Weitermachen - Gedanken zur UN-Konferenz Rio+20

20 Jahre nach Rio 1992 zeigt die Zwischenbilanz einige positive aber auch sehr negative Posten. Deutlich wurde, wie wichtig es ist, den Weg in eine nachhaltigere Zukunft gemeinsam weiterzugehen.

"Auch der längste Weg beginnt mit einem Schritt" besagt ein chinesisches Sprichwort. Und auf die Chinesen – gut ein Siebtel der Weltbevölkerung – kommt es an bei diesem "langen Marsch", den sich die Weltgemeinschaft vorgenommen hat zu mehr Nachhaltigkeit bei der Art und Weise, wie wir die Erde nutzen. Zu einer Verringerung des CO2-Ausstoßes. Zu einer deutlichen Begrenzung des Klimawandels und des weltweiten Temperaturanstieges, der die Selbstregulation des Organismus Erde an seine Grenzen bringt.

Zwanzig Jahre nach dem Erdgipfel in Rio  im Jahr 1992 zeigt eine Zwischenbilanz Positives und zugleich erschreckend Negatives: Der Anteil der sehr armen Menschen auf der Erde wurde halbiert – aber es sind immer noch 1,3 Milliarden Menschen betroffen. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben heute deutlich mehr Menschen als vor zwanzig Jahren; er wurde von den Vereinten Nationen vor zwei Jahren ausdrücklich zu einem Menschenrecht erklärt – aber noch immer fehlt er für ein Sechstel der Menschheit. Die Welternährung wurde verbessert – aber noch immer hungern viel zu viele Menschen. Der weltweite Fleischkonsum nahm wie die Weltbevölkerung seit 1992 um etwa ein Viertel zu. Als Indikator für mehr Wohlstand und eine leistungsfähige Landwirtschaft könnte man dies begrüßen – aber: Für die landwirtschaftliche Erzeugung von Tierfutter werden Regenwälder abgeholzt. Wir verfüttern mehr Getreide an Vieh auf der Erde als nötig wäre, um die hungernden Menschen zu ernähren. Massentierhaltung verursacht massenhaftes Tierleid, und sie trägt erheblich zur CO2-Last und damit zum Klimawandel bei.

Energieerzeugung und -verbrauch haben weltweit in den vergangenen 20 Jahren erheblich zugenommen, erneuerbare Energien machen inzwischen immerhin 16 Prozent aus – aber den CO2-Ausstoß hat die Weltbevölkerung dabei von 22 auf fast 32 Milliarden Tonnen erhöht. Und die Anzahl der Kernkraftwerke auf der Erde (435 derzeit) nimmt weiter zu. Noch immer brauchen 2,7 Milliarden Menschen Holz, um sich eine Mahlzeit zubereiten zu können – zu Lasten der Wälder, vor allem in Afrika. So lässt sich das Welt-Klimaziel einer maximal um zwei Grad ansteigenden Durchschnittstemperatur ganz sicher nicht erreichen. Produktion und Konsum von Fisch und Meeresfrüchten nahmen seit 1992 um fast ein Drittel zu – mit dramatischen Folgen für die Weltmeere, für deren Bewahrung noch viel zu wenig getan wird.

Die Folgekonferenz in Rio, die Ende Juni 2012 stattgefunden hat, ging ohne Festlegung konkreter Ziele zu Ende. Muss man darüber verzweifeln oder resignieren? Ich denke, nein – sondern: weitermachen! Immerhin haben auch die Chinesen die Abschlusserklärung mit verabschiedet. Man scheint einen Weg gefunden zu haben, die Länder der sogenannten Zweiten und Dritten Welt mitzunehmen auf dem Weg, auf dem sie sich bisher nur ein weiteres Mal von den alten Kolonialherren beziehungsweise dem reichen Westen und Norden bevormundet und benachteiligt fühlten. Immerhin hat man sich darauf verständigt, in den kommenden drei Jahren konkrete Ziele aushandeln zu wollen. Immerhin werden die UN dem Thema einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung durch Berufen einer "Hochrangigen Kommission" mehr Gewicht geben. Und man möchte die Wirtschaft im Sinne einer "Green Economy" weiterentwickeln.

Weitermachen also, beharrlich und letztlich unspektakulär. Dies im Großen, auf globaler Ebene – Waldschutz, Meeresschutz, Energiegewinnung sind die großen Themen. Ebenso gilt es für jeden von uns, im Kleinen, Alltäglichen weitermachen: Heizung und Verkehr sind mit Abstand die größten CO2-Sünder – hier ist jeder gefragt, Reduzierungen umzusetzen. Zum Beispiel bei der Frage: Fahrrad, Bus, Auto oder Bahn? Ist die Flugreise wirklich nötig? Könnte eine effizientere Heizung installiert, ihr Verbrauch intelligent gesteuert werden? Den Strombezug auf erneuerbare Quellen umstellen. Bei der Ernährung an Umwelt und Klima denken: Weniger Fleisch konsumieren, Fisch nur aus zertifiziert nachhaltiger Herkunft, kein Essen verschwenden, sondern bewusst und hinsichtlich der Mengen sparsam einkaufen. Genussvoll und möglichst Bio-Lebensmittel essen. Altgeräte, nicht zuletzt Handys, sinnvoll "entsorgen" und Wertstoffe recyceln.

Weiterzumachen gilt es auch und besonders bei Lernen, Bildung, Wissenschaft, Ideenfindung und Entscheidungsverfahren. Denn wir werden gemeinsam überlegen, entscheiden und umsetzen müssen, wie wir unsere Erde im Gleichgewicht halten und den Menschen aller Kulturen und Lebenskreise ein würdiges, sinnvolles Dasein ermöglichen wollen. Weitergehen also auf dem langen Weg der vielen kleinen Schritte!

››› Dr. Manon Haccius leitet den Bereich Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura