Die Sonne schickt keine Rechnung

Ursula und Michael Sladek schufen mithilfe von Bürgerinitiativen die Voraussetzungen für die von ihnen gegründeten unabhängigen Elektrizitätswerke Schönau.

Seit dem Reaktorunfall in Fukushima am 11. März 2011 hat die Bundesregierung innerhalb weniger Wochen eine energiepolitische Kehrtwende vollzogen. Wurde im Oktober 2010 die Laufzeit deutscher Atommeiler noch um durchschnittlich zehn Jahre verlängert, so gingen nun innerhalb weniger Tage die sieben ältesten Meiler vom Netz, mit Krümmel stehen zur Zeit acht Anlagen still. An einem Regierungskonzept zur Energiezukunft wird derzeit gearbeitet, die öffentliche Debatte über Machbarkeit und Kosten von Atomausstieg und Energiewende ist jedoch bereits seit geraumer Zeit in vollem Gange.

Ist der Atomausstieg technisch machbar?

Bereits im August 2010 hat der Sachverständigenrat für Umweltfragen ein circa 680 Seiten starkes Gutachten vorgelegt, aus dem hervorgeht, dass ein Umstieg auf einhundert Prozent erneuerbare Energien bis zum Jahr 2050 problemlos möglich ist. Voraussetzung ist, dass die Atomkraftwerke (AKW) bis zum Jahr 2020 abgeschaltet werden. Das Öko-Institut Freiburg hat im März 2011 als Reaktion auf die Ereignisse in Japan eine Kurzstudie vorgelegt, in welcher der Ausstieg bis 2020 skizziert wird. Die acht momentan abgeschalteten Atomkraftwerke (8.700 Megawatt) führen nicht zu einer Stromknappheit. Aus Gründen der Netzstabilität wird es unterjährig zwar zu gelegentlichen Importen aus dem benachbarten Ausland kommen, der Jahresbedarf kann jedoch vollumfänglich durch deutsche Produktion gedeckt werden.

Was kostet die Energiewende?

Die Einschätzungen zu den Kosten von Atomausstieg und Energiewende gehen weit auseinander. Zunächst bleibt festzuhalten, dass Atomstrom keineswegs den Geldbeutel schont. Da die Kraftwerke in der Reihenfolge ihrer Gestehungskosten zugeschaltet werden, bestimmt immer das letzte – und teuerste – zur Befriedigung der Nachfrage noch notwendige Kraftwerk den Strompreis. Der mithilfe umfangreicher staatlicher Garantien – etwa in Bezug auf Müllentsorgung oder Versicherung – billig produzierte Atomstrom verspricht bei einem solchen "market clearing price" enorme Gewinnmargen für die Betreiber, die Kunden profitieren hingegen nicht. Bedingt durch Netz- und Kraftwerksausbau ist grundsätzlich von kurz- bis mittelfristig steigenden, langfristig aber sinkenden Stromkosten auszugehen – denn die Sonne schickt keine Rechnung. Der Sachverständigenrat prognostiziert die sogenannten Stromgestehungskosten aus einhundert Prozent erneuerbaren Energien – je nach Szenario – auf sechs bis elf Cent je Kilowattstunde im Jahr 2050, die Kosten sind also ohne Weiteres konkurrenzfähig.

Geht der Atomausstieg auf Kosten des Klimaschutzes?

Zunächst zum Klimaschutzpotenzial der Atomkraft: Die Atomenergie trägt lediglich zwei bis drei Prozent zum globalen Energiebedarf bei. Bereits diese Nischenposition macht deutlich, dass die Atomenergie keinen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Überdies ist die Technologie keineswegs CO2-neutral. Der Kraftwerksbau und -rückbau, die Müllentsorgung, aber auch der Uranabbau und die Transportlogistik emittieren sehr wohl Treibhausgase. Nach Berechnungen des Öko-Instituts verursacht eine Kilowattstunde Atomstrom, hergestellt mit einem Uran-Import- Mix, circa 31 Gramm CO2. Stammt das Uran ausschließlich aus Russland, steigen die Emissionen bereits auf 61 Gramm, bei Uran aus Südafrika schlagen gar 146 Gramm zu Buche (zum Vergleich: Windkraft emittiert durch den Anlagenbau circa 22 Gramm CO2). Diese Emissionen werden zukünftig noch deutlich ansteigen, da die leicht zu schürfenden Uranvorkommen bereits weitgehend erschöpft sind und neue Lagerstätten sehr viel aufwendiger erschlossen werden müssen. Zugleich offenbart sich auch Deutschlands Importabhängigkeit bezüglich des Urans. Atomenergie ist also mitnichten eine Klimaschutztechnologie. Vielmehr behindert das Festhalten an der Atomenergie den notwendigen und zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien, erfordert dieser doch flexible Spitzenlastkraftwerke und nicht starre Grundlast als ergänzende Kapazitäten. Im Gegensatz zu zum Beispiel Windkraftanlagen können Atomkraftwerke nicht nach Bedarf zugeschaltet oder heruntergefahren werden. Ein rascher Atomausstieg wird so zum Pluspunkt für den Klimaschutz.

Welche Herausforderungen stellt die Energiewende an uns?

Die energetische Neuausrichtung kommt ohne Zweifel einem gesamtgesellschaftlichen Strukturwandel gleich. Entsprechend sollte auch die gesamte Gesellschaft so weit als möglich an diesem Umbau beteiligt werden. Notwendige Maßnahmen im Kraftwerk- und Netzausbau erfordern den Dialog mit dem Bürger, dem die Möglichkeit zur Beteiligung an Erzeugung und Infrastruktur gegeben werden sollte. Ziel der Energiewende muss nicht nur die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien, sondern auch die Dezentralisierung und Demokratisierung der Energieerzeugung und -verteilung sein. Doch kann jeder Bürger sofort handeln und seinen persönlichen Atomausstieg vollziehen – mit der Wahl eines unabhängigen Ökostromanbieters, wie den Elektrizitätswerken Schönau, Greenpeace Energy oder Lichtblick. Der Umstieg ist denkbar einfach: Vertrag des ausgewählten Anbieters ausfüllen und absenden. Alles Weitere erledigt der neue Lieferant. Der Kunde hat neben dem guten Gefühl, nicht mehr für Atommüll verantwortlich zu sein, sogar in vielen Fällen den Vorteil eines günstigeren Preises. Und die Verbrauchermacht führt im besten Fall dazu, dass der Atomausstieg noch schneller vonstattengeht.

››› Gastbeitrag Sebastian Sladek, Geschäftsführer bei den EWS Schönau