Akupunktur

Überliefertes Wissen, eingebettet in ein aktuelles, ganzheitliches Konzept – diesen Stellenwert haben Akupunktur und chinesische Heilkunst heute. In ärztlicher Hand vereint dieser Therapieansatz moderne Medizin mit chinesischer Naturphilosophie.

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Mein Sohn ist ständig unruhig, kennt keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr und kratzt sich blutig", fasst die Mutter besorgt zusammen, als sie in die Sprechstunde kommt. Der einjährige Marco hat entzündete Haut, heftigen Juckreiz und außerdem eine Bronchitis. Seine atopische Dermatitis (Neurodermitis) begann bereits mit vier Monaten und verschlimmerte sich nach der Einführung von Beikost. Kortisoncreme hilft nur für kurze Zeit.

Die erfahrene Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin – sie ist zudem Spezialistin für Akupunktur und Chinesische Medizin (CM oder TCM) – untersucht Marco versiert und behutsam. Dabei befasst sie sich intensiv mit Atmung, Schleim, Zunge, Puls und Haut, fragt nach Stuhlgang und Blähungen, lässt sich Ernährungs- ("gerne süß, keine geregelten Mahlzeiten") und Schlafgewohnheiten ("bis zu fünfmal pro Nacht wach, oft nur durch die Milchflasche zu beruhigen") genau beschreiben.

Überschuss beseitigen, Mangel auffüllen, Stagnierendes in Bewegung bringen In der bildhaften Sprache der CM lautet die Diagnose: Blut-Hitze unter der Haut, Blut-Mangel im Lungensystem, zusätzliche Schwächung durch fehlenden Rhythmus. Kortison kühlt Hitze (Verbesserung der Haut), drückt sie jedoch nach innen (obstruktive Bronchitis). Die Haut gehört zum Funktionskreis Lunge / Dickdarm. Daher können Unverträglichkeiten (Milch) und falsche, unregelmäßige Kost die Störungen verstärken und Neurodermitisschübe auslösen.

Behandelt wird mit regelmäßigen Mahlzeiten, Verzicht auf Milch, immunstärkenden Darmbakterien, Ruhe und einer klareren Strukturierung des Alltags. Hinzu kommt Akupunktur: viermal mit je drei bis vier Nadeln. "Schon nach drei Wochen war Marco beschwerdefrei, schläft besser und ist viel ausgeglichener", freut sich die Expertin.

Den Qi-Fluss am Strömen halten Die CM mit ihren über 2.000 Jahre alten Wurzeln betrachtet den Menschen in seiner Gesamtheit. Eine wesentliche Grundlage ist die Philoso­phie von Yin (Nacht, Kälte, Ruhe, das Innere et cetera) und Yang (Tag, Hitze, Aktivität, das Äußere et cetera). Sie verkörpern das Gegensätzliche und gleichzeitig das sich Ergänzende – Yin existiert nie ohne Yang und umgekehrt.

Alles in der Welt steht in Beziehung zueinander. Deshalb basiert jedes Krankheitsbild auf einem Ungleichgewicht von Yin und Yang – das Qi, eine Art universelle Lebensenergie, kann nicht mehr ungehindert in seinen Leitbahnen (Meridianen) zirkulieren. Geprägt werden die biologischen Funktionen durch Yin und Yang und die fünf Wandlungsphasen (Ele­mente Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall) mit ihren Funktionskreisen (Organe, die sich teils von jenen der westlichen Medizin unterscheiden). Nach den fünf Elementen werden die Menschen in Konstitutionstypen eingeteilt. Stets spielen seelische Aspekte eine Rolle: "Die Chinesische Medizin behan­delt nicht nur die Symptome", charakterisiert die Fachärztin diesen ganzheitlichen Ansatz, "sie will den Menschen in seiner Wesenheit erkennen."

Über 300 Akupunkturpunkte und Nadeln fast so Dünn wie ein Haar Neben der Therapie ist die Vor­beugung ein zentrales Thema der CM – dies symbolisieren bereits ihre fünf Säulen Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Diät­etik, Qigong / Taiji und Tuina (chinesische Massage). Die Akupunktur zum Beispiel ist im Westen etabliert, ihre Wirkung ist wissenschaftlich bewiesen. Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt das Nadeln bei zahlreichen akuten und chronischen Erkrankungen.

In der Vorstellung der CM bringt das Stechen in exakt definierte Akupunkturpunkte das Qi wieder zum Fließen. Was genau dabei im Körper abläuft, ist noch nicht restlos geklärt. Sicher ist: Das Akupunktieren entfaltet spezielle Wirkungen. Es lindert Übelkeit und Erbrechen, fördert Wehen, macht unempfindlicher gegenüber Schmerzen. Zustande kommen diese Effekte, weil das Gehirn infolge des Nadelreizes vermehrt schmerzlindernde und stimmungsaufhellende Substanzen ausschüttet ("Glückshormone").

Während des Nadelns entspannen sich die großen und kleinen Patienten. Nebenwirkungen wie Rötungen et cetera sind äußerst selten. Aber: Akupunktur gehört in die Hände von umfassend ausgebildeten Ärzten. Nur sie können Symptome auch vor dem Hintergrund der universitären Medizin ein­ordnen und optimal behandeln – damit Akupunktur und Chinesische Medizin sichere Methoden bleiben.

››› Gastbeitrag Sabine Schierl

Sabine Schierl

Sabine Schierl, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Ausbildungen in Chinesischer Medizin (CM) und Akupunktur in Deutschland und China. Praxis mit Schwerpunkt CM, anthroposophische Medizin und systemische Familientherapie im bayerischen Bad Endorf. Schulärztin der Freien Waldorfschule Chiemgau. Vorstandsmitglied und Dozentin der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA). Lehrauftrag für CM an der Universität Witten. Prüfungsbeauftragte "Zusatzbezeichnung Akupunktur" an der Bayerischen Landesärztekammer.

Mehr Interesse?

Informationen zu Akupunktur und Chinesischer Medizin: Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. (DÄGfA): daegfa.de

  • Erfahrene Akupunkturärzte mit mindestens 200 Stunden Ausbildung und DÄGfA-Diplom in der Nähe des Patienten: daegfa.de –› Patienten –› Arzt-Schnellsuche
  • Wichtige Akupressurpunkte zur Selbsthilfe: daegfa.de –› Patienten –› Chinesische Medizin –› Akupressur – Tuina