Gentechnik auf dem Acker?

Welche Gentech-Pflanzen werden 2011 auf Deutschlands Äckern wachsen, wo werden sie wachsen und auf wieviel Hektar?

Wer das wissen will, besucht das vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit geführte, im Internet abrufbare Standortregister. Bauern, die gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell anbauen wollen, müssen hier bis spätestens drei Monate vor der Aussaat Flurstück und Flächengröße registrieren lassen. Firmen und Forschungseinrichtungen, die diese Pflanzen experimentell erproben wollen, müssen dies bis spätestens drei Werktage vor der Aussaat tun.

Was darf wachsen?
In der EU sind zwei gentechnisch veränderte Pflanzen zum kommerziellen Anbau zugelassen: seit 1998 der Mais MON 810 des US-Unternehmens Monsanto und seit März 2010 die Kartoffel Amflora der BASF. Eine Vielzahl weiterer Pflanzen befindet sich im Zulassungsverfahren oder im Erprobungsstadium und wird unter Freilandbedingungen getestet. In Deutschland sind es vor allem weitere Kartoffel- und Maissorten, aber auch Weizen und Zuckerrübe.

Keine Entwarnung bei MON 810
MON 810 ist ein insektenresistenter Mais, der permanent in allen grünen Pflanzenteilen ein Gift produziert, zudem in Pollen, Samen und Wurzeln. Es schädigt die Darmwand des Maiszünslers, eines Schmetterlings, der der Hauptschädling der Maispflanze ist. MON 810 darf in Deutschland seit April 2009 nicht mehr angebaut werden, ebenso in fünf weiteren EU-Ländern. Begründung: Das vom Gentech-Mais gebildete Toxin wirkt nicht spezifisch und selektiv. Es tötet nicht nur den Maiszünsler, sondern es schädigt auch sogenannte Nicht-Zielinsekten, etwa Schmetterlinge und Wasserlebewesen. Bei ihnen führt das über den Verzehr von Pflanzenmaterial aufgenommene Gift zu verlängerten Entwicklungszeiten und höherer Sterblichkeit. Auch ist der Polleneintrag in die umliegende Landschaft wesentlich höher als bisher angenommen und reicht wesentlich weiter als bislang behauptet – über zwei Kilometer.

Derzeit wartet Monsanto darauf, dass die EU-Kommission MON 810 für weitere zehn Jahre zulässt (im Rahmen des normalen Prozedere, nach dem ein Unternehmen nach zehn Jahren die Wiederzulassung für eine Gentech-Pflanze beantragen muss). Damit wären alle sechs nationalen Anbauverbote hinfällig, auch das deutsche. Ob das Bundesministerium den MON 810 ein zweites Mal verbietet, ist ungewiss. Von Gentechnik überzeugte deutsche Bauern werden für den Fall, dass MON 810 bis zur Maisaussaat sein Comeback feiert, ihre Anbauflächen vorsorglich im Standortregister anmelden.

Amflora auf dem Acker
Die BASF-Kartoffel Amflora ist gentechnisch so verändert, dass sie nur eine Stärkekomponente bildet. Zugelassen ist sie allein für die industrielle Nutzung und als Futtermittel, aber sie darf auch Lebensmittel verunreinigen – ohne jede Zulassung, ohne jede Kennzeichnung und bis 0,9 Prozent. Der Sinn der Übung: Die EU-Kommission rechnet offenbar mit Verunreinigungen in der Lebensmittelkette – und hat BASF vorsorglich gegen Haftungsansprüche abgesichert.

Amflora enthält ein Resistenzgen gegen Antibiotika, darunter eins, das zu den wichtigsten Arzneimitteln gegen Tuberkulose zählt. Es ist nicht auszuschließen, dass dieses Gen auf Bakterien im Magen-Darm-Trakt von Menschen und Tieren übertragen werden kann und dann Krankheitserreger nicht mehr zu bekämpfen sind. Weitere Kritikpunkte: Im Zulassungsverfahren wurde keine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt, und die Fütterungsstudien sind mangelhaft. Drei EU-Länder haben Amflora verboten, fünf Staaten klagen vor dem Europäischen Gerichtshof gegen ihre Zulassung. In Deutschland haben alle drei Stärkefabriken erklärt, Amflora nicht zu verarbeiten. Zudem hat eine der Fabriken eine gentechnikfreie Alternative zu Amflora entwickeln lassen.

2010 wuchs Amflora in Deutschland auf 14 Hektar, in der Tschechischen Republik auf 150 und in Schweden auf 102 Hektar. Hauptsächlich ging es dabei um die Vermehrung von Pflanzgut für die Anbausaison 2011. Denn die BASF will Amflora auf die Äcker bringen – gegen jede Vernunft und gerade in Deutschland, dem Mutterland des Konzerns.

Deutsche gegen Agro-Gentechnik
87 Prozent aller Bundesbürger sind gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. Das vermeldet eine im Oktober 2010 veröffentlichte Umfrage im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz zum "Naturbewusstsein" in Deutschland. Kein Wunder, dass auch weiter gilt: Wer Gentechnik sät, wird Widerstand ernten.

Gentechnik-Urteil

Am 24. November 2010 hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die strenge Haftungsregelung und das nachdrückliche Betonen im deutschen Gentechnikrecht rechtens sind und bestehen bleiben.

››› Gastbeitrag von Heike Moldenhauer, Gentech-Expertin des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)

Die Gentech-Anbauflächen in Deutschland sind abrufbar unter http://apps2.bvl.bund.de/stareg_web/showflaechen.do

Vielfalterleben

Ins Leben gerufen wurde die Initiative 2011 von Alnatura. Kern der Aktion war eine öffentliche Petition gegen Agro-Gentechnik, die von mehr als 100.000 Menschen unterstützt wurde. Nun dreht sich bei Vielfalterleben alles um das Thema Saatgut und Vielfalt. Auf der Aktionswebsite www.vielfalterleben.info findet man viele Hintergrundinformationen, Tipps zum Bio-Gärtnern und alle Mitmachmöglichkeiten.