Ein Tag, der ganzheitlich bildet

Was macht den Unterricht und das Schulleben in einer Waldorfschule aus? Die 6a aus Frankfurt am Main gibt einen Einblick in die besondere Pädagogik.

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Guten Morgen, Tristan. Guten Morgen, Pauline. Guten Morgen, Herr Sommer." Ein ganz normaler Tag an der Freien Waldorfschule Frankfurt beginnt immer gleich: mit einem Handschlag und der persönlichen Begrüßung aller, die das Schulgebäude auf dem weitläufigen Gelände im Frankfurter Norden betreten. Denn an jedem Eingang steht morgens ein Lehrer für den freundlichen Start in den Schultag bereit.

Um 7:45 Uhr wuselt es bereits in der 6a. Einige zeigen dem Klassenlehrer, der sie acht Jahre begleitet, noch ihre Hausaufgaben, bevor es um acht Uhr losgeht. Die ersten beiden Stunden gehören immer dem Klassenlehrer mit seinem Hauptunterricht. Hier wird in jeweils circa vierwöchigen sogenannten Epochen ein bestimmtes altersgemäßes Thema bearbeitet. Die Epochen reichen in der sechsten Klasse von Geometrie über deutsche Sprachlehre bis zur Geschichte der alten Römer. Der Epochenunterricht kann durch seine Intensität ein Thema tief greifend und damit auch nachhaltig bearbeiten und festigen.

Bevor alle ins Thema einsteigen, beginnt der "rhythmische Teil": Gemeinsam rezitieren die Kinder ein Gedicht von Fontane, dann packt der Klassenlehrer sein Akkordeon aus und sie schmettern ein englisches Lied – bis auf den Gang sind die fröhlichen Stimmen zu hören. Der rhythmische Teil des Unterrichts fördert die Bewegung von Körper und Geist – danach sind die Schüler offen für den intellektuellen Lernteil. Dann beginnt die aktuelle Lernepoche und endet kurz vor zehn. Mit einem Aufsatz als Hausaufgabe wird das heute Gelernte wiederholt.

Schüler im Gartenbau-Unterricht

Voller Elan rasen die Schüler nun auf den großen grünen Pausenhof. Zwei Kinder fragen die Gartenbaulehrerin im Schulgarten, ob noch etwas vom gerade geernteten Schulhonig da ist. Der Gartenbauunterricht verbindet die Schüler ganz praktisch mit der Natur, sie fühlen das Leben und nehmen das Äußere natürlich wahr.

Mit dem Gong strömen fast 1.000 Schüler zum anschließenden Fachunterricht wieder ins Haus. Die Klassen sind dafür in zwei Gruppen aufgeteilt, nur der Hauptunterricht findet im gesamten Klassenverband statt. 18 Schüler der 6a haben nun Englisch, die anderen 18 Französisch. Beide Fremdsprachen werden von der ersten Klasse an unterrichtet. Das frühe Erlernen und Erleben anderer Sprachen vernetzt die Schüler von Anfang an mit der Welt.

Anschließend geht es umgekehrt weiter. Gruppe eins übt französische Grammatik, Gruppe zwei schreibt einen Englischtest. Leistung und Defizite werden regelmäßig überprüft, Angst vor Noten muss aber bis zur neunten Klasse kein Schüler haben. Stattdessen gibt am Jahresende ein mehrere Seiten langes schriftliches Zeugnis Auskunft über Fähigkeiten und Möglichkeiten jedes Einzelnen.

Nun ist bei den einen Werkunterricht. Sie fertigen gerade einen kleinen Tischkicker. Die zweite Gruppe hat Musik. In diesem Jahr wird Beethoven intensiv bearbeitet. Zum Ende des Jahres wollen die Kinder sich in Gruppen kleine Spielszenen zu Beethovens Leben ausdenken, die sie einstudieren und den Eltern vorführen, wie letztes Jahr beim beeindruckenden Mozart-Projekt. So wechseln sich praktische und künstlerische Fächer im Stundenplan mit intellektuellen ab, damit sich die Schüler auf verschiedensten Gebieten ganzheitlich entwickeln können.

Mittagspause. Was gibt’s heute? Oh, Kaiserschmarrn mit Vanillesauce oder Bami Goreng. Dass hier zu 95 Prozent Bio-Zutaten von der schuleigenen Küchencrew verarbeitet werden, ist selbstverständlich – und man schmeckt es. Auch der Schulgarten liefert von den Schülern selbst gezogene, angebaute und geerntete gute Zutaten.

Nach der Freistunde steht noch eine letzte Stunde an. Im Eurythmie-Saal warten bereits der Lehrer und die musikalische Begleiterin am Flügel. In einstudierten Bewegungen schweben die Kinder zu Chopin fast schon durch den Raum. Eurythmie ist eine Bewegungskunst, bei der die Kinder ihren Körper erfahren, lernen, sich im Raum zu bewegen, Worten Gestalt geben. Körper, Geist und Seele werden in der Bewegung vereint.

Als die Glocke die siebte Stunde beendet, verwandeln sich die Tänzer wieder in eine fröhliche Horde Fast-Teenager, die wie alle Schüler überall ist: froh, dass für heute Schluss ist.

Ein Schultag ist vorbei, bei dem die Kinder nicht nur in ihrem Wissen geschult wurden, sondern ganz unmerklich auch Gemeinschaftssinn, Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein und vieles mehr erlernt und erlebt haben. Ein Können, das sie für das ganze Leben prägt.

››› Gastbeitrag Natalie Opatz

Kurz gefasst

In Deutschland gibt es 234, weltweit 1.058 Waldorfschulen, die nach der Pädagogik von Rudolf Steiner eine ganzheitliche Bildung vermitteln. Das Kind wird intellektuell wie sozial, künstlerisch, handwerklich und kreativ gefördert. Der Lehrplan orientiert sich in jeder Altersstufe an den Entwicklungsschritten, die das Kind in gesunder Weise vollziehen kann. Waldorfschulen gehen meist von Klasse 1 bis 13 und bieten alle staatlich anerkannten Schulabschlüsse. Oft gehört zur Schule auch ein Kindergarten.

waldorf-alumni.de heißt das Netzwerk für alle, die sich einer Waldorfschule verbunden fühlen oder fühlten. Einerseits können Schulen damit ihre Ehemaligen verwalten, andererseits können die Alumni untereinander netzwerken. Die Seite bietet unter anderem auch eine Börse für Jobs und Praktika.