Die Saat der Zukunft

"Wer in 15 Jahren ein gutes Brot (…) essen will, der muss sich heute (…) um die Herkunft des Saatgutes kümmern." Ein Gastbeitrag von Oliver Willing, Zukunftsstiftung Landwirtschaft.

Klein, unscheinbar und bedeutungslos? So wirken Möhren-, Salat- oder Kressesamen. Dass diese Samen den Strom des Lebens tragen, ist ein großes Wunder. Und einer der Gründe, warum Saatgut in alten Hochkulturen heilig gehalten wurde. Es stellt ein Kulturgut dar, das älter ist als die Akropolis oder die Pyramiden von Gizeh. Ohne Pflege und gezielte Auslese durch den Menschen wäre die Vielfalt an Kulturpflanzen, die Grundlage unserer Ernährung ist, nicht entstanden. Bäuerinnen und Bauern entwickelten zum Beispiel 4.000 Kartoffel- und 100.000 Reissorten.

Heute ist Saatgut ein globales Wirtschaftsgut.

Saatgutzüchtung und -vertrieb wurden, wie die gesamte Landwirtschaft, zum Gewerbe. In der Folge fand eine starke Konzentration der mit Saatgut zusammenhängenden Wirtschaftsprozesse statt. In den 1980er-Jahren kauften Chemiekonzerne Saatgutunternehmen und wurden zu globalen Agrar-Multis.

2004 beherrschten die zehn größten von ihnen die Hälfte des weltweiten kommerziellen Saatgutmarktes. Heute liegt ihr Anteil bei 75 Prozent! Bei der Saatgutentwicklung orientieren sich die Konzerne an der industrialisierten Landwirtschaft. Konventionelle Sorten sind auf eine energieintensive Landwirtschaft ausgerichtet. Sie benötigen chemisch-synthetische Beiz- und Spritzmittel und viel Kunstdünger. Zudem sind viele Saaten mit einer Art Kopierschutz versehen, sodass die Anbauer sie nicht vermehren können, sondern jedes Jahr neues Saatgut kaufen müssen. Gentechnik und Patente dienen der konsequenten Fortführung einer Geschäftsidee.

Weltweit trägt die Konzentration des Saatgutmarktes zu einem Verlust an Vielfalt bei: Wurden auf den Philippinen in den 1960er-Jahren noch über 3.000 verschiedene Reissorten angebaut, gab es in den 1990er-Jahren auf 98 Prozent der Fläche nur noch zwei Reisvarietäten.

Angesichts von Hunger, Klimawandel, schwindender Biodiversität und begrenzter Verfügbarkeit fossiler Energie steht die Landwirtschaft vor großen Herausforderungen. Der Öko-Landbau mit seinem ganzheitlichen und ressourcenschonenden Ansatz ist eines der innovativsten Zukunftsmodelle für eine nachhaltige Landwirtschaft. Er benötigt Sorten, die ohne zu gekaufte Hilfsmittel und chemisch-synthetische Dünger aus kommen. Sie müssen das Potenzial des Standortes optimal nutzen. Saatgutforschung und -züchtung sind zeit- und arbeitsaufwendig. Die Entwicklung einer einzigen Sorte dauert zehn Jahre und kostet 600.000 Euro. Daher unterstützt der Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft seit 1996 gemeinsam mit über 4.000 Spenderinnen, Spendern und Unternehmen der Bio-Branche, wie zum Beispiel Alnatura, die ökologische Züchtungsforschung. In 2012 konnten über 740.000 Euro zur Verfügung gestellt werden. Wer in 15 Jahren ein gutes Brot oder wohlschmeckendes Gemüse essen will, der muss sich heute engagieren und sich um die Herkunft des Saatgutes kümmern. Es reicht nicht, nur die Gefahren der Gentechnik und den Verlust der Vielfalt anzuprangern!

Vier Getreidezüchtungsprojekte, zwei Apfelzüchtungsinitiativen und über 20 Gemüsezüchter setzen sich, unterstützt vom Saatgutfonds, engagiert für Nahrungsqualität, Geschmack und Reifefähigkeit, regionale Sorten mit optimaler Anpassung an Klima und Boden, Vielfalt und die Anwendung ganzheitlicher Züchtungsmethoden ein. Als Ergebnis dieser Arbeit wurden bisher mehr als 20 neue Getreidesorten und 40 neue Gemüsesorten beim Bundessortenamt angemeldet. Auf über 6.000 Hektar werden die neuen ökologischen Sorten ausgesät. Und fast jedes Jahr erhält eine der Züchtungsinitiativen eine Auszeichnung. In 2012 die Demeter-Gärtnerei Obergrashof bei München, die den "Förderpreis Ökolandbau" der Bundesregierung erhielt. Die Saatgutzüchtung spielte in der Entscheidung der Jury eine zentrale Rolle: "Als Gegenpol zur gängigen Hybridzucht im konventionellen Gemüsebau und der damit verbundenen Genverwaschung ist dem Obergrashof Erhalt, Zucht und Weiterentwicklung samenfester Gemüsesorten eine Herzensangelegenheit geworden. Für die Jury ist das Pionierleistung im besten Sinne."

››› Gastbeitrag Oliver Willing, Zukunftsstiftung Landwirtschaft

Der Saatgutfonds

1996 wurde der Saatgutfonds gegründet. Über aktuelle Entwicklungen informiert zweimal jährlich der kostenlose Saatgutfonds-Infobrief.
Info: www.saatgutfonds.de

Ihre Spende hilft bei der ökologischen Weiterentwicklung des Kulturgutes Saatgut. Natürlich ohne Gentechnik und Patente: Zukunftsstiftung Landwirtschaft, , GLS Bank,
BLZ 430 609 67, Konto 30 005 412