Tiere

Ein Gastbeitrag von Renée Herrnkind.

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Demeter-Bauernhöfe sind auch innerhalb der Öko-Bewegung eine Besonderheit: Alle Organe des Hofes unterstützen einander. Aus diesem Grund halten Demeter-Bauern in der Regel Tiere, meist Rinder. Sie wissen, wie wichtig deren Mist für die nachhaltige Bodenfruchtbarkeit ist. Die Tiere verleihen dem Hof auch Seele und sprechen Menschen im Innersten an. Längst ist das Wohlergehen der Nutztiere für viele Konsumenten beim Einkauf entscheidend.

Kuh auf Demeter-Bauernhof

Demeter ist der einzige ökologische Landbauverband mit obligatorischer Tierhaltung auf den Bauernhöfen. Tiere, vor allem die Kühe, spielen eine zentrale Rolle für den Hoforganismus. Nur ausnahmsweise darf auf eine Kooperation mit einem Demeter-Partner ausgewichen werden, der dann den tierischen Mist liefert. Die Kühe in Demeter-Betrieben haben Hörner, das schmerzhafte Enthornen der Kälbchen wird ganz bewusst nicht praktiziert, ebenso wenig wie das Schnäbelkupieren bei Geflügel oder das Schwänzekürzen bei Schweinen. Die Hörner sind ein stark durchblutetes, mit dem Atemraum des Wiederkäuers verbundenes Organ, das wichtig für seinen Wärmehaushalt und die Verdauung ist.

Das Futter für die Demeter-Tiere wird auf dem Hof selbst erzeugt oder von anderen biodynamischen Betrieben zugekauft. Tabu sind Tiermehle, Zusatzstoffe und vorbeugende Medikamente wie Antibiotika oder Hormone. Was nicht nur Rudolf Steiner wichtig war: Jedes Tier strahlt in seine Umwelt eine spezifische Qualität aus und prägt so das Hofleben. Erst die Tiere bringen diese besondere seelische Komponente, die gerade auch auf Menschen im 21. Jahrhundert so anziehend wirkt.

Durch die Tierhaltung bekommen Demeter-Bäuerinnen und -Bauern die passende Menge Mist, die sie mit den Biodynamischen Präparaten in wertvollen Dünger verwandeln. Er fördert und erhält nachhaltig die Fruchtbarkeit des Bodens. Rudolf Steiner, der neben der biodynamischen Landwirtschaft auch die Waldorfpädagogik und die anthroposophische Medizin initiiert hat, sah Mensch und Tier in gemeinsamer Evolution verbunden. So ist bei Demeter die selbst gewählte Verpflichtung zur Tierhaltung ein ererbtes Kernthema.

Längst finden heute Streitgespräche zu dieser Grundsatzfrage statt. Nicht nur überzeugte Veganer propagieren angesichts von industriell geprägter Massentierhaltung eine Landwirtschaft ganz ohne Nutztiere. Seit Jahren zeichnet sich ein gesellschaftlicher Wandel ab. Viele Menschen fühlen sich Tieren heute anders verbunden als früher. Sie sind sich des Leids der Tiere stärker bewusst und wollen ein solidarisches Verhältnis zu ihrer Mitwelt pflegen. Jedoch schlägt das Pendel noch immer weit aus: Auf der einen Seite wird das Tier geradezu vermenschlicht, auf der anderen zum bloßen Produktionsmittel degradiert. Den Biodynamikern geht es nicht allein um tierschützerische Aspekte im Umgang mit ihren Hoftieren. Das Vermeiden von Schmerz und Leid ist für sie selbstverständlich. Sie achten die Würde des Tieres, sehen es als Mitgeschöpf mit Eigenwert. Viele fragen sich, ob durch die Entwicklung der Agrarkultur inklusive der vor Jahrtausenden geleisteten Zähmung von Rind, Schaf, Ziege und Huhn die Menschen und die in Haus und Hof gehaltenen Tiere nicht so etwas wie einen "Vertrag" miteinander geschlossen haben. Das Tier vertraut sich dem Menschen an, verändert sich dabei, dient dem Menschen und gleichzeitig dient der Mensch dem Tier und entwickelt sich durch diese Verbundenheit weiter. Nicht zu vergessen der "Nebeneffekt" bester Lebensmittel – und zwar nicht allein der vom Tier gespendeten Milch, Eier, Fleisch, sondern auch der pflanzlichen Genüsse, die ohne tierischen Dünger auf Dauer nicht möglich wären.

Das Tierwohl kontinuierlich zu verbessern, steht für die biodynamische Gemeinschaft ganz oben auf der Agenda. Darüber darf jedoch das Wohl der Menschen nicht übersehen werden, argumentieren manche Praktiker. Das Zusammenleben im Rhythmus der Tiere fordert die Betriebe. Wer sich mit Empathie seinen Tieren gegenüberstellt und seine Herde wirklich führt, ist gebunden. Diese zeitaufwendige Arbeit, die zudem richtig viel Energie fordert, "rechnet" sich nicht. Mancher Bauer steht vor der Frage, ob er sich die Tierhaltung noch leisten kann. Nur durch gemeinsames Agieren über alle Ebenen der Wertschöpfungskette, vom Erzeuger über den Verarbeiter und den Handel bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern, lässt sich ausreichender Erlös aus einer Tierhaltung erzielen, die viele Menschen wollen. Dann wird Wertschöpfung zur Wertschätzung.

Um das Tierwohl zu fördern, entwickelte Demeter als erster Öko-Verband Elterntierherden und Brütereien für biodynamisches Geflügel und mit einem Stierprojekt Alternativen zur künstlichen Besamung von Kühen. Demeter-Tiere bekommen alles, was zum guten Leben gehört: eine artgerechte Haltung, kräuterreiches Grünfutter, duftendes Heu, frisch geschrotetes Getreide oder Hülsenfrüchte – natürlich 100 Prozent Bio. Der größte Anteil (80 Prozent) muss zertifiziertes Demeter-Futter sein. Mindestens 50 Prozent stammt vom eigenen Hof. So weiß der Demeter-Bauer immer, was in Trog und Raufe landet.

Gemeinsam mit Bioland und Naturland hat Demeter ein zusätzliches Kontrollverfahren für höchstes Tierwohl eingeführt. Eine Arbeitsgemeinschaft hat Kriterien für die verschiedenen Tierarten entwickelt. Sie sind transparent, nachvollziehbar und dienen dazu, die ohnehin meist gute Tierhaltung auf den fast 10.000 Mitgliedsbetrieben zu stärken sowie mögliche Schwachstellen zu beheben. Die überverbandliche Tierwohl-Checkliste wird seit diesem Jahr bei der jährlichen Öko-Kontrolle mit abgeprüft. Wenn dabei Abweichungen festgestellt werden, ist der Landwirt zu rascher Verbesserung angehalten. Die Umsetzung wird durch Nachkontrollen sichergestellt.

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind, nach dem Abitur Volontariat bei einer Frankfurter Tageszeitung, danach sieben Jahre Redakteurin. Seit 1980 eigenes Journalistinbüro „Schwarz auf Weiß“ in Wetzlar mit dem Arbeitsschwerpunkt ökologische Themen.

Lesetipps zu Tieren in der Landwirtschaft:

  • Rainer Hagencord: "Die Würde der Tiere – eine religiöse Wertschätzung. Mit einem Vorwort von Jane Goodall", Gütersloher Verlagshaus, München 2011, ISBN 978-3-579-06564-9, 17,99 €.
  • Manuel Schneider (Hg.): "Den Tieren gerecht werden – zur Ethik und Kultur der Mensch-Tier-Beziehung", Universitätsverlag Uni Kassel, Kassel 2001, ISBN 978-3-89792-053-8, 14,– €.
  • Initiative Domäne Oberfeld e. V., Darmstadt (Hg.): "Symposium Hofgut Oberfeld – Dokumentation der Veranstaltung Kühe, Klima, Kapital: Welche Zukunft hat die Tierhaltung in der Landwirtschaft?", Darmstadt 2012. Mehr Infos unter initiative-oberfeld.de
  • Markus Hurter (Hg.): "Zur Vertiefung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Gedanken, Erfahrungen, Forschungs­ergebnisse. Eine Werkstattarbeit", Verlag vom Goetheanum, Dornach 2007, ISBN 978-3-7235-1305-7, 24,– €.