Osteopathie

Die Ganzheitlichkeit wird in der Medizin, besonders in der Naturheilkunde, oft ­erwähnt und selten erklärt. Um diesen Begriff besser zu verstehen, ist es nützlich, den Blick auf die verbindenden Elemente und Strukturen des Organismus zu richten. Im Körper gibt es für das Verbindende vor allem eine Struktur, dem die Verbindung schon im Namen liegt: das Bindegewebe.

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Dazu gehören alle Strukturen, die etwas stützen, halten, Form geben und Zug oder Druck über den ganzen Körper weiter­geben. Sie verbinden die Oberfläche (Haut) mit der Tiefe (Kno­chen, Gefäße, Organe) und die Tiefe mit der Oberfläche. Es sind die Häute, die die Organe umhüllen, genauso wie die Knochenhaut oder Sehnen und Bänder, die alle Knorpel, Gefäße sowie deren härteste Manifestation, die Knochen, um­geben. Die Forscher, die sich mit dem entstehenden Leben im Mutterleib beschäftigen, nennen den gemeinsamen Ursprung ­des Bindegewebes Mesoderm.

Aus osteopathischer Sicht erhält es seine Verbindungen das ganze Leben lang. Manche Schmerzen und Beeinträchtigungen unserer Gesundheit drücken sich in diesem großen Netz des Körpers aus oder haben ihren Ursprung dort. Gerät im Körper etwas aus dem Gleichgewicht, beispielsweise durch einen Unfall oder Bewegungsarmut, ist dennoch im Gewebe die Kraft anwesend und aktiv, die uns vom Zeitpunkt unserer Entstehung an hat werden und wachsen lassen. Sie strebt in Erinnerung des Bauplans unseres Systems immer wieder Korrekturen an. Es sind die Kräfte, die uns schufen, die uns heilen können. Sie bleiben wirksam ein ganzes Leben lang und sind ständig bestrebt, uns in einer Balance zu halten, die Gesundheit heißt.

Dr. Andrew Taylor Still (1828–1917) gab 1885 der Osteopathie ihren Namen, der in seiner deutschen Übersetzung "Knochenleiden" zu wenig über Stills Erkenntnisse aussagt. Er erkannte in seiner Tätigkeit als Arzt, wie verbunden alles in unserem Körper ist und welche selbstregulierende Kraft ihm zu eigen ist. Er zollte dieser Erfahrung großen Respekt und forderte von seinen Studenten Ehrfurcht vor dem Leben und ein sehr genaues Studium der menschlichen Anatomie. Durch ihn und seine Schüler bis hin zu den Lehrern der Osteopathie heute, die in dieser Tradition stehen, wurden sehr feinfühlige Untersuchungs- und Behandlungstechniken beschrieben und weitergegeben. Sie sind in dynamischer Weiterentwicklung, werden ergänzt und einige Aspekte erhielten bereits wissenschaftlichen Hintergrund.

Eine osteopathische Behandlung beginnt mit einem ausführlichen Gespräch zwischen Therapeut und Patient. Es folgt eine Reihe von Untersuchungen, die die Statik des Körpers, die Atmung, Bewegungs- und Spannungstests des Bewegungsapparates, neurologische Tests, die Positionierung der inneren Organe und Impulse des Liquor cerebrospinalis, der Flüssigkeit, die das Nervensystem umgibt, beinhalten. Der Behandler geht, vielleicht vergleichbar einem 3-D-Lesen mit den Händen, auf die Suche nach Geweberegionen, welche nicht ihre volle Gesundheit (Beweglichkeit, Elastizität, Stabilität) ausdrücken. Dann geht die Untersuchung direkt in die Behandlung über. Die Reaktionen des Bindegewebes und der Flüssigkeitsaspekte im Körper werden vom Behandler erspürt und in ihrer Tendenz begleitet, bis der Körper die Störung selbst korrigiert. Nach der Grundannahme der Osteopathie, dass jedes Gewebe nach seiner Bestimmung (Gesundheit) verlangt, erfolgt die ­eigentliche Verbesserung durch das System des Patienten. Die Behandlungen sind weit überwiegend sanft, nur ­wenige Techniken können schmerzhaft sein. Das angestrebte Ziel ist, nicht nur ein Symptom zu beseitigen, sondern auf mehreren Ebenen heilend zu wirken.

Da das Berufsbild des Osteopathen in Deutschland nicht gesetzlich definiert ist, ist es für die Patienten wichtig zu wissen, dass die Zugehörigkeit eines Osteopathen zu einem der Verbände (siehe Kasten) eine gründliche abgeschlossene Ausbildung voraussetzt. Auf den Websites dieser Verbände findet man Osteopathen in seiner Region. Auch wenn einige gesetzliche Krankenkassen die Osteopathie-Behandlung teilweise erstatten, gehört sie nicht zu deren Regelleistungen und man ist als Patient, wenn man eine Erstattung der Behandlungskosten anstrebt, gut beraten, sich vorher über die Regelung bei seiner Krankenkasse zu erkundigen.

Was Dr. Still und seinen Nachfolgern wichtig war, gilt auch heute für die Ausbildung in der Osteopathie. Es braucht eine genaue Kenntnis der menschlichen Anatomie und Physiologie, erfahrene und geduldige Lehrer und viel Zeit zum Erlernen des Fühlens. Gleichzeitig muss das Verständnis für das philosophische und biologische Phänomen des Lebens als Einheit vermittelt werden. Die Behandler entwickeln diese Fähigkeit ein Leben lang weiter.

››› Gastbeitrag Thomas Claus

Thomas Claus

Thomas Claus, geb. 1967, Tischlerlehre, Fachschulstudium Physiotherapie in Saalfeld (Thüringen). Weitere Spezialisierungen folgten in orthopädischen und neurologischen Fachgebieten. Shiatsu-Ausbildung in Hamburg bei W. Rappenecker, Heilpraktikererlaubnis, Osteopathieausbildung am College Sutherland in Hamburg und Wiesbaden. Arbeitet in eigener Praxis in Lügde (NRW) bei Bad Pyrmont.

Mehr Interesse?

  • osteopathie.de Verein der Osteopathen in Deutschland e. V. (VOD)
  • german-afo.de Akademie für Osteopathie (AFO)
  • bao-osteopathie.de Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie e.V. (BAO)
  • Geo Magazin, Ausgabe 02/2015, "Der innere Halt: Bindegewebe, das verkannte Organ"
  • Paracelsus Magazin, Ausgabe 02/2014. paracelsus-magazin.de
  • Christoph Newiger: "Osteopathie: Sanftes Heilen mit den Händen" (2005),
    Trias-Verlag, ISBN: 978-3893736638, neu ab 9,90 Euro
  • Birgit Gillemot, Christoph Newiger: "Osteopathie für Frauen" (2002),
    Hauf-Verlag, ISBN: 978-3830430551, 19,95 Euro
  • Birgit Beinborn, Christoph Newiger: "Osteopathie: So hilft sie Ihrem Kind" (2005),
    Trias-Verlag, ISBN: 978-3830432890, ab 12,90 Euro