Der Vogelzug im Klimawandel

Die Vögel waren schneller als wir. Lange bevor der Klimawandel und seine Folgen in aller Munde waren, haben Zugvögel bereits angefangen, sich an die veränderten ökologischen Bedingungen anzupassen.

Mit Trompetengebläse wurde im 17. und 18. Jahrhundert in manchen Städten die Ankunft der ersten Störche gefeiert. Seit jeher gilt der Storch als Frühlingsbote. Wie viele andere Zugvögel kehrt er nach Deutschland zurück, wenn die Temperaturen bei uns milder werden und der Frühling vor der Tür steht. Und der kommt jedes Jahr früher. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich der Frühlingsanfang in den letzten Jahren immer weiter nach vorne verschoben hat. So beginnen Pflanzen und Bäume heute rund zehn Tage früher zu blühen als noch vor 30 Jahren. Dieser Trend wird sich laut Klimaprognosen in den nächsten Jahren fortsetzen.

Wie aber wirkt sich die Verschiebung der Jahreszeiten auf das Zugverhalten und die Flugrouten von Zugvögeln aus? Die fortschreitende Erwärmung hat Auswirkungen auf Zugvögel und ihr Zugverhalten, so viel steht fest. So kehren Mehlschwalben inzwischen durchschnittlich zehn Tage früher aus Nordafrika nach Deutschland zurück als noch vor 30 Jahren. Manche Zugvögel wie der Storch verkürzen ihre Zugstrecke, andere wie die Mönchsgrasmücke haben sogar eine neue Flugroute entwickelt. Kiebitz, Star und Singdrossel, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch als klassische Zugvögel galten, fliegen häufig gar nicht mehr in den Süden, sondern bleiben den Winter über in Mitteleuropa.

Das Zugverhalten von Vögeln ist genetisch festgelegt und wird von ihrer "biologischen Langzeituhr" bestimmt, die sich am jahreszeitlichen Rhythmus orientiert. Sie löst im Tier eine Zugunruhe aus und sorgt dafür, dass für die lange Reise rechtzeitig Energievorräte im Körper angefuttert werden. Bei Langstreckenziehern wie beim Trauerschnäpper oder beim Storch ist das Zugverhalten genetisch stärker fixiert als bei Kurzstreckenziehern. Sie können sich folglich weniger schnell an steigende Temperaturen anpassen.

Es gibt Gewinner und Verlierer beim Klimawandel

Der Trauerschnäpper gehört zu den Verlierern der globalen Erwärmung. Den Winter verbringt er südlich der Sahara. Als Langstreckenzieher ist sein Zeitpunkt zum Rückzug in die europäischen Brutgebiete genetisch festgelegt. Er kann sich daher weitaus schlechter an die veränderten klimatischen Verhältnisse anpassen als Zugvögel, die im Süden Europas überwintern. Diese Kurzstreckenzieher, zu denen zum Beispiel die Feldlerche zählt, können ihren Rückflug vom tatsächlichen Wetter abhängig machen. In Deutschland finden sie trotz der vorzeitigen Rückkehr einen reich gedeckten Tisch vor, denn zahlreiche Insektenarten passen sich ebenfalls den milderen Temperaturen an und entwickeln sich deutlich früher. Der Trauerschnäpper als Spätheimkehrer hingegen findet häufig nicht mehr ausreichend Nahrung, um seinen hungrigen Nachwuchs großzuziehen. Auch geeignete Brutgebiete sind bei seiner Ankunft bereits von Frühheimkehrern und Standvögeln besetzt. Aber damit nicht genug: Der Klimawandel und die damit einhergehenden Veränderungen von Lebensräumen erschweren ihm seine Reise. Durch die zunehmende Versteppung weiter Landstriche Afrikas und die Ausbreitung der Wüsten muss er immer größere Strecken zurücklegen. Das zehrt an seinen knappen Energiereserven. Er läuft buchstäblich Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.

Zu den Gewinnern des Klimawandels zählt der Bienenfresser. Der ursprünglich in Süd- und Südosteuropa beheimatete Vogel galt in Deutschland lange Zeit als ausgestorben. Mit den gestiegenen Temperaturen hat der wärmeliebende Bienenfresser sein Verbreitungsgebiet nach Norden ausdehnen können. Er brütet inzwischen am Kaiserstuhl, im Saaletal und sogar in Niedersachsen. Allein in Sachsen-Anhalt wurden in den Jahren 2006 und 2007 rund 250 Bienenfresser-Paare registriert.

Obwohl bereits viele Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Zugvögel und ihr Zugverhalten vorliegen, ist es kaum möglich, sichere Prognosen über die künftige Entwicklung unserer Vogelwelt in Mitteleuropa zu treffen. Fest steht nur: Die Anpassungsfähigkeit der Arten an die Klimaveränderungen wird letztlich über Gewinner und Verlierer entscheiden. Die ersten Störche werden bereits reisemüde. Statt bis nach Afrika zu fliegen, verbringen viele Störche, die bisher auf der west lichen Route gen Süden zogen, den Winter in Spanien. Der kürzere Weg zurück zu ihrem Brutgebiet in Deutschland wird vielleicht schon in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass wir den Storch und mit ihm den Frühling Anfang Februar bei uns begrüßen dürfen.

››› Gastbeitrag von Meike Lechler, NAJU

Bei Langstreckenziehern wie dem Storch ist das Zugverhalten genetisch stärker fixiert als bei Kurzstrecken ziehern. Sie können sich weniger schnell an steigende Temperaturen anpassen und zählen zu den Verlieren der Klimaerwärmung.