Thalia Theater, Hamburg

Ein Stück Theatergeschichte – Das Thalia Theater im Herzen Hamburgs.

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Das Thalia Theater wurde vor gut 100 Jahren, im Jahr 1912, im Herzen Hamburgs neu gebaut, weil das alte Gebäude technisch nicht mehr genügte und man mehr Zuschauerplätze brauchte. Es gab weder Kino noch Fernsehen, und so boomte das Medium Theater in Deutschland wie kaum je zuvor. Der Weg des Thalia aber ist einzigartig: Bei seiner Gründung 1843 wurde ihm strikt verboten, ernsthafte Stücke zu spielen. Das Thalia sollte kein Stadttheater werden, sondern, nomen est omen, ein Ort der heiteren Muse. Seinen Rang als Kunstinstitut und die damit verbundene Freiheit hat es sich erst im Laufe der Zeit erkämpft. Sie besteht heute, dank staatlicher Unterstützung, in der Freiheit vor dem Kommerz. Das heutige Thalia ist nicht "im Markt", aber doch "am Markt": Es muss mehr Publikum gewinnen, mehr Einnahmen machen als andere vergleichbare Theater. Einnahmen durch harte "Arbeit", so wollen es die Stadtväter, sind Voraussetzung, um "Kunst" zu machen. Diese Aufgabe bewältigt das Thalia schlitzohrig seit vielen Jahren und definiert seine ökonomischen Notwendigkeiten als innere Freiheit. Kunstschaffende sind im aktuellen Kulturbetrieb weder immer frei – sie arbeiten hart und verrichten überdies auch eine Dienstleistung am Publikum –, noch sind die am Theater existierenden Berufe unfrei: Sie haben künstlerische Gestaltungsräume, von denen zum Beispiel Schlosser und Schreiner in anderen Betrieben nur träumen. Von dieser Unschärfe zwischen "Arbeit und Kunst" lebt das Theater.

Hochwertiges Handwerk

Panorama / Kultur vor Ort / Thalia Theater Hamburg Werkstatt

"Man darf nicht vergessen, hier wird wirklich Haute Couture produziert. Hier wird noch handwerklich hochwertig gearbeitet", sagt die Damenschneiderin Ursel von Bargen, die seit über 30 Jahren in der Kostüm­abteilung des Thalia Theaters arbeitet. Diese Qualitätsmaß­gabe gilt für sämtliche Werkstätten: Malsaal, Schlosserei, Maske, Tischlerei, Dekoration. Die Lehrlinge lernen nach wie vor traditionelle Handwerkskunst, die in anderen Betrieben längst nicht mehr zum Ausbildungsplan gehört. Im Theater kommen diese Fertigkeiten bei der Arbeit an Kostümen oder Bühnenbildern immer wieder zum Einsatz.

Präzision, Können, die reibungslose Zusammenarbeit aller Abteilungen und die Liebe zur Theaterarbeit sind wichtige Grundlagen für die Qualität dessen, was die Zuschauer am Abend auf der Bühne sehen können.  Mittlerweile dominieren komplizierte und bespielbare Bühnenbildobjekte den Raum, oft vor der schwarzen Brandmauer auf nackter Bühne. Die Bandbreite der handwerklichen und technischen Fertigkeiten in den Ausstattungsabteilungen hat sich entsprechend vergrößert und an die ästhetischen Entwicklungen der Inszenierungen angepasst. Maschinen- und Computertechnik erleichtern die Arbeitsprozesse und vermindern zudem die körperliche Belastung der Techniker, wie beim Auf- und Abbau der Vorstellungen, enorm.

"Früher war es Pappmaschee, aufwendig für den Malsaal", sagt der Leiter der Schlosserei Peter Büttner, "es wurden Aushänge gemalt, ganze Landschaften." Heute hat sich die Arbeitsgewichtung zwischen den Abteilungen verschoben. Bühnenbildkulisse, die früher kunstvoll naturalistisch und dreidimensional auf Prospekte gemalt wurde, wird aus Stahl und Aluminium gearbeitet." Alles muss sich bewegen, Statik soll außer Kraft gesetzt werden, alles ist pompöser."

Heute stehen Klassiker wie Goethe, Schiller, Ibsen, Tschechow und Hauptmann neben Gegenwartsautoren, Romanadaptionen und Projekten auf dem Thalia-Spielplan, durch unterschiedlichste Regiehandschriften neu und aktuell interpretiert. Arrivierte und international gefragte Regisseure wie der Thalia-Oberspielleiter Luk Perceval sowie Nicolas Stemann arbeiten ebenso am Haus wie erfolgreiche Nachwuchsregisseure, zu denen Antú Romero Nunes, Jette Steckel oder Bastian Kraft gehören. Dazu kommen zunehmend Regisseure anderer Länder wie der Lette Tiit Ojasoo oder der Grieche Yannis Houvardas.

Thalia und die Welt

Panorama / Kultur vor Ort / Thalia Theater Hamburg Faust

Ein inhaltlicher Schwerpunkt ist die Stärkung der Internationalität des Theaters in einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft. Dazu gehören die vielen und erfolgreichen Gastspiele des Thalia Theaters im In- und Ausland. Wie diesen Sommer beim Festival d’Avignon, als sich das Publikum des voll besetzten Theaters nach dem achtstündigen Thalia »Faust« Marathon, inszeniert von Nicolas Stemann, von den Plätzen erhob und das Ensemble mit lang anhaltenden Ovationen feierte.

Aber auch die konkrete Bezugnahme auf die kulturelle Vielfalt des Alltags spielt in der Thalia-Programmatik wie Praxis eine zentrale Rolle. Neben der laufenden Auseinandersetzung mit Begegnungen mehrerer Kulturen und Traditionen sowie Angeboten an fremdsprachige Thalia-Besucher mit englischen oder türkischen Übertiteln steht vor allem das zweiwöchige interkulturelle Festival "Um alles in der Welt – Lessingtage" im Fokus der Öffentlichkeit. Dieses jährliche, thematisch ausgerichtete Festival präsentiert Gastspiele aus dem In- und Ausland. Den Auftakt bilden Reden renommierter Intellektueller wie Navid Kermani oder Liao Yiwu, die das "Welt­bürgertum" in einer globalisierten Gesellschaft verhandeln. Am Ende steht traditionell die "Lange Nacht der Weltreli­gionen", zu der das interkulturelle Thema durch Begegnung ganz konkret und im Austausch lebendig wird.

››› Gastbeitrag Thalia Theater Hamburg

Kurz gefasst

Im Herzen Hamburgs: Alstertor, 20095 Hamburg
Kartentelefon 040 32814-444, www.thalia-theater.de

Premieren im Oktober
"Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn (5. 10.),
"Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal (19. 10.)
Termine bis Januar 2014, Informationen zu Stücken, zu allen Premieren der Saison, Partner-Hotels und vielem mehr auf www.thalia-theater.de

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Bitte melden Sie sich unter publikum@thalia-theater.de

Mehr über die Geschichte des Thalia und Theaterberufe in: "Das Thalia Theater ›Von morgens bis mitternachts‹. Eine Zeitreise durch Arbeit und Kunst" von Christine Ratka, 14,90 €, im Buchhandel erhältlich.