns absahnen." Das seien aber keine generellen Argumente gegen den Handel mit Secondhand-Kleidung.

Andreas Voget empfiehlt Verbrauchern, genau darauf zu achten, wem sie ihre gebrauchte Kleidung überlassen. Erste Wahl für gut erhaltene Stücke seien Sozialkaufhäuser oder Kleiderkammern in der Nähe. Für die Sammlung empfiehlt er Organisationen, die dem Verband FairWertung angehören (www.fairwertung.de). Weil sie nicht flächendeckend vertreten sind, rät er Verbrauchern dazu, bei den Sammelorganisationen in ihrer Nähe anzufragen, wohin sie denn ihre Textilien verkaufen und welche Vorgaben sie den Verwertern machen. "Fordern Sie mehr Transparenz!"

››› Leo Frühschütz, freier Journalist

Gute Mode ist zeitlos

  • Alle Altkleider waren einmal neu. Bewusstes Einkaufen ist das wichtigste Mittel gegen wachsende Kleiderberge.
  • Kaufen Sie nur, was Sie tatsächlich brauchen.
  • Achten Sie auf gute Verarbeitung und hochwertige Qualität.
  • Billigmode hat oft ihren Preis: ausgebeutete Arbeiterinnen und verdreckte Umwelt in Bangladesch, China und anderswo.
  • Bei Kleidung, die man nur ein- oder zweimal anzieht, ist Leihen sinnvoller und günstiger als Kaufen.
  • In Secondhand-Läden finden sich oft modische und ausgefallene Sachen zu attraktiven Preisen.

Weitere Informationen unter www.fairwertung.de
Abgabestellen und Containerstandorte seriöser Sammler unter »Info«
www.sozialkaufhaus.com Adressen von Sozialkaufhäusern
www.drk.de/angebote/hilfen-in-der-not/kleiderkammern
Die Kleiderkammern des Roten Kreuzes
www.wieneu.net Liste von Secondhand-Läden
www.secondhand-online.de Verband von Secondhand-Läden
www.klamottentausch.net Termine von Klammottentauschpartys