Farblichttherapie

In der Anthroposophischen Medizin wird Gesundheit auf vier Ebenen beschrieben: als körperliche Unversehrtheit, physiologische Belastbarkeit, psychischer Reichtum und geistige Produktivität. "Gesund" ist der Mensch, wenn das individuelle Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte im dynamischen Gleichgewicht ist.

Platzhalter

Waren Sie schon einmal in der Kathedrale von Chartres? Und haben gesehen, wie das Sonnenlicht durch die kunstvoll gearbeiteten farbigen Kirchenfenster fällt? Wenn ja, werden Sie diesen Eindruck sicherlich nicht vergessen! Aber nicht nur die Ästhetik des Lichts ist beeindruckend. Heute wissen wir, dass Licht physiologische Prozesse im Körper positiv beeinflusst und sogar heilende Kraft besitzt. So wird zum Beispiel Licht bei der Behandlung der sogenannten Winter-Depression oder auch von Hauterkrankungen erfolgreich eingesetzt. Die Bildung von Vitamin D, das unter anderem für den Knochenstoffwechsel, aber auch für das Immunsystem wichtig ist, wird durch Licht angeregt. Nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei Tieren und Pflanzen spielt Licht eine große Rolle. Wie der Name schon sagt, ist Licht bei der Fotosynthese in Form von Aufbauprozessen in der Natur zentral beteiligt. Dabei werden im Pflanzenreich aus energiearmen Stoffen energiereiche Substanzen mithilfe von Lichtenergie erzeugt. Es handelt sich dabei um einen Vorgang, der letztlich wieder uns Menschen zugutekommt. Welche Bedeutung hat nun farbiges Licht beziehungsweise Farben allgemein?

Mit farbigem Licht heilen
Dass unterschiedliche Farben auf Menschen, besonders auf die Psyche, verschiedene Wirkungen haben, gilt als anerkannt. Kulturelle und religiöse Zuschreibungen auf die Farbsymbolik spielen dabei eine wichtige Rolle – wenn auch die Wirkung einiger Grundfarben global wohl ähnlich ausfällt. Rot zum Beispiel gilt allgemein als anregend und belebend, Blau als beruhigend und entspannend. Die Wirkung von farbigem Licht auf das seelische Befinden wird zum Beispiel dann eingesetzt, wenn Patienten während diagnostischer Untersuchungen sehr ängstlich und unruhig sind. So können Patienten in manchen Krankenhäusern bei Kernspintomografien eine ihnen angenehme Farbe wählen, mit der der Untersuchungsraum beleuchtet wird. Der Effekt: Die Patienten entspannen sich und sind weniger nervös.

Inzwischen wissen wir auch, dass sich Farben bis auf die körperliche Ebene auswirken können, obwohl farbiges Licht ein "nicht-stoffliches" Medikament ist. Früher wurde dieser Ansatz eher belächelt. Mittlerweile liegen harte Fakten vor, sodass die Farblichttherapie heute in der Medizin etabliert ist. Ein gutes Beispiel: Viele Säuglinge, die Neugeborenen-Gelbsucht haben, können mit blauem Farblicht so gut behandelt werden, dass man bis auf wenige Ausnahmen auf weitere Maßnahmen wie zum Beispiel Medikamente oder Bluttrans­fusionen verzichten kann. Bei Neugeborenen konnte zusätzlich gezeigt werden, dass blaues Farblicht Herz und Organdurchblutung stärken kann. Andere Studien belegen, dass sich farbiges Licht auch auf das vegetative Nervensystem auswirkt. In einer Dissertation an der Universität Tübingen konnte gezeigt werden, dass farbiges Licht die Herzratenvariabilität, also den individuellen Rhythmus des Herzschlages, positiv beeinflussen kann.

Der Natur abgelauscht
Eine Weiterentwicklung der Farblichttherapie ist die Metallfarblichttherapie, die im Rahmen der Anthroposophischen Medizin eingesetzt wird, zum Beispiel in der Filderklinik oder im Paracelsus-Krankenhaus in Unterlengenhardt. Den Anstoß dazu, farbiges Licht therapeutisch zu nutzen, gab Dr. Rudolf Steiner, der diesen Ansatz bereits 1920 empfohlen hatte. Weitergeführt wurde das Konzept von der Künstlerin Marianne Altmaier, die daraus die Metallfarblichttherapie entwickelte. Dabei werden den Glasscheiben Metalle beigemengt – ein Verfahren, das "der Natur abgelauscht" ist, da zum Beispiel Edelsteine wie Amethyste oder Rosenquarze Silikate sind, die durch Metallbeimengungen ihre schöne Färbung bekommen. Die Farbe des therapeutisch genutzten Glases wird durch Metalle wie Eisen, Kupfer, Silber oder Gold in komplexen Prozessen (Mischen, Schmelzung, Gießen) erzeugt. Heute wird die Metallfarblichttherapie vor allem bei psychosomatischen Krankheitsbildern beziehungsweise in der psychologischen Begleitung von Kindern oder auch von Krebskranken eingesetzt.

Die Patienten berichten, dass sie sich durch die Therapie sowohl körperlich als auch seelisch-geistig gestärkt fühlen. Eine an der Filderklinik durchgeführte Pilotstudie zur Farblichttherapie bei chronisch kranken Menschen zeigt, dass die Patienten nach der Farblicht-Intervention verstärkt Energie und Lebensfreude spürten. Auch wenn noch viel Forschungsbedarf auf diesem Gebiet besteht, sieht es ganz danach aus, dass farbiges Licht viel mehr kann, als "nur" schön zu sein.

››› Gastbeitrag Dr. med. Jan Vagedes

Dr. med. Jan Vagedes

Dr. med. Jan Vagedes, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Leiter des ARCIM-Instituts (Academic Research in Complementary and Integrative Medicine), wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen. Zusammen mit Georg Soldner Herausgeber des Elternratgebers "Das Kinder-Gesundheitsbuch".

Zum Weiterlesen:

  • Johannes Itten, "Kunst der Farbe – Subjektives Erleben und objektives Erkennen als Wege zur Kunst"
    (2010), ISBN: 978-3-86230-161-4, 29,90 Euro.
  • Norbert Welsch, "Farben – Natur, Technik, Kunst"
    (2011), ISBN: 978-3-82742-846-2, 29,99 Euro.
  • Hans Gekeler, "Handbuch der Farbe – Systematik, Ästhetik, Praxis"
    (2007), ISBN: 978-3-83217-289-3, 16,95 Euro.
  • Johann Wolfgang von Goethe, (mit Einleitung und Erläuterungen von Rudolf Steiner) "Farbenlehre",
    3 Bände, ISBN: 978-3-77250-702-1, gebraucht ab 95,05 Euro.
  • Jan Vagedes und Georg Soldner, "Das Kinder-Gesundheitsbuch"
    (2013), ISBN: 978-3-83383-619-0, 29,99 Euro.