Gefährliche Mogelpaprika

Obst und Gemüse stecken voller gesunder Vitamine und Mineralien. Doch manche enthalten auch Stoffe, die krank machen können: Reste giftiger Pestizide.

Zum Beispiel Paprika: Ob gebraten, eingelegt oder knackig frisch – Paprika ist aus unserer Küche kaum wegzudenken. Die grünen Schoten sind noch unreif, die gelben, orangenen und roten sind voll gereift und besonders aromatisch und süß.

Leider tauchen gelegentlich Mogelexemplare im Handel auf: "Diese Paprika sind nicht rechtzeitig zur Ernte gelb oder rot geworden", sagt Manfred Santen, Chemiker und Pestizidexperte von Greenpeace. "Um dennoch einen Mix in den Ampelfarben verkaufen zu können, haben die Produzenten mit Chemie nachgeholfen. Gelblich-grüne Schattierungen können ein Indiz für belastete Ware sein."

Zur Reifebeschleunigung wird ein giftiges Pestizid namens Ethephon eingesetzt. "Als Wachstumsregulator zählt Ethephon zu den systemischen Pestiziden, die von innen wirken. Es wird auf die unreifen Früchte gesprüht und dringt tief ins Fruchtfleisch ein", erklärt Santen. "Das Problem: Nach der Ernte kann die Chemikalie nicht mehr abgewaschen werden. So kann sich der Verbraucher nicht schützen."

Im Januar dieses Jahres erwarb Greenpeace 30 Paprika- Proben in sieben deutschen Städten – darunter Hamburg, Berlin, Leipzig und München – und ließ sie in einem Labor untersuchen. Es kam heraus, dass gelbe und rote Paprika aus drei verschiedenen Supermärkten zu hohe Ethephon-Werte aufwiesen. Eine Probe überschritt sogar die von Toxikologen bestimmte "Akute Referenzdosis": Ab dieser Dosis in einer üblichen Verzehrmenge an Obst und Gemüse wirkt ein Pestizid gesundheitsschädlich, speziell bei Kindern. Ethephon kann Haut- und Schleimhautreizungen hervorrufen, schlimmstenfalls wirkt es als Nervengift. Von den Medien wurde der Paprikaskandal allerdings kaum aufgegriffen, da ein weiterer Aufreger der Branche im Fokus stand: Dioxinfunde in Tierfutter.

Auf die Ethephon-Ergebnisse reagierten glücklicherweise alle betroffenen Supermarktketten – sie riefen die belastete Ware zurück, sperrten ihre entsprechenden Lieferanten oder kündigten Maßnahmen an, die eigenen Kontrollen zu verbessern. Auch der Erzeuger, ein großer spanischer Produzent, verstärkte nach dem Vorfall die Eigenkontrollen. In Spanien ist der Einsatz von Ethephon im Paprikaanbau bereits seit Mitte 2010 unzulässig.

Jedes Jahr landen allein auf deutschen Äckern bis zu 30.000 Tonnen Pestizide.

Damit stagniert die Spritzmittelmenge seit Jahren auf hohem Niveau. Die meisten Substanzen bekämpfen unerwünschte Wildkräuter, Pilze und Insekten. Pestizide sind aber nicht nur für "Schädlinge" giftig, sie töten auch andere Tiere wie Schmetterlinge und Libellen und bedrohen so die Artenvielfalt. Außerdem verseuchen sie Böden, Grundwasser und Flüsse. Bei der Grundwasseraufbereitung zu Trinkwasser müssen Wasserwerke einen großen Aufwand betreiben, um alle Agrarchemikalien zu entfernen.

Beim Menschen können einige der Stoffe in hoher Dosierung Krebs erzeugen, unfruchtbar machen, das Immunsystem oder das Erbgut schädigen. Gefährdet sind auch Arbeiterinnen und Arbeiter, die eigenhändig Agrarchemikalien verspritzen. In Entwicklungsländern und Südeuropa ist korrekte Schutzkleidung Mangelware.

Seit 2003 testete Greenpeace Tausende von Lebensmittelproben mit vielfach erschreckenden Ergebnissen. Speziell Weintrauben waren häufig und stark mit Pestizidrückständen verseucht. Bis einschließlich 2007 stiegen die Belastungen von Obst und Gemüse in der EU stark an. Die jüngsten Tests aus 2009 und 2010 zeigen aber, dass die Arbeit von Greenpeace Früchte trägt. Gerade bei beliebter Ware, wie Erdbeeren, Weintrauben und Tomaten, sind weniger Giftrückstände als noch vor einigen Jahren zu verzeichnen. Viele Lebensmittel-Einzelhandelsketten, sei es Aldi, Edeka, Lidl, Kaiser’s Tengelmann, Metro oder Rewe, haben mittlerweile Pestizid-Reduktionsprogramme gestartet und ihren Produzenten strenge Vorschriften auferlegt.

Das bedeutet aber noch keine Entwarnung. "Teilweise finden sich heute auf konventionell erzeugten Früchten kleine Mengen diverser Pestizide statt größerer Mengen eines Pestizids. Trickreich werden so vorgeschriebene Höchstgehalte einzelner Wirkstoffe unterschritten, dafür entsteht ein unberechenbarer Chemie-Cocktail", erklärt Manfred Santen. "Momentan kann kein Wissenschaftler genau sagen, wie sich solche Mehrfachbelastungen auf den menschlichen Organismus auswirken, erst recht nicht bei Babys und Kindern. Dies wird von der staatlichen Risikobewertung nicht berücksichtigt."

Greenpeace-Einkaufsberater

"Essen ohne Pestizide" erschien 2012. Er klärt auf, welche Obst- und Gemüsesorten aus welchem Land und aus welchem Supermarkt am wenigsten belastet sind. In den Tests schneiden die unterirdisch wachsenden Gemüsesorten Kartoffel, Spargel und Zwiebel am besten ab. Ebenfalls wenig belastet sind Weißkohl, Rhabarber und die Sharonfrucht. Zu den "schwarzen Schafen" zählen aktuell die Kopfsalate, Zitrusfrüchte und Birnen.

Eine Alternative sind Bio-Lebensmittel: In der ökologischen Landwirtschaft sind Gifte tabu, und gegen Schädlinge nutzt man überwiegend natürliche Mittel: So tilgen Raubmilben schädliche Spinnmilben, und Marienkäfer befreien Pflanzen von Blattläusen, ihrer Leibspeise.

››› Gastbeitrag von Greenpeace e. V.