Hunger und Armut – Warum?

"Die Weltwirtschaft ist so vernetzt, dass regionale Ereignisse Auswirkungen auf den Rest der Welt haben." Ein Gastbeitrag von Nikolai Fuchs, Leiter der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach, Schweiz.

Wieder steigende Zahl an Hungernden In den USA herrschte eine Dürre dieses Jahr, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch andere Erdregionen sind betroffen, und es ist die bange Frage, wie El Niño, das periodisch auftretende Wetterphänomen in der Pazifik-Region, dieses Mal mit Dürren und Fluten "wirken" wird. ("El Niño", spanisch, steht für "kleiner Junge" und erinnert an das Christkind, weil die periodische Erwärmung des Pazifik circa alle fünf Jahre meist zu Weihnachten auftaucht.) Für manche Landwirtschaftszonen am Pazifik sind die Auswirkungen von El Niño oft verheerend. Mittlerweile ist die Weltwirtschaft so vernetzt, dass lokal oder regional auftretende Ereignisse wie dieses Wetterphänomen Auswirkungen auf den Rest der Welt haben. So hat die Dürre in den USA zwar überwiegend den Mais betroffen. Die Verknappung des Mais-Angebotes wirkt sich jedoch auch auf die Verfügbarkeit und damit den Preis von anderen Nahrungsgütern wie Reis oder Weizen aus. Steigen aber die Preise, dann merken das alle, auch Verbraucher in Asien oder Afrika. Und wer schon 70 Prozent seines spärlichen Einkommens für Lebensmittel aufwenden muss, für den ist eine weitere Preissteigerung nicht mehr verkraftbar – Hunger ist die Folge.

Als im Jahr 2000 die Millenniums-Entwicklungsziele von der Weltgemeinschaft verabschiedet wurden, fasste man die Reduktion der Armut und die Halbierung der Zahl der weltweit Hungernden von damals 800 Millionen auf 400 Millionen als Entwicklungsziel 1 zusammen, weil beides – Hunger und Armut – so eng miteinander verbunden sind. Kein Geld – keine Lebensmittel. Mit der Hungerkatastrophe im Jahr 2008, als die Zahl der Hungernden auf eine Milliarde anstieg, erschien der über Jahre erarbeitete "Weltagrarbericht". Er machte sichtbar, dass 70 Prozent der Hungernden auf dem Land leben und die meisten von ihnen Kleinbauern sind. Diese Einsicht war insofern bedeutsam, als bis dahin geglaubt worden war, die meisten Hungernden lebten in den Städten und möglichst günstige Lebensmittel müssten dorthin geschafft werden.

Der Zug der Menschen in die Städte ist eine relativ "natürliche" Entwicklung. Im vergangenen Jahr lebten erstmals mehr Menschen der heute sieben Milliarden starken Erdbevölkerung in Städten als auf dem Land. Und dieser Trend wird den Schätzungen nach anhalten. Der Umzug in die Stadt wird durch die heutige Wirtschaftsentwicklung gefördert. Sind die Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Land nicht gegeben, dann ziehen die erwerbsfähigen Männer in die Städte und die weniger im Marktsinne produktiven Arbeitskräfte verbleiben auf dem Land, was die ländlichen Regionen noch mehr ins Hintertreffen geraten lässt. 

Ein Grund für das ins-Hintertreffen-geraten der ländlichen Regionen ist die gängige politische Fokussierung auf günstige Versorgungsstrukturen in den Städten mithilfe von Produkten aus der Agrarindustrie. Heutige Agrarindustrie hat jedoch eine Tendenz zu "wettbewerbsfähigen" Großstrukturen und Export-Orientierung, das heißt aber auch zu Automatisierung. Das führt zu – grob vereinfacht – großflächigem Sojaanbau auf ehemaligen Regenwaldflächen in Brasilien. Dieses "günstige" Soja wird in die Futtertröge westlicher Agrarindustrie importiert, und mit Agrar-Subventionen verbilligte Hühnerschenkel aus Europa werden wiederum in die Märkte der Entwicklungsländer exportiert. Das unterminiert die dortigen Märkte. Zwar schafft eine Plantagenwirtschaft einige wenige "Jobs" für die oftmals vorher vertriebenen Kleinbauern, doch ist es zu wenig und meist schlecht bezahlte Arbeit. Und die verbliebenen Kleinbauern auf den dann meist benachteiligten Flächen können gegen die subventionierten Produkte in den Städten nicht konkurrieren. Dann investieren sie nicht mehr, eine Ausbildung wird zu teuer, und binnen Kurzem reicht es in den Familien nicht mehr für das Nötigste.

Nun gibt es ja ohne Zweifel Vorteile effizienter Strukturen. Und es gibt viele Menschen, die schlicht auf günstige Lebensmittel angewiesen sind. Auch Kleinbauern sind Konsumenten, die sich über niedrige Preise freuen. Aber wenn das Menschenrecht auf angemessene Nahrung wirklich Bestand für alle haben soll, dann gilt es weiterzugehen. Denn obwohl die Agrarindustrie in gewisser Hinsicht sehr erfolgreich war – fünf Milliarden Menschen werden ja heute ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt – bleiben die "bottom poor", die ganz Armen "am Boden", immer vorhanden. Sie profitieren nicht oder zu wenig von dem System, und die "Trickle-down-Effekte" (wenn das Wachstum "oben" gut weitergeht, profitieren auch die "Unteren"), auf die moderne Theorien bauen, treten zu wenig ein. Daneben hat die Agrarindustrie, wie sie bislang betrieben wird, starke negative Umweltauswirkungen.

"Essen" gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, deren Befriedigung nie außerhalb dessen liegen darf, was man "sich leisten kann". Es spricht manches für die marktwirtschaftliche – und damit, so die Hoffnung, effiziente – Organisation unserer Grundbedürfnisse. Aber Markwirtschaft heißt heute ein Wettbewerbssystem mit Gewinnern und eben auch Verlierern. Das ist im Bereich der Grundbedürfnisse heikel. "Selbstversorgung" ist jedoch auch kein modernes Konzept. Wir wollen ja für den anderen arbeiten (in der arbeitsteiligen Welt tun wir das alle). Versorgung kann trotzdem gelingen, dazu ein Beispiel: Auf meinem (Demeter-) Lehrbetrieb haben wir wie üblich "für den Markt", nein, besser: für die Kunden, die Mitmenschen, produziert. Was beim Verkauf übrig blieb, ging in die Haushalte der Hofgemeinschaft. So wurde auch die Hofgemeinschaft versorgt, ohne primär an sich selbst zu denken. Voraussetzung für so ein "Modell" ist jedoch eine vielfältige, keine Monokultur-Landwirtschaft. Aber diese empfiehlt sich ohnehin, schon aus Klimaschutz- und Biodiversitäts-Gründen. Die vielfältigen Früchte wollen verarbeitet und für den Verkauf gerüstet werden. Dafür braucht es Mitarbeiter und (kleine) Unternehmen, die kooperativ zusammenarbeiten. Eine Art "ländliche Wirtschaft" (rural economy) entsteht. Wettbewerb und Kooperation haben beide ihre Berechtigung und sollten sich gegenseitig durchdringen beziehungsweise befruchten.

Eine mehr auf Kooperation bauende ländliche Ökonomie könnte die Not – den Hunger – lindern helfen. Dafür ist im Wesentlichen Eigeninitiative gefragt. Aber auch die politischen Rahmenbedingungen sollten im globalen Maßstab wie bei der WTO auf ein "Regional ist erste Wahl"-Konzept eingestellt werden. Städtische Verteiler könnten sich engagieren, indem sie verstärkt Regionalware mit ins Angebot nehmen – und Kunden, indem sie diese Ware nachfragen. Durchdenkt man das Hungerproblem, so werden Ansatzpunkte zur Lösung sichtbar.

Nikolai Fuchs (geb. 1963)

arbeitete lange Jahre im deutschen Demeter-Verband, bevor er 2001 die Leitung der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum in Dornach, Schweiz, übernahm. Seit 2010 ist er Präsident der Nexus Foundation in Genf, die sich für einen gerechteren Welthandel einsetzt.