Plastikmüll im Meer

Ozeanforscher Mojib Latif über die weitreichenden Folgen

Platzhalter

Die Menschen beuten die Meere rücksichtslos aus und vergiften sie obendrein. Überfischung, Ölverschmutzung oder die Einleitung von radioaktiven Substanzen sind hinlänglich bekannt. Eine erst in den letzten Jahren größeren Teilen der Öffentlichkeit bewusst gewordene Gefahr für die Ozeane ist der Plastikmüll. Weltweit werden jährlich über 200 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Nach einem Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) gelangen jedes Jahr rund 6,4 Millionen Tonnen Müll ins Meer. Insgesamt haben sich in den Ozeanen schätzungsweise schon 150 000 Tonnen Plastikabfall angesammelt.

In den Ozeanen kann Plastik für sehr lange Zeit verweilen. Sixpack-Ringe oder Angelschnüre aus Kunststoff werden erst nach einigen Jahrhunderten im Meer komplett abgebaut. Aus diesem Grund nimmt die Müllmenge in den Ozeanen beständig zu. Zwar zerbrechen viele Plastikteile mit der Zeit in kleinere Stückchen. Bis diese ganz verschwunden sind, vergehen aber Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte. Schon heute stellt Plastik eine große Bedrohung für das Leben im Meer dar. Ein unfassbares Beispiel für die Auswirkungen des Plastikmülls in den Ozeanen ist das folgende: Im Frühjahr 2012 verendete ein circa zehn Meter langer und 4,5 Tonnen schwerer Pottwal im Mittelmeer an der Küste Andalusiens. Die Todesursache war Plastik. Meereswissenschaftler untersuchten den Walkadaver. Was der Körper freigab, war unglaublich. Man fand im Magen des Pottwals fast 18 Kilogramm Plastik. Darunter waren mehr als 30 Quadratmeter Abdeckfolie und verschiedene andere Kunststoffteile wie Gartenschläuche, meterlange Seile, Blumentöpfe, Plastiktüten, ein Kleiderbügel und Teile einer Matratze. Plastik tötet, einen klareren Beweis als den Mageninhalt des verendeten Pottwals kann es nicht geben.

Plastik ist fester Bestandteil unseres Alltags geworden. Die 200 Millionen Tonnen jährlich produzierter Kunststoffe werden zu so unterschiedlichen Produkten wie Plastiktüten, Zierschmuck oder Getränkeflaschen verarbeitet. Sie alle machen das Leben scheinbar einfacher, bequemer und günstiger. Aber egal, ob es die Plastiktüte vom Gemüsemann oder die Einwegflasche für unterwegs ist, irgendwann landen viele Kunststoffprodukte auf dem Müll. Ein Teil des Abfalls gelangt schließlich ins Meer, wo die aggressive ultraviolette (UV-)Strahlung der Sonne den Kunststoff brüchig werden lässt. Die nimmermüden Wellen, Reibung an Felsen oder umherschwimmenden Gegenständen tun ein Übriges und lassen die einzelnen Plastikteile immer kleiner werden. Das sorgt schließlich dafür, dass man sie oftmals nur noch unter dem Mikro­skop sehen kann. Doch selbst wenn es mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen ist, bleibt es als sogenanntes Mikroplastik über Jahrhunderte im Meer erhalten. Wissenschaftler bezeichnen die winzigen Plastikteilchen so, wenn deren Durchmesser weniger als fünf Millimeter beträgt. Die Kunststoffteile können sogar bis zu einem Tausendstel Millimeter klein werden. Kleinkrebse, Fischlarven und andere Organismen, die am Anfang der Nahrungskette stehen, sehen die Partikel als vermeintliches Futter an. Mikroplastikpartikel können leicht von ihnen geschluckt und über den Verdauungstrakt aufgenommen werden. So konnte man die mikroskopisch kleinen Plastikteilchen bereits im Gewebe von Miesmuscheln nachweisen. Darüber hinaus können sich im Meer zahlreiche Gifte an die Mikroplastikpartikel anlagern. Im Magen der Tiere lösen sich die Gifte vom Plastik wieder und reichern sich in deren Körpern an. Wie sich all dies auf den einzelnen Organismus sowie auf die weiteren Glieder der Nahrungskette auswirkt, ist bislang kaum untersucht. Auf jeden Fall gelangen auf diese Weise die giftigen Stoffe in die Nahrungskette und können so schließlich auch dem Menschen gefährlich werden. Damit schließt sich der Kreis: Der Schuldige wird selbst zum Opfer.

Das Thema Plastikmüll ist inzwischen auf der politischen Agenda angekommen. Nach einem Beschluss des EU-Parlaments vom Januar 2014 sollen bis 2020 zumindest die besonders dünnen Plastiktüten mit einer Wandstärke von unter 50 Mikrometern (0,05 Millimeter) in allen EU-Mitgliedstaaten verboten werden. Das kann aber nur ein allererster Schritt sein, weitere Maßnahmen müssen folgen.

Prof. Dr. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereichs Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Helmholtz- Zentrum für Ozeanforschung Kiel

››› Gastbeitrag Prof. Dr. Mojib Latif, Leiter des Forschungsbereichs Ozean­zirkulation und Klimadynamik am Geomar Helmholtz­Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Mojib Latif wurde im Jahre 2000 mit dem "Max-Planck-Preis für öffentliche Wissenschaft" ausgezeichnet.

Das Ende der Ozeane.

Mojib Latif, „Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden“,
Verlag Herder, Freiburg 2014,
ISBN 978-3-451-31237-3, 22,99 Euro.