Vom achtsamen Umgang mit Lebens-Mitteln

Jährlich landen in Deutschland bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll – eine Verschwendung unvorstellbarer Größenordnung.

Der Film "Taste the Waste" enthüllt eine Realität im Umgang mit unseren Lebensmitteln, die angesichts knapp einer Milliarde Hungernder weltweit betroffen macht. Jährlich landen in Deutschland bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll – eine Verschwendung unvorstellbarer Größenordnung. Es ist die Kehrseite der global agierenden und hart um Marktanteile kämpfenden Lebensmittelindustrie und einer Politik, die Formen, Farben und Größen über den Genuss- und Nährwert stellt. Und es ist ein Wohlstandsproblem. Denn in armen Ländern gibt es kaum Lebensmittelverschwendung. Gerade einmal sechs Kilo pro Kopf und Jahr sind es beispielsweise in den südlichen Ländern Afrikas. Dem gegenüber stehen 115 Kilogramm in den USA.

Entlang der Produktionskette gibt es je nach Produktart unterschiedliche Stationen, an denen Verluste entstehen: in der landwirtschaftlichen Produktion, bei Transport und Lagerung, in der Weiterverarbeitung, beim Handel und schließlich beim Verbraucher. Viele Lebensmittel schaffen es gar nicht erst in die Verarbeitung. So werden beispielsweise 20 Prozent der europäischen Feldfrüchte sofort nach der Ernte entsorgt, weil sie nicht der gesetzlichen Norm oder dem Schönheitsideal entsprechen. Am Ende der Kette werden 56 Prozent allen Obsts und Gemüses nicht verzehrt, sondern vernichtet. Getreideprodukte haben wiederum die größten Verluste bei der Verpackung und Verarbeitung – sowie beim Verbraucher: In den Privathaushalten landet ein Viertel allen essbaren Backwerks in der Tonne statt auf dem Teller.

Schon formiert sich eine Protestbewegung gegen diesen unachtsamen Umgang mit Lebensmitteln: die Aktionstage "Teller statt Tonne" etwa, die jüngst in mehreren Städten im Bundesgebiet stattfanden. Oder das sogenannte Containern ("Dumpster Diving"), bei dem Menschen gegen die Wegwerfgesellschaft protestieren, indem sie weggeworfene, noch essbare Lebensmittel aus Müllcontainern von Supermärkten holen. Vieles, was dort liegt, ist einwandfreie Ware, die aufgrund optischer Mängel, falscher Etiketten oder Überschuss nicht mehr verkauft wird. Containern ist in Deutschland allerdings gesetzlich verboten, da auch Abfall noch einem Eigentümer zuzurechnen ist und die Entfernung der weggeworfenen Lebensmittel rechtlich gesehen Diebstahl wäre.

Doch es gibt auch ganz legale Wege, die man als Verbraucher beschreiten kann, um die gigantische Vergeudung zumindest einzudämmen:

Quantität

Zunächst einmal empfiehlt es sich, vorausschauend einzukaufen. Was brauche ich wirklich? Welche Lebensmittel sind noch im Kühlschrank? Der gute alte Einkaufszettel kann hier Abhilfe schaffen und unnötige Spontankäufe verhindern. Auch wer hungrig einkaufen geht, lädt oft viel mehr in seinen Wagen, als er eigentlich benötigt. Und wenn man doch einmal zu viel kauft, lassen sich auch aus Resten kreativ schmackhafte Gerichte zaubern. In Kochbüchern und im Internet finden sich viele Ideen zur Resteverwertung.

Qualität

Auf die Qualität sollte man ebenfalls achten. Denn wer mehr für Lebensmittel ausgibt und hochwertige Waren kauft, beispielsweise aus ökologischer Erzeugung, geht automatisch achtsamer mit den Produkten um.

Vorratshaltung

Eine zu stark ausgeprägte Vorratshaltung ist gerade bei frischen Lebensmitteln nicht empfehlenswert. Backwaren landen in den Haushalten am häufigsten im Müll, gefolgt von Fleisch- und Wurstwaren. Nicht benötigtes Brot kann am Abend eingefroren werden, um es dann später bei Bedarf wieder frisch aufzubacken. Bei Eiern, Fleisch oder Wurst sollte man sich tatsächlich nicht auf Experimente einlassen – das aufgedruckte Verbrauchsdatum kennzeichnet, bis wann die Waren tatsächlich genießbar sind. Nach Ablauf des Datums sollte man sie aufgrund möglicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen nicht mehr zu sich nehmen.

Anders ist dies beim Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD), wie es sich auf nahezu allen verpackten Nahrungsmitteln, aber auch auf Kosmetikprodukten findet. Das MHD besagt lediglich, wie lange ein Produkt bei sachgerechter Lagerung und verschlossener Verpackung ohne Qualitäts- und Geschmackseinbußen haltbar ist. Ein abgelaufenes MHD bedeutet daher keinesfalls, dass man das Produkt nicht mehr verwenden kann. Gerade bei Milchprodukten erliegen viele Menschen dem Irrtum, Milch, Sahne oder Joghurt seien nicht mehr "in Ordnung", wenn das MHD überschritten ist. In vielen Fällen ist ein Lebensmittel, wenn sachgerecht gelagert, aber auch nach Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar. Grundsätzlich gilt: Vor dem Verzehr von Lebensmitteln, die bereits geöffnet waren oder deren MHD abgelaufen ist, prüfen Sie die Qualität am besten mit "Augen, Nase, Mund".

››› Gastbeitrag von Franz-Theo Gottwald und Isabel Boergen

Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald ist seit 1988 Vorstand der Schweisfurth-Stiftung München. Als Honorarprofessor für Agrar-, Ernährungs- und Umweltethik forscht und lehrt er an der Humboldt-Universität Berlin. Er berät Ministerien, Verbände und Unternehmen in der Gestaltung von Politikfeldern, die mit Umwelt, Land- und Lebensmittelwirtschaft sowie mit Verbraucherschutz befasst sind.

Isabel Boergen (MSc.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweisfurth- Stiftung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind sämtliche Aspekte einer tier- und umweltverträglichen Land- und Lebensmittelwirtschaft, von Ressourcenschonung und nachhaltigen Lebensstilen bis zur tiergerechten Haltung von landwirtschaftlich genutzten Tieren und Fragestellungen zur Ernährungsgerechtigkeit.

Meine Meinung

Dr. Manon Haccius, Leiterin Qualität, Recht und Nachhaltigkeit bei Alnatura, zum achtsamen Umgang mit Lebensmitteln:

Ich gehöre zu der Alterskohorte, deren Eltern den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Hungers danach als Jugendliche bewusst erlebt haben. Wenn man mit Essen respektlos umging, wurde mein Vater "fuchsteufelswild". Uns Kindern – das ging auch meinen Schulkameraden so – war klar: Mit Essen spielt man nicht; Essen lässt man nicht verkommen. Die Erlebnisse der einen Generation wurden zu sehr klaren Regeln für die Folgegeneration. Heute ist das anders; wir leben in der Überfülle. Oft ist das Auge größer als der Magen, es kommt zu viel Essen auf den Teller und wird dann weggeworfen. Dies sogar bei der Aktion "Teller statt Tonne" auf dem Stuttgarter Schlossplatz am 17. September. Ich beobachtete, dass jeder zehnte Esser, der sich das Brot zum sehr leckeren, frisch zubereiteten warmen Gemüsegericht selbst genommen hatte, es nur angebissen oder sogar völlig unberührt in die Abfalltonne gehen ließ. Wohlgemerkt: Es handelte sich um eine Veranstaltung, die auf den Missstand aufmerksam machen wollte, dass wir zu viel Essen wegwerfen! Im täglichen Umgang mit unserer Nahrung fehlt es uns ganz offenbar an Bewusstsein für das eigene Verhalten. Das Thema geht jeden an, gerade auch den Verbraucher und nicht nur Erzeuger, Industrie oder Handel!