Zeit und Rhythmus

"Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten wäre das Problem …" – Rainer Maria Rilkes Nachdenken über den Zeitvertreib beschreibt, wie unreflektiert wir mit dem Begriff "Zeit" bisweilen umgehen.

Der Mensch kann weder Zeit wahrnehmen, noch kann Zeit aus sich heraus so existieren, wie zum Beispiel ein Stein, ein Baum oder etwa ein Haus es kann. Zeit braucht für ihre Existenz Bewegung, Veränderung beziehungsweise Entwicklung. Alles äußere Geschehen auf Erden erfolgt in einem zeitlichen Nacheinander. Der Mensch kann an der Pflanze Zeit erleben; am Mineral ist dies in einem Menschenleben nicht möglich. Die Zeit spannt einen Bogen auf zwischen dem, was ist, dem, was war, und dem, was kommen wird. Das Wesen der Zeit ist Dauer. Diese Dauer empfinden die Menschen unterschiedlich: Das Kind hat immer Zeit, der Erwachsene eigentlich nie. Jene, weil sie sich als Könige der Gegenwart ganz im Hier und Jetzt befinden, und diese, da sie im Bewusstsein des Anfanges und des Endes leben. Die Zeit ist also einerseits ein Nichts und andererseits die alles überdauernde Ewigkeit. Die Entwicklung in der Zeit – sei es zum Beispiel beim Menschen oder in der Natur – ist von Rhythmen geprägt. Die Natur kennt eigentlich nur rhythmische Verläufe. Alles Lebendige fußt auf einer rhythmischen Ordnung. Auch die Sterne und die Sonne folgen einem universellen Rhythmus. Das ganze Leben ist Rhythmus. Die Vorstellung, die Sonne verließe nur für eine Stunde ihre rhythmische Bahn, wäre lebensfeindlich.

Rhythmus ist nicht Takt.

Takt ist die Wiederholung des immerwährend Gleichen, zum Beispiel der Viertaktmotor im Auto oder der Takt des Metronoms. Rhythmus wiederholt lediglich Ähnliches. Damit besteht jedes Mal zum vorangegangenen Mal eine leichte Abweichung. Urbeispiele für Rhythmus sind der Tag-Nacht-Rhythmus oder etwa die menschliche Atemfrequenz sowie der Puls. An diesen Beispielen lässt sich das Wesen des Rhythmus darstellen.

1. Polarität: Jeder Atemzug spielt sich in der Polarität zwischen Einatmung und Ausatmung ab. Diese Spannung zwischen Saugen und Pressen wird bei jedem Atemzug ausgeglichen.

2. Wiederholung: Das Wechselspiel zwischen Ein- und Ausatmung wiederholt sich stetig. Diese dauernde Wiederholung ist beim Menschen eindeutiges Zeichen von Leben; das menschliche Leben beginnt mit dem ersten Einatmen und endet mit dem letzten Ausatmen. Dazwischen atmen wir pro Tag durchschnittlich circa 26 000-mal.

3. Anpassung beziehungsweise Steigerung: Beim Tag- Nacht-Rhythmus ändern sich täglich die Zeiten des Sonnenaufgangs und des Sonnenuntergangs, solange man nicht direkt am Äquator lebt; oder bei körperlicher Anstrengung verändert sich etwa die Atem-Puls-Frequenz. Im Rhythmus findet sich niemals die Wiederholung des Gleichen, sondern die stetige Erneuerung. In der Erneuerung liegt das Mehr. Das Mehr des Tag-Nacht-Rhythmus drückt sich zum Beispiel in deutlich unterschiedlichen Jahreszeiten oder Klimazonen aus.

Indem der Rhythmus Polaritäten in der Zeit vermittelt, geschieht an dem Umkehrpunkt etwas Erstaunliches: der Einschlag einer Pause, also ein kurzer Moment der Ruhe beziehungsweise des Innehaltens an den Extrema. So hält der Atemrhythmus immer dann sehr kurz inne, wenn die Einatmung in die Ausatmung umschlägt. Das heißt, dem Rhythmus, dem geradezu eine Symbolkraft für das Lebendige zuzuschreiben ist, wohnt die Idee der Pause inne. Zum Leben gehört auch das Ruhen. Ohne Ruhe kann Leben offenbar nicht existieren. Der Umkehrpunkt, an dem die Pause stattfindet, bezeichnet jedoch nicht nur einen Richtungswechsel der Bewegung, zum Beispiel von der Ein- in die Ausatmung, sondern der Richtungswechsel eröffnet einen Raum für Geistiges. So stellt zum Beispiel eine neue Idee ebenfalls einen Richtungswechsel dar, jedoch keinen äußerlichen, sondern einen innerlichen. Die Tradition der Benediktiner-Mönche „Bete und arbeite“, also einer Polarität geistiger und körperlicher Arbeit, mag dies verdeutlichen. Vielleicht bezeichnete der Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner deshalb den Rhythmus als ein „halbgeistiges Phänomen“.

Wie wirkt Rhythmus?

Der Rhythmus verleiht eine Bewegungsordnung, die das Lebendige in seinen Banden hält und es damit überhaupt erst ermöglicht – sei es beim Menschen oder in der Natur. So hat zum Beispiel auch Rudolf Steiner auf die Frage des WALA-Gründers Rudolf Hauschka „Was ist Leben?“ geantwortet: „… Rhythmus trägt Leben.“ Das Verb „tragen“ verdeutlicht das elementare Beteiligtsein des Rhythmus an allem Leben. Auch in anderen Bereichen des menschlichen Lebens, wie etwa der Sprache, der Musik oder dem Tanz, ist der Rhythmus der ordnende Genius.

Der Mensch ist in den Rhythmus der Erde und des Himmels eingebettet. Der Tag-Nacht-Rhythmus oder etwa der Jahreslauf bestimmen entscheidend den Rhythmus des Menschen. In früheren Zeiten hatte der Mensch keine andere Wahl, als dieser natürlichen Bewegungsordnung zu folgen; sie war von außen vorgegeben. Heute entscheidet der Mensch selbst über seine Rhythmen: Er kann die Nacht zum Tag machen, und einige müssen es auch aus beruflichen Gründen; er lauscht auch nicht mehr den Liedern seiner Ahnen, sondern wendet sich eher den „heißen“ Rhythmen zu. Diese Individualisierung kann so weit gehen, dass der Mensch ganz ohne Rhythmen lebt. Dann verliert er die Ordnung, die ihn hält.

Auch wenn diese Gefahr heute gegeben ist, erscheint es weder zeitgemäß noch für alle Menschen möglich, sich ganz in äußere, zum Beispiel kosmische Rhythmen einzufügen. Worum es heute geht, ist, als Individuum den eigenen Rhythmus zu finden. Der persönliche Rhythmus bedeutet Freiheit, nicht unbedingt Rhythmuslosigkeit. Gestaltet der Mensch bewusst seinen eigenen Rhythmus, zum Beispiel Anspannung / Loslassen, dienendes Schaffen / künstlerische Selbstverwirklichung, Sprechen / Zuhören, wird Rhythmus zu einer Lebensquelle, die Kraft spart und Kraft spendet. Den individuellen Rhythmus kann jeder Mensch selbst suchen, finden, ausprobieren und stetig weiterentwickeln; das braucht wohl Zeit, aber dann wird er sich nicht mehr die Zeit vertreiben, sondern sie fruchtbar ausgestalten. Und mit Goethe können wir ganz beruhigt sein, dass das Ringen um einen eigenen Rhythmus Früchte tragen wird: „Was wir in uns nähren, das wächst. Das ist ein Naturgesetz.“

››› Johannes Stellmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung WALA Heilmittel GmbH

Dr. Johannes Stellmann leitet seit Juli 2002 das Stiftungsunternehmen WALA Heilmittel GmbH in Bad Boll/Eckwälden, Hersteller der Dr.Hauschka Kosmetik. Davor begleitete er die WALA als Mitglied der WALA Stiftung. Sein Wirtschaftsstudium schloss er mit einer Promotion in St. Gallen ab.