Medizin und Nachhaltigkeit

Warum es so wichtig ist, Menschen langfristig, also nachhaltig, zu motivieren, mehr Verantwortung für die eigene körperliche und seelische Gesundheit zu übernehmen.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Bezog er sich vor einigen Jahren noch in erster Linie auf ökologische Zusammenhänge, so hat sich daraus längst eine Bewegung entwickelt, die auf viele andere Lebensfelder übergreift. Zu Recht, denn dass unsere Ressourcen endlich sind, ist mittlerweile unbestritten. Allerdings droht inzwischen ein inflationärer Gebrauch des Begriffs. Denn heute wird das Thema Nachhaltigkeit für alles Mögliche genutzt, zum Beispiel wenn Unternehmen den Begriff vor allem aus Marketinggründen anwenden, um sich in unseren gesättigten Märkten als besonders umwelt- und sozialverträglich von ihren Wettbewerbern abzusetzen.

Braucht es vor diesem Hintergrund tatsächlich noch eine Diskussion um eine nachhaltige Medizin?

Ja, denn wir brauchen Nachhaltigkeit auch in der Medizin! Unser Gesundheitssystem hat aufgrund des demografischen Wandels und des technischen Fortschritts die Grenzen seiner Belastbarkeit erreicht. Eine zukunftsfähige Medizin wird also nur dann bestehen können, wenn es gelingt, nicht nur kurzfristig Symptome zu lindern. Vielmehr geht es darum, die Menschen langfristig, also nachhaltig, zu motivieren, mehr Verantwortung für die eigene körperliche und seelische Gesundheit zu übernehmen, damit auch chronische Krankheiten, die bereits heute einen Großteil der Ausgaben im Gesundheitssystem verursachen, gar nicht erst entstehen: Ernährung, Bewegung und Rhythmus sind extrem wichtige Elemente, um der Chronifizierung von weit verbreiteten Krankheitsbildern wie zum Beispiel Bluthochdruck oder Diabetes vorzubeugen. Durch diese nachhaltig wirksamen Lebensstilveränderungen können wir alle viel dazu beitragen, dass es uns langfristig gut geht.

Es wäre allerdings unfair, das anspruchsvolle Vorhaben, sich aktiv für die eigene Gesundheit einzusetzen, so zu verstehen, dass die alleinige Verantwortung für das persönliche Wohlergehen ausschließlich beim Individuum liegt. Es gibt sehr wohl bestimmte Rahmenbedingungen, die so gestaltet werden müssen, dass nachhaltige Konzepte in der Medizin umgesetzt werden können. Ein Beispiel: Inzwischen ist allgemein bekannt, dass es heute einen höchst problematischen Missbrauch von antibakteriellen Substanzen gibt, unter anderem durch unsinnige Antibiotika-Anwendung in der Medizin. Dass es anders gehen kann, zeigt zum Beispiel die Anthroposophische Medizin, die in Klinik und Praxis auch Antibiotika einsetzt, aber immer nur dann, wenn ein Erreger nicht aus eigener Kraft überwunden werden kann. Auch im Bereich der landwirtschaftlichen Tierhaltung, in der massenhaft Antibiotika eingesetzt werden, zeigt die biologisch-dynamische Landwirtschaft, dass es durchaus andere Lösungen gibt.

Solange aber weiterhin in großem Umfang Antibiotika verschrieben werden, haben wir mit dramatischen Effekten zu kämpfen: Die europäischen Länder mit der höchsten Verordnungsrate von Antibiotika haben die stärksten Resistenzprobleme. Anstatt aber diese Zusammenhänge offen zu diskutieren, wird die jeweilige Klinik, in der ein neuer Krankenhauskeim aufgetreten ist, an den medialen Pranger gestellt und aufgeregt die vermeintlich mangelhafte Hygiene kritisiert. Der Umgang mit Fieber ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sinnvoll es sein kann, die Perspektive nicht ausschließlich auf die akute Symptomkontrolle zu richten, sondern auch in der Medizin langfristiger und damit nachhaltiger zu denken: War es vor einigen Jahren noch völlig normal, Fieber mit allen Mitteln zu senken, setzt mittlerweile ein Umdenken ein, das die besondere Heilkraft des Fiebers in der Überwindung der zugrunde liegenden Krankheit stärker anerkennt. Mehr noch, inzwischen zeigen immer mehr Studien, dass Kinder, die häufiger fieberhafte Infektionskrankheiten hatten, ein geringeres Risiko haben, an Allergien und Asthma zu erkranken. Es gibt inzwischen Hinweise darauf, dass fieberhafte Erkrankungen das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen senken. Diese beiden Beispiele zeigen, dass es durchaus Sinn ergibt, sich zu fragen, ob alles, was medizinisch machbar ist, auch tatsächlich gemacht werden sollte und wie die langfristigen Konsequenzen aussehen könnten.

Gesundheit und Krankheit sind eben keine festen Pole, sondern entstehen immer wieder neu im individuellen Zusammenspiel zwischen krank machenden Faktoren und heilenden Kräften. Insofern kann ein Gebot zur Nachhaltigkeit in der Medizin auch nur dann als sinnvoll erscheinen, wenn es nicht um die Bewahrung eines Status quo geht, sondern wenn Gesundheit als dynamischer Prozess verstanden wird, der – auch bei existenzieller Krankheit – Räume für Heilung und innere Entwicklung ermöglicht.

››› Barbara Wais, Geschäftsführerin des DAMiD

Barbara Wais, geboren 1957, Diplom-Volkswirtin, kam aus der Politikberatung zur Anthroposophischen Medizin und ist seit 2002 Geschäftsführerin des Dachverbandes Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD) mit Sitz in Berlin. www.damid.de

Wie eine nachhaltige Medizin ganz konkret aussehen kann, zeigten Vertreter der Anthroposophische Medizin beim "Gesundheitskongress 2012" in Dortmund. Was tun z. B. bei Allergien, Kinderkrankheiten, Stress oder Depressionen? Wie können wir nachhaltig gesunden? Anhand vieler Beispiele, Workshops und Vorträge wurde die Anthroposophische Medizin ganz praktisch erlebbar, viele Angebote zum Mitmachen, wie zur Heileurythmie oder zur anthroposophischen Mal- und Musiktherapie rundeten den Tag ab.

Der Kongress wurde zum dritten Mal vom Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland 
(DAMiD) organisiert und durchgeführt. www.kongress-gesundheit.de