Ganzheitlichkeit – Oder: fragen statt antworten

Man sieht nur, was man weiß. Man erkennt nur das, wofür man einen Begriff hat. Einen Begriff neu zu denken, dazu will diese Serie anregen. Ein Beitrag von Prof. Götz W. Werner, Gründer und Aufsichtsrat von dm-drogerie markt.

Prof. Götz W. Werner, Gründer und Aufsichtsrat von dm-drogerie markt

Bevor ich auf das Thema dieses Essays – Ganzheitlichkeit – eingehe, möchte ich ein Erlebnis schildern: Vor ein paar Jahren war ich in der Adventszeit eingeladen, Grundschülern ein Märchen vorzulesen. Ich las im Stuttgarter Stadtteil Möhringen in einer Klasse mit 35 Kindern und einem starken Migrationsanteil. Sie hatten alles liebevoll vorbereitet, es war dekoriert, und für mich hatten sie einen Lesesessel hingestellt. Ich las, weil mich die Finanzkrise beschäftigte, das Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen. Nach der Lesung sagte die Lehrerin, die Schüler würden gerne noch ein paar Fragen stellen. Ein Junge, der mir schon beim Vorlesen aufgefallen war, weil er hellwach auf der Vorderkante seines Stuhles saß, fragte sehr bestimmt "Seit wann arbeitest du eigentlich?" Statt zu antworten, fragte ich zurück: "Was ist denn Arbeit überhaupt?" Daraufhin haben die etwa Zehnjährigen gar nicht lange nachdenken müssen, sondern sofort gesagt: "Arbeit ist, was gut bezahlt wird."

Wie kommen die Kinder auf so eine Antwort? Diese Arbeitsdefinition ist nicht zutreffend, ist einseitig, sie umfasst nicht alle Facetten von Arbeit. Eine ganzheitliche Arbeitsdefinition lautet: Arbeit ist, für andere etwas zu leisten. Die Antwort der Kinder spiegelt die herrschende Meinung in unserer Gesellschaft wider – Kinder sind die "ausgezogenen" Erwachsenen. So sagte auch eine ältere Frau einmal zu mir: "Von meiner Rente kann ich nicht leben." Das sei aber klar, sie habe schließlich ihre drei Kinder erzogen, ihre Mutter gepflegt und danach ihren kranken Mann. Und sie endete ihre Erklärung mit den Worten: "Ich habe ja nie gearbeitet."

Dieser einseitige Arbeitsbegriff sollte uns zu denken geben, denn er schadet unserer Gesellschaft. Der individuelle Antrieb, den jeder Einzelne mit auf die Welt bringt, wird durch solche einschränkenden Begriffe verschüttet, zugedeckt. Die Begriffe, die wir lernen, sollten uns alle, die Grundschüler eingeschlossen, befähigen, die Welt zu verstehen, um in der Welt arbeiten zu können. Die Welt ist nicht fertig; wir gestalten täglich die Welt, und um die Welt gestalten zu können, müssen wir sie zuvor begreifen, und dafür benötigen wir zutreffende Begriffe. Es kommt immer aus dem Geistigen, aus dem Denken!

Ganzheitlichkeit beginnt oder scheitert im Denken. Es geht darum, sich Folgendes bewusst zu machen: Was ich nicht denken kann, kann ich nicht wollen, und was ich nicht will, kann ich nicht tun. Wenn Menschen etwas tun, was sie nicht gedacht haben, führt das zu Fehlern, zu Krisen und zu menschlichem Leid. Dieses Phänomen kann man überall dort beobachten, wo Menschen Ideologien "exekutieren". Auch am Finanzmarkt kann man erkennen, wohin es führt, wenn Menschen etwas inbrünstig wollen, was sie nicht denken können. Wir haben heute ein undurchdringliches Gewirr autonom gewordener Finanzmechanismen geschaffen, die niemand mehr mit Bewusstsein durchdringen kann – "die Geister, die wir riefen". Keiner versteht das Ausmaß dieser Krise, sondern nur Teilaspekte. Das hat schwerwiegende Folgen; denn was wir nicht verstehen, können wir nicht gestalten – wir hängen sinngemäß am Schweif des Pferdes, anstatt im Sattel zu sitzen und die Zügel in der Hand zu haben. Wenn wir die herrschenden Verhältnisse an den weltweiten Finanzmärkten in den Griff bekommen wollen, sollten wir die Chance erkennen, die in jeder Krise steckt. Krisen sind Bewusstseinskrisen. Wir sollten zunächst fragen, was das Wesentliche ist. Dann erkennen wir, dass der Mensch Zweck allen Wirtschaftens ist.

Denken wirkt

Um zu dem Erlebnis in der Grundschule zurückzukommen: Den Zehnjährigen kann ich angesichts ihrer Arbeitsdefinition nur wünschen, dass sie in ihrem Leben oft die Gelegenheit haben, diese zu hinterfragen. Wenn sie sich nur am Einkommen orientieren und nicht daran, wozu sie sich berufen fühlen, wenn sie nicht ihre Lebensaufgabe suchen, werden sie schon zu Beginn ihrer Berufsbiografie andere für sich denken lassen.

Darum fragte ich, als ich die Antwort der Schüler hörte, zurück: "Wie ist es, wenn eure Mama etwas für euch tut – oder der Papa oder die Oma? Ist das keine Arbeit?" Da kamen die Kinder ins Grübeln, und ein Mädchen sagte daraufhin: "Vieles, was die Mama für uns macht, macht sie gar nicht gern." Das hat das Mädchen sehr gut beobachtet. Etwas aufgeschlossen, voraussetzungslos und ergebnisoffen anzuschauen, ist eine Fähigkeit, die vielen schwerfällt. Und Wahrnehmung ist wesentlich. Wahrnehmung verbindet das Denken und Handeln. Denken sollte stets das Wahrgenommene durchdringen. Wer ganzheitlich handeln will, darf nicht aus der Vorstellung heraus agieren, denn dann wird er an der Realität vorbei handeln. Es geht darum, dass das Handeln aus zutreffendem Denken folgt, und dafür muss sich das Denken an der Wahrnehmung ausrichten. Hier ist es wichtig, die Balance zwischen zwei Extremen zu finden. Das eine Extrem ist eine Wahrnehmung, die ins Intellektuelle abdriftet mit der Folge, dass notwendige Handlungen zu spät oder gar nicht ergriffen werden. Das andere Extrem führt zu nicht reflektiertem Aktionismus, wenn das situativ Wahrgenommene unmittelbar umgesetzt wird. Ein Spruch, den wir im Unternehmen dm-drogerie markt anwenden, heißt: "Denke erst und handle dann, und handelnd denke stets daran".

Krisen sind Bewusstseinskrisen. Falls Sie hoffen sollten, an dieser Stelle eine Antwort von mir zu erhalten, was Ganzheitlichkeit ist, was ein umfassendes Denken und Handeln braucht, muss ich Sie enttäuschen. Ganzheitlichkeit setzt eine innere Haltung voraus, die fragend in die Welt schaut: Warum mache ich das, und ist es sinnstiftend? Im Sozialen lebt man mit Fragen und nicht mit Antworten. Das gilt in einer Freundschaft, in einer Ehe ebenso wie in einem Unternehmen. Sobald die Antworten das Miteinander beherrschen, lebt man aus der Routine heraus. Ganzheitlichkeit setzt Bewusstsein voraus, und Bewusstsein entfacht man nicht mit Antworten, sondern mit Fragen. Wer mit Antworten die Welt gestalten will, wird über kurz oder lang einseitig handeln. Nur der strebt Ganzheitlichkeit an, wer sich stets fragt: Macht es Sinn? Welche Folgen hat meine Handlung? Habe ich alles bedacht?

Nachdem das Mädchen bemerkt hatte, dass die Mama vieles nicht gerne macht, sagte ein Junge: "Ja, die Mama macht es, weil sie uns liebt." Man könnte auch sagen, weil sie einen Sinn der Notwendigkeit in ihrer Handlung erkennt.

Prof. Götz W. Werner eröffnete 1973 den ersten dm-drogerie markt in Karlsruhe. 2011 gab es in elf europäischen Ländern mehr als 2.500 dm-drogerie märkte. Der gebürtige Heidelberger ist Mitglied mehrerer Aufsichtsräte und Beiräte national und international operierender Unternehmen, Präsident des EHI Retail Institute e.V. und Gastprofessor an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft.