Das Goetheanum

Das Goetheanum in Dornach, eines der bedeutendsten Bauwerke organischer Architektur.

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Es begann vor 5.000 Jahren. Der Pharao Djoser mit seinem Baumeister Imhotep türmte in einer geheimnisvollen Eingebung die einfachen Grabbauten aufeinander – es entstanden die Pyramide und auch erste Tempel. "Der den Stein öffnet" nannte man diesen ägyptischen König, mit dem Baukunst ihren Anfang nahm. Wer durch die gewaltigen Säulenhallen geht oder die kniehohen Stufen eines Tempels nimmt, erkennt, dass diese Bauwerke nicht als ein Zuhause für Menschen, sondern für Götter verstanden wurden. Nur hohe Priester durften sie betreten, ansonsten sollten zwischen diesen Steinen ausschließlich Götter verkehren, so die antike Vorstellung. Das ändert sich auch für die Tempel zur Zeit der Griechen und Römer nicht.

Erst mit der christlichen Kirche geschieht die Wende. Jetzt wandert der Altar vom Vorhof in das Bauwerk, wird der Bau Begegnungsort von Mensch und Gott. "Ich bin das Licht der Welt", sagt Christus, und in der Gotik werden mit farbigen Glasfenstern Lichträume geschaffen als Versprechen dieses "Himmels auf Erden". Mit dem Goetheanum in Dornach in der Schweiz, aber auch anderen kultischen Bauwerken, wie beispielsweise dem Jüdischen Museum in Berlin, geht es um einen weiteren Schritt – jetzt, so das Ziel der Architekten, sollen die Formen so gebaut sein, dass der Mensch sich selbst begegnet. Er soll nicht einem Höheren gegenübertreten, sondern das Höhere in sich selbst entdecken.

Entwicklung, dreifach

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Während es Daniel Libeskind bei der Bauweise des Jüdischen Museums darum geht, durch scharfe Kanten und Lichtbrechung die Abgründe der menschlichen Seele erleben zu lassen, stellt Rudolf Steiner, der Architekt des Goetheanum, die Entwicklungsfähigkeit des Menschen in die Mitte. So ist im 1.000 Plätze fassenden Saal dieses ersten aus Beton errichteten Meisterwerks organischer Architektur auf drei Ebenen das Thema "Entwicklung" verwirklicht. In großformatigen farbigen Glasfenstern ist in Bildsequenzen die biografische Entwicklung jedes Menschen dargestellt. Wandert der Blick zur Decke, findet man von der Zeit Zarathustras, den Urgründen menschlicher Zivilisation, bis heute die bewusstseinsgeschichtliche Entwicklung der Menschheit ins Bild gebracht. In den Sockeln und Kapitellen der Säulen entdeckt man in stilisierten Reliefs die dritte und größte Dimension der Entwicklung: die Entwicklung der Natur, die Evolution. Wer in diesem Saal sitzt, mag somit empfinden, dass man in drei Ebenen an einer Entwicklung teilnimmt: durch seine eigene Biografie, als Glied der Menschheit und schließlich als Teil der gesamten Schöpfung. Die Formen des Goetheanum, so Rudolf Steiner, sollten schicksalserweckende Formen sein, sollten helfen, dass man seinen persönlichen Lebensweg findet.

Wenn ein Gebäude den Menschen zu sich selbst führen soll, dann muss es selbst "menschlich" sein. "Der Bau wird Mensch", hat Rudolf Steiner diesen Gedanken zugespitzt. Diesem Ziel dient die organische Bauweise, indem sie Wuchsformen der Natur in die Architektur aufnimmt. Das erstreckt sich bis ins Äußerliche. Tatsächlich hat das Bauwerk eine Stirn, blickt westwärts, besitzt konkave Höhlungen an der Seite, als würde es in die Umgebung lauschen.

Das Goetheanumleben

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Wer das Goetheanum besucht, begegnet spirituell interessierten Menschen eines weltweiten Netzwerks. Verschiedene Berufsgruppen treffen sich am  Goetheanum, um sich auszutauschen: Pädagogen zu Fragen ganzheitlichen Lernens, Ärzte oder Therapeuten zu Fragen der anthroposophischen Medizin und Imker zu Fragen nachhaltiger Bienenhaltung. Außerdem gibt es Kolloquien der Berufsgruppen, Kurse und Wochenendseminare über Meditation sowie zur Persönlichkeitsentwicklung. Dabei dient alle Tätigkeit am Goetheanum dazu, jeden einzelnen Menschen darin zu unterstützen, sich selbst und den Himmel, der sich im Menschen verbirgt, zu entdecken.

››› Gastbeitrag von Wolfgang Held