Interkulturell lernen

Ein Gastbeitrag von Gunhild Daecke, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising der Freien Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim, der ersten Waldorfschule interkultureller Ausprägung in Europa.

Die Geburtsstunde der Freien Interkulturellen Waldorfschule Mannheim fällt auf den 11. September 2003. Genau zwei Jahre nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center wurde die Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim e. V. mit 36 Schüler/-innen in zwei Klassen gegründet: die erste Waldorfschule interkultureller Ausprägung in Europa. Der Impuls zur Schulgründung fiel in eine Zeit, in der die Welt zu wanken schien. Globalisierung, internationale Spannungen, Terrorismus und Kriege sowie die Veränderung der Machtbezüge ließen die Frage immer dringlicher erscheinen, wie ein Kampf der Kulturen vermieden und eine Basis für ein friedliches Miteinander, für Respekt und Toleranz gelegt werden könne.

Die Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim hat sich in diesem Kontext bewusst in dem sozial und kulturell heterogenen Stadtteil Mannheim-Neckarstadt angesiedelt, in dem der Migrantenanteil unter Kindern und Jugendlichen bei 68 Prozent liegt. So können Lebens- und soziale Begegnungsräume zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft, Nationalität und Religion geschaffen werden. Damit besteht in einer Schulgemeinschaft die Chance, einen großen Reichtum an Lebensformen, Traditionen und Festen kennen- und respektieren zu lernen. Darüber hinaus begreifen die Kinder kulturfremde Bedeutungsmuster und entwickeln in der Interaktion Empathie mit den Schüler/-innen anderer Kulturen. Die Schule stellt demzufolge eine Nahtstelle zwischen den unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten der Kinder dar. Vielfalt soll als Kraft und Stärke erlebt und genutzt werden. Hierbei erachtet die Pionierschule Friedens- und Konfliktfähigkeit, interkulturelle Kompetenz, Gewaltfreiheit und ein globales Bewusstsein als wesentliche Bildungsziele in einer globalisierten Welt.

Konkret realisiert die Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim folgendes Konzept: Multikulturalität in Schülerschaft und Kollegium. Die Hälfte der 295 Schüler/-innen an der Freien Interkulturellen Waldorfschule Mannheim hat einen Migrationshintergrund und stammt aus insgesamt 30 Nationen. Die bewusste Auseinandersetzung mit den Kulturen fördert eine aktive Toleranz. Das internationale Lehrerkollegium (35 Lehrer/-innen aus 14 Nationen) arbeitet darauf hin, alle pädagogischen Einzelmaßnahmen an einer Grundidee zu orientieren: Alle Kinder, welcher Hautfarbe, Nationalität, Religion und sozialer Schicht sie auch angehören, lernen gemeinsam.

Ein Beitrag zum gegenseitigen Verständnis über Sprachbarrieren hinweg ist der begegnungssprachliche Unterricht an der Freien Interkulturellen Waldorfschule. Dieser Unterricht wird in den an der Schule vertretenen nicht-deutschen Sprachen erteilt – derzeit Türkisch, Russisch, Serbokroatisch, Polnisch und Spanisch. Die Schüler/-innen mit Migrationshintergrund erhalten so die Möglichkeit, ihre Herkunftssprache zu vertiefen. Die deutschsprachigen Kinder werden für die Dauer des Unterrichts zu den "Fremden", während sich die Kinder, in deren Herkunftssprache gesprochen wird, vorübergehend als "Einheimische" fühlen dürfen. Bei diesem Rollentausch blühen Migrantenkinder oft auf, die sonst durch sprachliche Schwierigkeiten gebremst sind, während deutschsprachige Kinder elementar erleben, wie es ist, ein "Ausländerkind" zu sein. Dies sind bedeutsame Erfahrungen im Hinblick auf Friedensfähigkeit, Integration und die Förderung des interkulturellen Dialogs.

Im Kulturunterricht erleben die Schüler/-innen kulturelle Vielfalt als etwas Selbstverständliches. Sie begeben sich auf eine Reise in die unterschiedlichen Kulturen und Länder ihrer Mitschüler/-innen und Lehrer/-innen. Mit allen Sinnen begegnen die Kinder fremden und unbekannten Wirklichkeiten und treten in die Auseinandersetzung mit wichtigen Elementen der fremden Alltagskulturen: Sie lernen Lieder, Feste, typische Speisen, fremde Musikinstrumente, Märchen, Geschichten, Alltagsgewohnheiten oder den Umgang mit den Jahreszeiten in anderen Kulturen kennen. Kulturelle Vielfalt wird so für alle Schülerinnen und Schüler zur ursprünglichen, lebenslang wirksamen Grunderfahrung. Zugleich erleben sie: Alles zunächst Fremde wird durch Lernen zu Bekanntem, Vertrautem, Eigenem. Lernendes Aneignen ist die angemessene Antwort auf die Begegnung mit dem Fremden und fördert damit die Friedensfähigkeit der Kinder und Jugendlichen.

Der Projektunterricht ist ein praktischer, künstlerischer und handwerklicher Unterricht, in dem neben der Förderung fein- und grobmotorischer Fähigkeiten soziale und interkulturelle Kompetenzen ganz entscheidend geübt werden. In der praktischen wie künstlerischen Tätigkeit fällt das kulturell trennende Element – die Sprache – für die Schüler/-innen weg. Gerade diese sprachfreien Begegnungen und Verständigungsmöglichkeiten leisten einen entscheidenden Beitrag zu einem friedlichen Miteinander.

Um einem Querschnitt der Gesellschaft zu begegnen, sind Schüler/-innen unterschiedlicher Nationalität, Religion oder sozialer Schicht in jeder Klasse vertreten. Hier setzt die Waldorfpädagogik auf gemeinsames Lernen. Zu keinem Zeitpunkt wird selektiert. Die Freie Interkulturelle Waldorfschule Mannheim strebt an, dass die Hälfte der Kinder deutscher Herkunft ist, während die andere Hälfte einen Migrationshintergrund hat. So wird Begegnung über kulturelle Grenzen hinweg ermöglicht.

Als Ganztagsschule bietet die Interkulturelle Waldorfschule Schüler/-innen die Möglichkeit eines strukturierten und sinnvoll gestalteten Tagesablaufs. Durch gemeinsam verbrachte Freizeit entstehen Begegnungsräume zwischen den Kulturen und sozialen Schichten über den Unterricht hinaus.

Impulse, die von der Freien Interkulturellen Waldorfschule ausgehen:

Durch die Gründung der Freien Interkulturellen Waldorfschule Mannheim ist in der Waldorfschulbewegung eine Debatte über die Bedeutung des interkulturellen Ansatzes in der Waldorfpädagogik entstanden. Die Pionierschule hat mit ihrem interkulturellen Profil den zentralen Gründungsimpuls zu weiteren interkulturellen Initiativen bundesweit gegeben. So wird in Dortmund im Schuljahr 2012/13 die zweite interkulturelle Waldorfschule in Deutschland eröffnen, in Stuttgart wird ein interkultureller Waldorfkindergarten in Gründung gehen, in Hamburg wird es im Schuljahr 2013/14 so weit sein. Auch in Berlin hat sich eine interkulturelle Waldorfinitiative gegründet, die sich im Moment in der Konzeptionsphase befindet.

Gunhild Daecke, geboren 1977 in Pforzheim. Als Krankenschwester und Sozialarbeiterin in Afrika tätig gewesen, u. a. mit "Ärzte ohne Grenzen". Seit 2011 für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising der Freien Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim zuständig.