Seelsorge – ein christliches Therapeutikum

Seit etwa 100 Jahren ist die Psychotherapie in immer weitere Kreise hineingewachsen, immer neue Wege werden noch gesucht und gefunden und offensichtlich auch dringend gebraucht von einer sich ebenfalls vergrößernden Zahl von Patienten.

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Sehr vielfältig sind diese Angebote, sicher wirkende und weniger effektive, sehr lange dauernde und schnelle, teure und preiswertere.

Fragt man nach den Hintergründen dieser Entwicklung, danach, ob es vielleicht mehr seelisches Leid in der Gegenwart gibt als früher, so ist das nicht leicht zu beantworten. Deutlich ist, dass alte Lebensordnungen leichter zerfallen, dass Schicksale, die in Einsamkeit führen, häufiger sind und der Sinn des eigenen Lebens öfter schwer zu finden ist. Zu dem, was fehlt, kann gewiss auch gerechnet werden, dass immer weniger Menschen, aus welchen Gründen auch immer, noch inneren Halt in ihrem Glauben oder in ihrer Kirche finden, wo es bis vor einiger Zeit noch Trost und Stütze in schweren Zeiten zu entdecken gab. "Weltanschaulich obdachlos" nennt das der Philosoph Rüdiger Safranski.

Als Seelsorger erlebt man es nicht selten, dass Menschen zu einem kommen, die sich als "therapieresistent" bezeichnen oder bezeichnet werden, sie haben alles schon ausprobiert. In der Tätigkeit der Seelsorge hat man, wenn sie nicht "dogmatisch" ist und dadurch Sünde, Reue und Vergebung im Vordergrund stehen müssen, wenig Theorie, das heißt Methoden. Man hat auch den Erfolg nicht in der Schublade oder könnte ein Rezept verschreiben. Das Gegenüber, der bedürftige Mensch, bringt seine Methode mit, sie wird sich zeigen, wenn das Gespräch beginnt. Vielleicht wird dadurch deutlich, was ihm in Wirklichkeit fehlt. Ob der Zuhörende der Richtige ist, kann – wie auch sonst – nur eine Vertrauensfrage sein, eine Schicksalsfrage, nicht etwas Institutionelles.

Man kann, ohne Geheimnisse zu verraten, aus solchen Zusammenhängen erzählen, dass es auch dort Extreme gibt. Da ist jemand, der kann eigentlich gar nicht ausdrücken, was ihn hergeführt hat. Dann aber sitzt einem ein Mensch gegenüber, der hat schließlich fast eine ganze Stunde lang geredet, steht auf und sagt: "Vielen Dank für das gute Gespräch." Wer wollte beurteilen, was hier geschehen ist? Ein anderer erhebt sich nach ebenfalls längerer Rede und bekundet: "Sie brauchen mir gar nichts mehr zu sagen, ich weiß jetzt schon, was zu tun ist." Dann habe ich als Seelsorgerin die Empfindung des Gelungenen.

Vielleicht wird aus diesen Beispielen deutlich, dass die "Methode" oft darin besteht, sich völlig zurückzunehmen und erhören zu lernen, wo man sonst nur zuhört. Dann hört der Sprechende sich manchmal Dinge sagen, die für ihn selbst unerwartet sind. Es kann auch sein, dass dem Zuhörenden, wenn er sich und alles Gelernte in das Gespräch hinein vergisst, Gedanken und Worte kommen, die plötzlich ganz neue Perspektiven eröffnen und wirklich hilfreich sein können und angenommen werden wie eine Selbstverständlichkeit. Dieses Geschehen hängt mit einer reinen, nicht moralisierenden Selbstlosigkeit zusammen, die zwischen beiden Gesprächspartnern aufkommen kann, denn am wenigsten wird dem geholfen werden, der sich ständig mit sich selbst beschäftigt. Das Gegenteil ist heilend: das Interesse für das Wesen der Welt und für den anderen Menschen. Dadurch entsteht eigene Sicherheit.

Die Seele des Menschen gleicht dem Wasser, sagt Goethe. Vielleicht könnte man auch denken, sie gleicht dem Boot auf dem Wasser, das sich durch Flauten und Stürme hindurchfinden und darin immer neu nach Halt und Hilfe suchen muss, nach dem aufgerichteten Mast mit den Segeln und dem Steuerruder – und vielleicht darüber dem Stern, der Orientierung gibt.

Da berühren wir das Reich des Christlichen, das heutzutage deutlich über Freiheit, Selbstständigkeit und ein klares, waches Bewusstsein des einzelnen Menschen betreten werden muss. Der Evangelist Johannes, der auch die Apokalypse geschrieben hat, schaute ein Wesen, das Menschensohn genannt wird und einen Namen angeschrieben hat, den niemand versteht außer er selbst: den Ich-Namen. Der ewige Name des Menschen, der nicht mit uns geboren wird noch stirbt, verbindet uns mit dem Geist, welcher die Seele führen und heilen kann. Diese Heilung wirkt so, dass ihre Kraft in der Gegenwart entsteht und dadurch sowohl Unverarbeitetes aus der Vergangenheit als auch Angst vor der Zukunft zu überwinden beginnt, wenn sie ergriffen wird. Dieser ewige Name ist auch an der Stelle gemeint, wo Christus im Evangelium eine Art Ortsangabe darüber macht, wo und wie er zu finden sei: "Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Matthäus 18,20).

Die Seelsorge kann eine seelisch-geistig freie Situation dafür schaffen, dass das möglich ist. Der Seelsorger selbst könnte der Ministrant für einen solchen Vorgang genannt werden.

››› Gastbeitrag Mechtild Oltmann-Wendenburg, Pfarrerin in der Christengemeinschaft, Berlin

Mechtild Oltmann-Wendenburg

Mechtild Oltmann-Wendenburg, geboren 1939 in Mitteldeutschland. Studium der Psychologie, Ausbildung als Buchhändlerin, später am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart. Langjährige Tätigkeit als Pfarrerin in Berlin. Dozentin an Seminaren und Vorträge.

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