Vom richtigen Zeitpunkt

Agrarkultur im Einklang mit kosmischen Rhythmen

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Für alles im Leben gibt es geeignete und weniger passende Zeiten – die Kunst besteht darin, sie zu erkennen und zu ergreifen. Dieser Aufgabe stellen sich die Demeter-Bäuerinnen und -Bauern bei ihren Arbeiten im Jahreslauf. Sie achten dabei auch auf kosmische Rhythmen. Dieser Aspekt wird in der Betrachtung von außen gelegentlich fälschlich reduziert auf Mondphasen; genauer auf den sogenannten Siderischen Mondumlauf, das heißt seinen Gang durch die Sternbilder der Tierkreiszeichen. Er ist jedoch kein Bestandteil der bio­dynamischen Richtlinien, sondern ein von einer ganze Reihe bio­dynamischer Bauern und Gärtner aus eigener Motivation betriebenes Streben nach Ganzheitlichkeit.

Die kosmische Dimension unseres Lebens ist Demeter-Akteuren täglich neu eine spannende Herausforderung. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zur übrigen ökologischen Landwirtschaft. Demeter pflegt ein erweitertes Verständnis der Agrarkultur. Rudolf Steiner erklärte den ihn fragenden Bauern schon 1924 bei seinem Landwirtschaftlichen Kurs, dass die Landwirtschaft mit dem ganzen Kosmos zusammenhängt. Was viele Menschen durch das Phänomen der Gezeiten am Meer, also Ebbe und Flut, kennen, reicht allerdings viel weiter. Letztlich bedeutet es, dass man nach Antworten darauf sucht, wie alles miteinander verbunden ist.

Der Einfluss kosmischer Rhythmen auf die Pflanzenwelt ist unbestritten. Auch viele Tiere reagieren nachweislich auf die Kräfte aus dem Universum, etwa bei der Fruchtbarkeit. Die Auswirkungen planetarischer Ereignisse auf landwirtschaftliche Kulturen werden seit Längerem wissenschaftlich untersucht. Man bezeichnet diese Themenfelder als Chronobiologie oder auch als Konstellationsforschung. Es ist belegt, dass bei abnehmendem Mond geschlagenes Holz widerstandsfähiger gegen Holzwurmbefall und Fäulnis ist. Oder dass Möhren nach der Aussaat vor Vollmond besonders gute Erträge bringen und besser lagerfähig sind, während Kartoffeln dabei Mindererträge zeigen.

Dennoch bleibt die Frage kosmischer Einflüsse zum Beispiel auf das Pflanzenwachstum manchem fremd. Dabei würden wir von der Erde fallen ohne die Schwerkraftbalance der Planeten. Wie würde die Erde aussehen, wenn die Sonne etwas weiter weg oder Jupiter näher dran wäre? Solchen Fragestellungen ist seit vielen Jahren der biodynamische Landwirt, Züchter und Forscher Dr. Hartmut Spieß auf der Spur. Er lebt und arbeitet auf dem Dottenfelderhof bei Bad Vilbel und ist für das Institut für Biologisch-Dynamische Forschung in Darmstadt aktiv. In allen Saatzeitversuchen beobachtete er einen jahresrhythmischen Trend in der Ertrags- und Qualitätsbildung der Kulturen, der sich auf primäre Wachstumsfaktoren wie Wärme, Feuchte, Licht, Tageslänge oder Wachstumszeit zurückführen lässt. Bei Roggen zum Beispiel fand er auch einen deutlichen Bezug zu den Mondphasen. Die Saatgut-Vitalität war am besten bei Aussaat um Vollmond, am schlechtesten bei Neumond.

Noch ein Aspekt soll in diesem Zusammenhang anklingen. Mit der Aussage "Rhythmus trägt Leben, studieren Sie die Rhythmen« regte Rudolf Steiner in den 1920er-Jahren einen Naturwissenschaftler zur Forschungsarbeit im Lebendigen, also im Feld der Biologie und Pflanzenkunde an. Dieser Aufruf gilt letztlich auch für alle Landwirte. Denn sie gehen mit den Rhythmen des Lebendigen um. Eine gesteigerte Aufmerksamkeit für dieses Thema hilft ihnen, bei ihrer täglichen Arbeit den Blick für das zu wahren, was jeweils an der Zeit ist. Ganz generell würde es uns allen helfen, in unserem Leben mehr auf das Wahren eines uns gemäßen Rhythmus zu achten: von Aktivität und Ruhe, von Werden und Vergehen – um nur zwei Herausforderungen zu nennen.

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind, nach dem Abitur Volontariat bei einer Frankfurter Tageszeitung, danach sieben Jahre Redakteurin. Seit 1980 eigenes Journalistinbüro „Schwarz auf Weiß“ in Wetzlar mit dem Arbeitsschwerpunkt ökologische Themen.

Lese-Tipp

Spieß, Hartmut: "Chronobiologische Untersuchungen mit besonderer Berücksichtigung lunarer Rhythmen im biologisch-dynamischen Pflanzenbau".
Schriftenreihe des Instituts für Biologisch-Dynamische Forschung, Band 3,
Verlag Lebendige Erde, Darmstadt  1994, 258 Seiten,
ISBN 978-3-928949-02-6, 5,– €