Bio aus der Ferne

Immer mehr Bio-Lebensmittel werden nach Deutschland importiert. Warum ist das so? Kann man Bio aus dem Ausland vertrauen?

Platzhalter

"Geh hin, wo der Pfeffer wächst!" – in der Bio-Branche ist dies keine unfreundliche Aufforderung, sondern vielmehr Notwendigkeit. Denn viele im Bio-Alltag verwendeten Lebensmittel, wie zum Beispiel Kräuter und Gewürze, wachsen in Deutschland nicht. Damit wir Salat, Steak und Saucen scharf würzen können, fahren Bio-Verarbeiter dorthin, wo der Pfeffer wächst: nach Indien. Pfeffer aus Indien, Bananen aus Ecuador, Kaffee aus Costa Rica oder ­Kakao von der Elfenbeinküste haben eines gemeinsam: Sie wachsen nur in tropischen oder subtropischen Regionen und müssen deshalb nach Deutschland importiert werden.

Das klingt aufwendig, doch der Handel mit Salz, Gewürzen und anderen Lebensmitteln ist so alt wie der moderne Mensch. Ägypter, Sumerer und Chinesen betrieben bereits vor Tausenden Jahren einen regen Handel, die britische Teekultur wäre undenkbar ohne die im Jahr 1600 gegründete East India Company, die mächtigste Handelsgesellschaft ihrer Zeit. Damals wurden die Exoten mit enormem Transportaufwand auf die heimischen Märkte gebracht. Heute stellt der Transport keine große Hürde mehr dar, und so können wir Obst und Gemüse ganzjährig und selbstverständlich auch in Bio-Qualität genießen.

Zu wenig Bio-Fläche in Deutschland

Allerdings importieren wir zunehmend Bio-Lebensmittel, die auch in Deutschland angebaut werden (könnten). Immer häufiger kommen Kartoffeln aus Ägypten, Weizen aus Polen oder Hirse aus China. Das liegt auch an niedrigeren Löhnen in diesen Ländern, vor allem aber bremst in Deutschland die Politik den Ausbau der Bio-Landwirtschaft. Während sich das Handelsvolumen für Bio-Lebensmittel in Deutschland zwischen 2000 und 2012 verdreifacht hat, konnte sich die Bio-Anbaufläche lediglich verdoppeln. Und diese Schere geht weiter aus­einander. Folglich nehmen die Bio-Importe weiter zu. Schon heute stammen jede zweite Bio-Karotte und jeder zweite Bio-Apfel aus dem Ausland. Unsere Nachbarn nehmen sich der steigenden Bio-Nachfrage bei uns an. Zwischen 2004 und 2010 sind die Bio-Anbauflächen in Polen, auf sehr niedrigem Niveau startend, um 531 Prozent und in Frankreich um 58 Prozent gewachsen. Unsere eigenen Bio-Flächen nahmen lediglich um 29 Prozent zu, und 2012 stagnierte der Ausbau mit kümmerlichen 1,8 Prozent fast gänzlich. Der Bio-Boom geht an den deutschen Bauern vorbei.

Hausgemachte Ursachen

Die Ursachen sind hausgemacht. Die Förderpolitik des Bundes ließ durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) die Anbaufläche für die "Energiepflanzen" Mais und Raps zur Verwendung in Biogasanlagen in den letzten Jahren sprunghaft steigen (plus 79 Prozent zwischen 2005 und 2012). Seitdem explodieren die Pachtpreise für Land, seitdem kaufen internationale Investoren Ackerland nicht nur in Südamerika, sondern auch in Brandenburg und Mecklenburg. Für Öko-Bauern sind die drastisch steigenden Pachtpreise nicht bezahlbar, sie gehen leer im Wettbewerb um Land aus. Hier ist auch Handeln vonseiten der Bundesregierung gefordert. Damit dies geschieht, setzen sich die Verbände der Bio-Branche in Berlin für eine Umkehrung dieser Politik ein.

Ist Bio aus dem Ausland sicher?

Auch in Zukunft ist der deutsche Bio-Markt auf Importe angewiesen. Doch ist Bio aus dem Ausland genauso sicher wie das hiesige? Umfragen zeigen, dass Verbraucher am meisten Bio aus Deutschland und am wenigsten Öko-Produkten aus Russland, Rumänien oder China vertrauen. Deutschland befindet sich in puncto Kontrollen in einer sehr guten Situation. 500 Kontrolleure prüfen die vergleichsweise kleine Bio-Branche; sie macht lediglich vier Prozent des gesamten Lebensmittelmarktes aus. Zum Vergleich: Für die übrigen 96 Prozent des konventionellen Bereichs stehen gerade mal 2 400 Lebensmittelkontrolleure zur Verfügung. Doch auch wenn das Bio-Kontrollnetz in den meisten anderen Ländern nicht so dicht ist wie bei uns, so arbeitet jeder zertifizierte Bio-Bauer, ob aus Sri Lanka, Peru oder Thailand, nach klaren Regeln und Vorgaben. Auch ist es nicht angebracht, einen über Jahrzehnte gewachsenen, relativ entwickelten Bio-Markt wie den deutschen mit einem so ­riesigen, von unterschiedlichsten ­Regionen und Mentalitäten geprägten Land wie China vergleichen zu wollen.

Engmaschiges Kontrollnetz

Damit wir trotz anderer Voraussetzungen Bio nach unseren Erwartungen erhalten, haben wir, neben den Bio-Vorgaben des jeweiligen Landes, zwei weitere Qualitätsschlüssel. Zum einen muss jedes nach Deutschland eingeführte Bio-Produkt die Kriterien der EG-Bio-Verordnung erfüllen. Zum anderen, und das ist wesentlich, entsenden die deutschen Bio-Importeure und -Großhändler eigene Prüfer und Fachleute in die jeweiligen Märkte. Sie führen bei den Bauern Standards in unserem Sinne ein, überwachen deren Einhaltung und bauen über Jahre hinweg ein partnerschaftliches Verhältnis auf – die beste Voraus­setzung für Vertrauen und Qualität. Die international tätigen Händler längst vergangener Zeiten legten auf zertifizierte Standards keinen Wert, für sie zählte vor allem Quantität. Dadurch wurden sie reich und rund ("Pfeffersäcke"). Unser heutiges Bio-Verständnis ist genau andersherum aufgebaut: Hier zählt Qualität vor Quantität.