Musiktherapie

Kann Musik heilen? Aber ja!

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Wie das gemeint ist, zeigt ein Tag an der anthroposophischen Filderklinik, die als ergänzende Therapie die Musiktherapie einsetzt: Auf der Kinderintensivstation, wo die frühgeborenen und kranken neugeborenen Kinder betreut werden, besucht die Musiktherapeutin eine Mutter und ihr erst zwei Tage altes Kind. Beide stehen noch wie unter Schock. Das Kind ist überraschend und zu früh zur Welt gekommen. Nun liegt es auf der Brust seiner Mutter, warm zugedeckt. Nach den ersten Klängen der Kinderharfe und der zurückhaltenden Singstimme der Therapeutin fängt die Mutter an zu weinen, erst leise, dann schluchzend. Ihre Hand streichelt über das Köpfchen ihres Kindes. Die Klänge haben das Weinen ausgelöst. Innerer Schmerz drückt sich darin aus. Es ist gut, dass die Tränen fließen können. Allmählich beruhigt sich die Mutter. Es folgt ein tiefes Durchatmen. Ruhe kehrt ein.

Die Therapeutin verabschiedet sich leise und geht zu einer anderen jungen Mutter, die bereits etwas länger in der Klinik ist. Ihr Kind kam zehn Wochen zu früh zur Welt. Es liegt im Bettchen, seine Mutter sitzt daneben. Sie wirkt traurig und etwas verloren. Sobald die ersten Klänge der Harfe erklingen, reagiert das Kind, obwohl es noch sehr schwach ist. Die Augen bewegen sich unter den geschlossenen Lidern, der Mund öffnet sich, die kleinen Hände bewegen sich leicht, der Kopf dreht sich dem Klang entgegen. Nun öffnen sich die Augen einen Spalt weit. Es ist wie ein Erwachen in die Klänge hinein. Auf dem Gesicht der Mutter ist ein beglücktes Lächeln zu sehen. Es ist wie ein kleines Wunder, was da geschieht.

Neue Perspektive finden

Ob nun in der Klinik oder in der Praxis – Ziel der Musiktherapie ist es, musikalisch-kreative Ressourcen anzuregen und damit die Lebenskräfte des Menschen zu stärken. Das therapeutisch begleitete Musizieren hilft dem Patienten dabei, sich selbst und seine Gefühle wieder besser wahrzunehmen und daraus neue Perspektiven zu entwickeln. Natürlich kann dieser Prozess auch unbewusst ablaufen – zum Beispiel bei Kindern. Auf der körperlichen Ebene ist die Musiktherapie ebenfalls wirksam. In Studien konnte gezeigt werden, dass die Musiktherapie bei Intensivpatienten und bei Frühgeborenen Atmung, Blutdruck und Herzschlag beruhigen und stärken kann. Wer schon einmal auf einer Intensivstation war, wird gut nachvollziehen können, wie heilsam es ist, zwischen den unzähligen Apparaten und Maschinen Räume für Musik und menschliche Begegnung entstehen zu lassen.

Zurück zum Klinikalltag. Weiter geht es zu einem achtjährigen Mädchen mit auto-aggressivem Verhalten. Gemeinsam wird nach einem Instrument gesucht, das der Stimmung des Mädchens am besten entspricht. Wie klingt das? Und das? Die Sansula, ein kleines afrikanisches Instrument, klingt eher zögernd, fast traurig. Das Spiel auf dem Ballafon, eine Art Xylofon, hört sich dann schon richtig mutig an. Die Töne springen, nehmen überraschende Wendungen. Die Stunde klingt bald mit einer großen Tischtrommel aus, die das Mädchen mit viel Kraft und Energie spielt. Strahlend verabschiedet sich die Patientin.

Nun kommt eine junge Frau in den Therapieraum. Sie ist wegen einer Depression und einer Essstörung in Behandlung. Wieder wird das passende Instrument gesucht. Welcher Klang kommt der Stimmung der Patientin am nächsten? Wie ist diese innere Stimmung eigentlich? Als die junge Frau mit dem Metallofon experimentiert, sagt sie plötzlich: "Jetzt spüre ich Trauer!" Zuvor wurde ihr Spiel immer leiser, reduzierte sich auf immer weniger Töne, bis nur noch fünf Töne übrig blieben, mit denen sie länger spielte. Schließlich konnte sich die Trauer zeigen. Die Patientin kann ihr begegnen, sie befragen, ihr einen Klang geben. Sie ist auf dem Weg.

Umhüllt und geborgen

Eine Krankheit kann uns tief verunsichern. Sie stellt uns vor ganz neue Fragen, vor Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens. Wie kann uns da die Musik helfen? Die Klänge können uns Trost und Halt geben. Sie können uns Gefühle von Geborgensein und Umhülltsein vermitteln. Es kann eine Atmosphäre entstehen, in der innere Ruhe, Zuversicht und Hoffnung wachsen. Wir können mit der Musik Freude und innere Kraft finden. Die Musik kann uns helfen, unseren Gefühlen wie Angst, Ohnmacht, Zweifel, Einsamkeit zu begegnen. Sie lässt uns Antworten auf Fragen finden. Sie lässt uns zu uns selbst kommen. Wir können uns mit ihrer Hilfe auf den Weg der Wandlung, der Entwicklung machen.

››› Gastbeitrag Monica Bissegger

Monica Bissegger

Monica Bissegger ist seit 1990 als Musiktherapeutin an der Filderklinik tätig. Sie unterrichtet außerdem als Lehrerin des Studiengangs Musiktherapie in Berlin. filderklinik.de

Mehr Interesse?

  • musiktherapie.de
  • musiktherapeutische-arbeitsstaette.de
  • medizin individuell. Zeitschrift für Anthroposophische Medizin, zu finden unter medizin-individuell.de
  • Monica Bissegger, “Musiktherapie in der Krebs­behandlung“, in: “Onkologie auf anthroposophischer Grundlage“ (2010), Hrsg. Volker Fintelmann, ISBN: 978-3-93238-635-0, 19,90 Euro.
  • Susanne Reinhold, “Anthroposophische Musiktherapie. Eine Hinführung“ (1996), Gesundheit aktiv – Anthroposophische Heilkunst e. V., Nr. 157, ISBN: 978-3-92644-433-2, ab 4 Euro.