Unkrautfrei mit Glyphosat – Kein Patentrezept!

"Pflanzenschutz"-Mittel – Gift für die Artenvielfalt

Platzhalter

Einmal Sprühen und alles ist weg. Der Griff zur Giftflasche ist leicht getan. Jeder kann im Baumarkt und Online-Handel Pflanzenschutzmittel mit dem umstrittenen Wirkstoff Glyphosat im Handumdrehen kaufen. Es lohnt sich, den Begriff "Pflanzenschutzmittel" unter die Lupe zu nehmen. Pflanzenschutzmittel kommen vor allem in der Landwirtschaft in großem Umfang zum Einsatz. Sie sollen dazu dienen, Kulturpflanzen gesund und Unkräuter und Schädlinge fernzuhalten. Doch sie wirken auch dort, wo keine Schadorganismen sind, und beeinträchtigen die Artenvielfalt und die Wasserqualität angrenzender Biotope. Der Einsatz von Pestiziden, in erster Linie von Glyphosat, betrifft uns alle. Es gibt Auswirkungen auf den gesamten Naturkreislauf und unsere Nahrungskette, beispielsweise durch negative Folgen für unsere Bienen.

Der Gifteinsatz in Zahlen

Laut Umweltbundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2006 circa 40.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel ausgebracht, 2011 waren es sogar über 43.000 Tonnen. Allein dieser Anstieg innerhalb weniger Jahre zeigt den enormen Verbrauch an Spritzmitteln auf deutschen Äckern. Der großflächige und offene Einsatz von Pflanzen­schutzmitteln gehört gewöhnlich zum konventionellen Landbau, ist aber mit hohen Risiken für Natur und Mensch verbunden. Eine NABU-Studie aus dem Jahr 2013, durchgeführt von Steffi Ober, NABU-Expertin für nachhaltige Wissenschaft, zeigt, dass in Brandenburger Gewässern Spuren von Pestiziden zu finden sind – mit ungewissen Folgen. Untersucht ­wurden Fließgewässer an landwirtschaftlichen Nutzflächen. Funde von missgebildeten Amphibien lassen auf Risiken für das Ökosystem schließen.

Für Angelika Lischka, NABU-Landwirtschaftsreferentin, ist Glyphosat nur ein Beispiel von vielen. "Die in der intensiven Landwirtschaft eingesetzten Pestizide sind eine der Hauptursachen für den enormen Verlust der Artenvielfalt von Flora und Fauna. Die Anwendungsbestimmungen für Pestizide müssen auf nationaler und europäischer Ebene deutlich verschärft werden." Aber nicht nur in der Landwirtschaft finden diese Mittel Verwendung, auch im Haus- und Gartenbereich werden glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Ein Blick auf die Verpackung

Das weltweit am ­meisten eingesetzte Herbizid ist Roundup vom US-Konzern Monsanto. Dieses "Wundermittel" wirbt, abgefüllt in kleinen Kanistern für den Haus- und Gartengebrauch, mit "anwendungsfertig" für einen sofortigen Einsatz, "wurzeltiefer Wirkung" und sogar mit Bienenverträglichkeit. Klingt harmlos. Doch wer die Kürzel auf der Giftflasche liest, beginnt um­zudenken. Eine Liste mit den Abkürzungen und deren Erklärung finden Sie unter NABU.de/glyphosat-im-garten.

Viele Gartenbesitzer wissen zum Beispiel nicht, dass Glyphosat für befestigte Flächen wie Terrassen und Garageneinfahrten überhaupt nicht zugelassen ist, obwohl es genau dort besonders häufig ausgebracht wird. Damit besteht ein enorm hohes Risiko, dass das Mittel mit dem nächsten Regenschauer in die Kanalisation und so auf direktem Wege in den Wasserkreislauf gelangt. Zudem droht dem Anwender ein hohes Bußgeld, wenn er sich erwischen lässt. Besonders Amphibien und Fische sind Verlierer bei diesem Einsatz gegen Unkräuter. Das Mittel reizt bei unsachgemäßer Anwendung Schleimhäute und Augen und steht unter Verdacht, krebserregend zu sein.

Folgen für den Menschen

In Lateinamerika wird die Mischung per Flugzeug großflächig versprüht. Glyphosat kann sich unter anderem in Sojabohnen-Export-Futtermittel anreichern. Die Folgen für Mensch und Tier sind weitreichend. Die Funktionsfähigkeit von Darmbakterien wird beeinträchtigt und hormonelle Störungen können auftreten. Mehrere wissenschaftliche Studien belegen außerdem verminderte Fruchtbarkeit und einen negativen Einfluss auf die Embryonalentwicklung. Gravierende Gesundheitsschäden traten vor allem bei Familien auf, die in der Nähe von Roundup­Ready-Sojafeldern lebten. Die zuständigen Behörden wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit bestreiten indes, dass die wissenschaftlichen Belege ausreichen, um daraus ein Risiko für Menschen abzuleiten.

Hummel in Apfelblüte

Pestizide und Bienen – verträgt sich das?

Auch Bienen leiden unter dem Einsatz von Glyphosat. Es bringt sie zwar nicht direkt um, aber nach aktuellen Studien verwirrt es die Tiere schwerwiegend. Melanie von Orlow, NABU-Bienenexpertin, schätzt die aktuelle Situation zum Bienen­bestand in Deutschland so ein:

Wie steht es aktuell um den Bienenbestand in Deutschland?

Während die Imkerei in den Städten boomt, entwickelt sich das Imkern auf dem Land nur zögerlich. Das liegt auch daran, dass kaum noch etwas anderes als Raps angebaut wird. Parallel dazu führt die Bio-Imkerei oft zu einer Honigbienen-Übervölkerung in Naturschutzgebieten, die aufgrund seltener Wildbienenarten unter Schutz stehen. Hier kann es zu Konkurrenz zwischen den natürlichen Wildbienen und angelegten Kulturen kommen. Insgesamt geht es den Honigbienen aber noch am besten. Trotz dieses Phänomens ist die Lage bei anderen Arten dramatisch, wie bei den Hummeln und Wildbienen. Insgesamt nahmen die Bienenvölker bundesweit im Vergleich zu den Vorjahren deutlich ab: Gab es 1992 noch über 1.200.000 Völker, sind es Ende 2015 nur noch etwa 800.000.

Was verursachen Pestizide wie Glyphosat genau bei Bienen?

Die Tiere verlieren den Orientierungssinn und ihre Lern- und Navigationsleistungen verschlechtern sich dramatisch. Des Weiteren treten Kommunikationsprobleme auf, Begattungserfolge sinken in der Königinnenzucht aufgrund verminderter Spermaqualität der Drohnen. Zudem bringt der Pestizideinsatz auch eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten mit sich und verkürzt die ­Lebensdauer der Insekten.

Alternativen zu Glyphosat

Selbst wenn die EU-Politik Glyphosat aus den Regalen verbannt, steht die Agrarindustrie bereits mit neuen, ebenso bedenklichen Folgeprodukten parat, deren Einsatz erst in Langzeitstudien untersucht werden sollte (Bayer, Flupyradifuron). Die Lösung kann über kurz oder lang nur mit einem ganzheitlichen Umdenken erfolgen. Nachhaltige Landwirtschaft, biologisch vertretbare Pflanzenschutzmittel und der Verzicht auf Monokulturen mit intensivem Pestizideinsatz können dazu beitragen.

››› Gastbeitrag Kerstin Arnold, NABU-Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Der NABU – Aktiv für Mensch und Natur

Seit über 115 Jahren setzt sich der NABU dafür ein, unsere Natur zu schützen und für zukünftige Generationen zu sichern. Mit rund 590.000 Mitgliedern und Förderern ist er Deutschlands mitgliederstärkster Umweltverband. In den rund 2.000 NABU-Gruppen und rund 70 Infozentren in ganz Deutschland stehen praktischer Naturschutz ­genauso auf dem Programm wie Lobbyarbeit, Umweltbildung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit.