Kunsttherapie – Plastisches Gestalten

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie Patienten durch das Plastizieren ihr Schicksal – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder ein Stück weit selbst in die Hand nehmen.

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Zögerlich betritt die Patientin das Atelier zum plastischen Gestalten am anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Sie ist wegen starker Depressionen in die Klinik gekommen. Der Therapeut begrüßt sie, zeigt ihr einen Platz und gibt ihr ein Stück Ton. Fragend schaut sie ihn an. "Hinterlassen Sie Ihre Spuren!", ermuntert er sie und zieht sich zurück. Was dann geschieht, ist so individuell wie die Menschen selbst. Manche Patienten kneten und formen direkt drauflos. Andere zögern, überlegen und tasten sich dann langsam voran. Manche wollen konkrete Vorgaben. Aber bei dieser ersten Begegnung mit dem Ton gibt es keine konkrete Aufgabe. Nur so kann der Mensch etwas von sich zeigen. Im Ausprobieren entsteht eine Form. Die Hände drücken das aus, was ist. Alles darf sichtbar werden: Angst, Unsicherheit, Zweifel, Trauer. Bei Joseph Beuys heißt es: "Zeige deine Wunde."

Anerkennen, was ist

Am nächsten Tag betrachten Therapeut und Patientin die entstandene Form. Man sieht, dass die Form oben wie eingedrückt erscheint, als laste ein großer Druck auf ihr. Die Patientin zeigt mit ihrer Figur etwas, ohne dass sie es vorher in Worte fassen konnte. Auch andere Patienten erleben in dieser Besprechung ihrer ersten und freien Arbeit, dass das Herantasten an das Material ihnen hilft, sich auszudrücken. Im Gespräch mit dem Therapeuten spüren die Patienten, dass sie mit dem, was sie zeigen, gesehen werden. So wie eine rund 70-jährige Patientin, die ihren ersten Versuch – sie hat zwei identisch aussehende Rollen gemacht – als sinnlos bezeichnet. Sie schildert, dass ihr größtes Problem sei, sich nie entscheiden zu können, und dass sie deshalb letztlich immer passiv bleibe. Der Therapeut macht die Patientin darauf aufmerksam, dass sie mit ihren zwei identischen Rollen eine sehr treffende äußere Form für ihre quälende Unentschiedenheit gefunden hat. Die Patientin erlebt im Gespräch, dass sie in ihrer Problematik gesehen und anerkannt wird, weil sie sich im künstlerischen Prozess gezeigt hat. Die unerwartete Anerkennung berührt sie sehr.

Das Schicksal in die Hand nehmen

Nachdem Therapeut und Patient die freie Arbeit gemeinsam betrachtet haben, formulieren die Patienten im nächsten Schritt für sich selbst ein Ziel. Der Therapeut hält sich bewusst zurück, erst abschließend schlägt er eine Aufgabe vor, um das jeweilige Ziel im künstlerischen Prozess zu erreichen. Ein Beispiel: Ein Patient hat in der ersten Arbeit sieben verschiedene Einzelteile geformt. In der Besprechung mit dem Therapeuten zeigt sich, dass der Patient diese Einzelteile als schmerzhaft empfindet: "Ich bin nicht bei mir, ich verliere mich." Der Patient formuliert als Ziel, wieder mehr innere Identität zu entwickeln, und möchte eine Form gestalten, die die einzelnen Teile miteinander verbindet.

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie Patienten durch das Plastizieren ihr Schicksal – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder ein Stück weit selbst in die Hand nehmen. Die Plastik hilft ihnen dabei, denn Mensch und Plastik sind sich als räumliche Formen durchaus ähnlich. Wenn die Patienten anfangen, den Ton zu einer Form werden zu lassen, spüren sie, dass sie etwas gestalten können, das mit ihnen zu tun hat. Sie formen neue Qualitäten und werden schöpferisch tätig. Auch in Krankheit oder Krise kann etwas ganz Neues entstehen.

Besonders bewährt hat sich dieses Therapieverfahren bei Krankheitsbildern, wo es um einen "Formverlust" geht und eine Krankheit "auflösende" Tendenzen zeigt. Zum Beispiel regt das Plastizieren bei einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung die Struktur- und Formkräfte des Menschen an, die den Auflösungs- und Entzündungsprozessen der Erkrankung entgegenwirken. Auch Suchtkrankheiten oder psychiatrische Krankheitsbilder, bei denen die Patienten oft wie "außer sich" sind, können sehr gut begleitend mit plastischem Gestalten behandelt werden. Auf der anderen Seite sind Krankheitsbilder, die eher zur Verhärtung und Verdichtung tendieren, also zum Beispiel Herzerkrankungen mit sklerotischen Zügen, weniger geeignet.

Zurück zur jungen Frau vom Anfang: Nach zwei, drei Wochen zeigt die Patientin ihre neue Form. Der Eindruck der ersten freien Arbeit, die wie niedergedrückt erschien, ist verschwunden. Die neue Form sieht aus, als würde sie sich selbst nach oben richten. Die Oberfläche ist locker gearbeitet. Das Schwere und Gedrungene ist wie verwandelt. Die Patientin wird bald entlassen. Sie fragt den Therapeuten nach einer Adresse, wo sie sich selbst Ton besorgen kann. Sie lächelt.

››› Gastbeitrag Peter Bläsi

Peter Bläsi

Peter Bläsi arbeitet seit 20 Jahren als Kunsttherapeut am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. havelhoehe.de

Mehr Interesse?

  • Anthroposophische Kunsttherapie wird von Ärzten verordnet und von qualifizierten und zertifizierten Kunsttherapeuten (BVAKT) durchgeführt: bvakt.de
  • Gesetzliche Krankenkassen können die Kosten übernehmen. Infos unter damid.de
  • Urs Werth, "Lebendige Prozesse: Eine Annäherung an die anthroposophische Kunsttherapie am Beispiel der plastischen Kunst" (2014), ISBN 978-3-9522-8790-3, 14,90 Euro.
  • Katharina Gutknecht, "Ohne Engel geht es nicht" (2004), ISBN 978-3-7235-1207-4, 12 Euro.
  • YouTube-Video (4:57 min) zum Plastizieren: youtube.com/watch?v=PfzYSMCm2go