Spurensuche ins eigene Innere

Vielleicht verbinden Sie Schreiben mit mühsamen Schulerlebnissen, miesen Noten oder anderen unangenehmen Erfahrungen? Vielleicht fällt es Ihnen schwer, sich vorzustellen, dass Schreiben Freude machen kann? Und vielleicht ist es für Sie ein neuer Gedanke, dass Schreiben sogar heilsam wirkt?

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Dies alles und mehr gibt es beim Therapeutischen oder Kreativen Schreiben zu entdecken. Ein Zugang, der fernab von Rotstift und Noten in die Welt der Kreativität, des spielerischen Zugangs und zum höchst wirksamen Ausdrucksmittel persönliches Schreiben führt.

In den USA als Creative Writing längst in Schulen und Uni­versitäten eingeführt, findet Kreatives Schreiben auch in Deutschland zunehmend Eingang in pädagogische, psycho­soziale, therapeutische und beratende Arbeitsfelder. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e.V. (DGPB) und der Segeberger Kreis ermitteln und entwickeln Einsatzfelder, erforschen Schreibprozesse und fördern wissenschaftlich.

In den letzten Jahren entwickelte sich die spezielle Schreibkultur von angeleiteten schreibpädagogischen Gruppen in der Erwachsenenbildung bis zur Poesietherapie im klinischen Bereich – ein spielerischer Zugang zu persönlichen Kräften und Ressourcen, zu verborgenen Möglichkeiten und bisher unbewussten Lösungsideen. Internationale Wirksamkeitsnachweise belegen, dass und wie sich weite Denk-, Wahrnehmungs- und Erlebnisfelder schreibend öffnen. Achtsamkeit ist dabei ein wesentlicher Bestandteil, da nur über etwas geschrieben werden kann, das auch wahrgenommen wird. Die unzensierte Beschäftigung mit dem Moment zählt. Es gibt kein richtig oder falsch, lediglich ein Experimentieren. Kein Beurteilen, kein Bewerten, stattdessen ein Staunen über alles, was sich schreibend zeigen mag.

Lutz von Werder, einer der Pioniere des Kreativen und Therapeutischen Schreibens in Deutschland, entwickelte den integrativen Ansatz der "Drei S", in dem er Kreatives und Therapeutisches Schreiben als Spiel, Stil und Selbstbegegnung beschreibt. Der unverkrampfte Zugang zur Kreativität berührt emotionale Zentren unseres Gehirns. Schreibend nach treffenden Wörtern fahnden, eine bedeutsame Aussage auf den Punkt bringen und gestalten, aktiviert den passiven Wortschatz, verbessert die Ausdrucksfähigkeit und erweitert das Sprachvermögen. Sich schreibend in eigene Welten tragen zu lassen, überwindet etwas von der Enge überkommener Vorstellungen und verbindet mit dem tiefen inneren Wissen, diesem großartigen Speicher an individueller Erfahrung, Trost, Zuspruch und Hoffnung. Im Prozess des Schreibens wird eine Fülle von Erinnerungen mit atmosphärischen, dinglichen, physiognomischen Details heraufbeschworen, und das mitunter in einer erstaunlichen Genauigkeit und Intensität.

Schreiben kann Dialog mit sich selbst sein, ein Aussprechen, Herz-Ausschütten bei einer wohlgesonnenen inneren Figur. Diese könnte zum Gegenüber werden mit interessanten Antworten, wie sie sich nur durch Grübeln nie finden lassen. Dennoch sind sie vorhanden, und Schreiben kann eine Brücke eröffnen zu diesen unbewussten Aspekten, die man vom Verstand und vom Ich-Bewusstsein her nicht erreichen kann.

Poesietherapie ist angeleitete Hilfe zur Selbsthilfe, die mit Worten, Sprachklängen und -rhythmen, Gedanken, Körperempfinden und Sinneserleben arbeitet, mit Eindrücken, die Ausdruck suchen. In der schützenden Zwischenwelt des Papiers hat viel Ungesagtes und Unaussprechliches Platz. In diesem Resonanzfeld können sich Einsichten in lebensgeschichtliche Themen eröffnen, chaotische Gedanken ordnen, Gefühle verstehen lassen, schöpferische Potenziale zeigen, Sinnfragen stellen und Konflikte klären. Diese achtsame Annäherung an die eigene Individualität und an persönlich bedeutsame Menschen ist schreibende Spurensuche ins eigene Innere.

››› Gastbeitrag Petra Rechenberg-Winter

Petra Rechenberg-Winter

Petra Rechenberg-Winter, Diplom-Pädagogin und -Psychologin, M.A. Biografical and Creative Writing, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Familientherapeutin (DGSF), Supervisorin (DGSF, DGSv, PTK), Mediatorin (BM, BAFM), klinische Poesieund Bibliotherapeutin (DGPB, DGKT), Lehrende (DGSF, BM), Dozentin und tätig im Leitungsteam des Hamburgischen Instituts für systemische Weiterbildung HISW, in eigener Praxis und als Fachautorin.

Mehr Interesse?

  • Silke Heimes, "Schreib es dir von der Seele", Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-40430-0, 14,99 Euro.
  • Hilarion Petzold und Ilse Orth, "Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache: Poesietherapie, Bibliotherapie, Literarische Werkstätten", Aisthesis, Bielefeld 2005, ISBN 978-3-89528-528-8, 29,80 Euro.
  • Petra Rechenberg-Winter, "Leid kreativ wandeln. Biografisches Schreiben in Krisenzeiten", Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-525-40258-0, 14,99 Euro.
  • Lutz von Werder, "Lehrbuch des Kreativen Schreibens", Matrix, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-148-3, 10 Euro.
  • Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie DBPB dgpb.org
Schreibwerkstätten: z. B. schreibweise-hamburg.de (Hamburg); schreibraeume.de (München); schreibenbefluegelt.wordpress.com (Berlin); syntagma.de (Frankfurt);
text-manufaktur.de (Leipzig); bundesakademie.de (Wolfenbüttel)