Erkenntnis und Verantwortung

"Etwas zu verstehen, gibt uns die Möglichkeit, uns dazu zu verhalten und bewusste Entscheidungen zu treffen; es befreit uns also von der direkten Einwirkung." Ein Beitrag von Prof. Dr. Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus Hochschule Bonn.

Wollte man mit der Verdauung warten, bis man sie verstanden hat, dann wäre es schlecht bestellt um den Menschen, und es gäbe ihn überhaupt nicht. Das Gleiche gilt für andere Dinge und Tätigkeiten auch: Wir finden sie vor oder üben sie aus, zum Beispiel Blitz und Donner oder Fahrradfahren, und erst nach und nach setzt das Verstehen ein. Noch später bildet sich die Fähigkeit aus, das Verstandene auch verständlich zu sagen.

Das Kind lebt zunächst ganz unbewusst in den Gesetzen der Natur, und dies gilt besonders zu Beginn seines Lebens, wenn es überwiegend schläft. Trotz der Unbewusstheit aber oder vielleicht sogar gerade deshalb ist es ein reiner Ausdruck der Naturgesetze und existiert nur als Ausdruck ihres Wirkens. Das Bewusstsein erwacht erst und ist zunächst reine Offenheit und Gegenwärtigkeit, ohne die Dinge oder sich selbst zu verstehen oder auch verstehen zu können. Etwas Wunderbares am kleinen Menschen ist, dass er ganz in sich versunken ist und zugleich die absolute Bereitschaft hat, die Welt ohne Rückhalt zu entdecken.

Wissen entsteht nur allmählich im Leben, und es ist ärgerlich genug, dass es oft auch wieder verloren geht, sei es, weil wir es vergessen, sei es, weil es unbrauchbar wird. Gebrauchsanweisungen für Waschmaschinen aus den 1960er-Jahren waren zum Beispiel damals wertvoll, heute sind sie nutzlos. Nutzlos und unbrauchbar ist aber nicht die Kraft, die aufgewendet wurde, um sie zu verstehen, denn diese Kraft ist Ausdruck der Fähigkeit, Neues zu wissen oder bereits Bekanntes neu zu begreifen.

Wissen entsteht zunächst, indem wir Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen sind flüchtig und können nicht dauerhaft festgehalten werden. Erfahrungswissen ist, streng genommen, stets einmalig und nicht wiederholbar. Das Matterhorn, wie es gestern aussah, war nur gestern so und wird nie wieder so sein wie gestern. Sowohl der Berg als auch der Beobachter verändern sich zwischenzeitlich, und die nächste Erfahrung wird eine andere sein, obwohl es sich um denselben Berg und denselben Beobachter handelt.

Was wir aus den Erfahrungen zurückbehalten, ist zum einen die konkrete Erinnerung an die Besonderheiten, zum anderen aber auch die Auffassung für das Wiederkehrende. Um beim Beispiel zu bleiben: Das Matterhorn hat eine bestimmte Form, die wir wiederkennen können, selbst wenn sich seine Erscheinung ändert. Einen Menschen, den wir zum ersten Mal sehen, erkennen wir beim zweiten Mal wieder, obwohl er im Detail anders aussehen mag. Was wir wiedererkennen, sind be­stimmte Eigenschaften, die jeweils modifiziert auftreten. Die Fähigkeit dazu ergibt sich aus dem Umgang mit den Dingen oder Menschen. Die Erfahrung fordert unsere Aufmerksamkeit heraus, wir beginnen dann, Eigenschaften zu identifizieren und für typisch beziehungsweise wesentlich zu halten. Wir erfassen die Gesichtszüge eines Menschen und erkennen sie sogar dann, wenn er zu einem anderen Zeitpunkt magerer oder fülliger wirkt oder geschminkt ist.

Wir können Wiederkehrendes und Wesentliches erfassen, weil wir nicht nur hören, sehen und tasten, sondern auch denken. Das Denken erfasst Strukturen, Formen oder Typisches und entdeckt sie auch dann wieder, wenn sie nicht offensichtlich sind. Im Umgang mit dem Konkreten wird das Denken meist unbewusst gefordert. Wenn man sich beispielsweise regelmäßig und aufmerksam mit Naturdingen wie Tomaten, Gurken und Birnen oder mit Artefakten wie Fahrrädern oder Autos beschäftigt, dann bleiben nicht nur Erinnerungen, die wir wie einzelne Fotos nebeneinander legen können, sondern es entsteht etwas Neues, das man Bekanntschaft, Vertrautheit und schließlich Auffassungs- beziehungsweise Erkenntnisfähigkeit nennen kann. Ähnlich wie beim Klavierspielen entsteht die Erkenntnisfähigkeit nur durch regelmäßiges Praktizieren und wird so zum Bestandteil der Persönlichkeit.

Wir neigen heute dazu, Wissen wie etwas von uns völlig Unabhängiges und Neutrales anzusehen. Aber beim Wissen ist es nicht viel anders als bei Nahrungsmitteln: Es geht in uns ein und wird Teil unseres Wesens, selbst wenn wir die Details vergessen. Freilich hinkt der Vergleich, denn wenn jemand zum Beispiel verseuchte Nahrungsmittel zu sich nimmt, dann wird sein Körper unter Umständen selbst ein Träger der Seuche. Wenn jemand über kriminelle Handlungen nachdenkt, wird er allein dadurch nicht selber zwangsläufig kriminell, auch wenn er, beispielsweise als Richter, auf diesem Gebiet einigen Sachverstand erwirbt. Und umgekehrt: Ganove wird man in der Regel nicht, indem man erforscht, was einen typischen Ganoven ausmacht, und dieses Wissen dann umsetzt. Im Gegenteil: Etwas zu verstehen, gibt uns die Möglichkeit, uns dazu zu verhalten und bewusste Entscheidungen zu treffen; es befreit uns also von der direkten Einwirkung. Der Körper hingegen ist den Dingen, die er zu sich nimmt, direkt ausgeliefert.

Wissen und Erkennen wird daher zu Recht mit Mündigkeit in Beziehung gebracht:

In der Aufklärung wurde das Wissen als Weg von der Unmündigkeit in die Mündigkeit verstanden, im Buddhismus führt Erkenntnis zur Befreiung, und im Johanneischen Christentum heißt es gar: "Die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh 8, 32).

Ethisch gesehen ist Wissen somit Voraussetzung für Verant­wortung. Wir müssen wissen, um verantwortlich handeln zu können. Aus dem Verstehen der Wesen und Dinge und ihrer Einbindung in einen bestimmten Kontext, etwa in der Landwirtschaft, entsteht die Orientierung, wie angemessen mit ihnen umzugehen ist. Mangelnde Einsicht oder Unkenntnis kann hin­gegen nur blindes, der Sache oder den Wesen nicht gemäßes Handeln nach sich ziehen.

Kinder tragen daher keine Verantwortung, denn häufig kön­nen sie nicht einschätzen, was sie tun und mit welchen Folgen. Sie bedürfen deshalb der Begleitung durch Erwachsene, die ihnen durch Beispiel und Anregung ermöglichen, von der Erfahrung über die Erinnerung zum Wissen und schließlich zur Erkenntnis zu gelangen.

››› Prof. Dr. Marcelo da Veiga, Alanus Hochschule in Alfter

Prof. Dr. Marcelo da Veiga, geb. 1960, studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Bonn, Bochum und Duisburg. Professor für Kultur- und Bildungsphilosophie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn, deren Rektor er seit 2002 ist. Wissenschaftliche Schwerpunkte: Erkenntnistheorie und Freiheitsethik Rudolf Steiners und ihre Anwendung auf pädagogische und wirtschaftliche Fragestellungen.