Der Erde den Hof machen

In zwölf Beiträgen beleuchtet diese Serie in kurzen Schlaglichtern verschiedene Aspekte der biodynamischen Landwirtschaft und der durch sie hervorge brachten Produkte. Ein Gastbeitrag von Renée Herrnkind.

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Schon vor 90 Jahren machte sich eine Gruppe nachdenklicher Bauern Sorgen um die Qualität der Lebensmittel, die Fruchtbarkeit der Böden und die Gesundheit von Pflanzen und Tieren. Sie erhoffte sich vom visionären Vordenker Rudolf Steiner konkrete Hilfestellungen für eine zukunftsfähige Agrarwirtschaft. Und griff die Anregungen aus den acht Vorträgen zum Gedeihen der Landwirtschaft, die Steiner Pfingsten 1924 auf Gut Koberwitz bei Breslau hielt, unverzüglich auf.

Steiners Impuls fiel auf fruchtbaren Boden und gilt heute als Initialzündung für den modernen ökologischen Landbau. Das biodynamische Prinzip, den landwirtschaftlichen Betrieb als möglichst geschlossenen Organismus zu betrachten, ist zum Fundament der gesamten Bio-Landwirtschaft geworden: Auf dem Bauernhof werden so viele Tiere gehalten, wie mit dem selbst gewonnenen Futter ernährt werden können. Dafür liefern die Tiere mit ihrem Mist den passenden Dünger, um den Boden fruchtbar zu halten und Pflanzen wachsen zu lassen. Deshalb ist Demeter heute der einzige Landbauverband, der für seine Höfe die Tierhaltung obligatorisch vorschreibt.

Aber die Biodynamische Wirtschaftsweise geht über diesen stofflichen Kreislaufgedanken hinaus. Rudolf Steiner war davon überzeugt, dass Lebensmittel nur dann die Qualität erlangen, die dem Menschen eine positive Weiterentwicklung ermöglicht, wenn bei ihrer Erzeugung sämtliche Einflussfaktoren beachtet werden – also kosmische Rhythmen, der Boden als Verdauungsorgan der Pflanzen oder auch die seelischen Kräfte des Tieres. Genau um all diese Wirksamkeiten zusammenzuführen und zu ordnen, hat Rudolf Steiner die Biologisch-dynamischen Präparate angegeben – das Herz der Biodynamischen Wirtschaftsweise. Durch die Präparate-Arbeit gelingt es, die einzelnen Organe des individuellen landwirtschaftlichen Betriebes miteinander zu verbinden.

Angeregt durch Steiners "Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft" und anknüpfend an goetheanistische Naturerkenntnis, betrachten Demeter-Bauern ihren Hof als einen lebendigen, einzigartigen Organismus. Dieses Ideal geht über das Bild des geschlossenen Hofkreislaufs noch hinaus. Ein Organ braucht das andere. Jedes Teil dient dem Ganzen. Mensch, Pflanzen, Tiere und Boden wirken zusammen. Biodynamiker haben dabei nicht allein die konkreten, materiellen Substanzen, die physischen Kräfte der Natur im Blick, sondern auch gestaltende Kräfte des Kosmos und rhythmische Lebensprozesse. In ihrer biodynamischen Praxis beobachten sie irdische und kosmische Kräftewirkungen. Vor allem die geheimnisvoll-faszinierende Präparate-Arbeit weitet den Blick für Zusammenhänge in der Natur. Das ermöglicht es, immer besser mit ihren Kräften zu arbeiten. Viele Landwirte sehen die Präparate-Arbeit als einen gewissen Freiraum im landwirtschaftlichen Alltag. Dann ist Präparate-Herstellen, -Rühren und -Ausbringen nicht etwa zusätzliche Pflichtübung, sondern die Chance, sich auf fein wahrnehmende und empfindende Weise mit dem landwirtschaftlichen Betriebsorganismus zu verbinden.

Was vielleicht zunächst etwas abgehoben klingt, zeigt sich in der Praxis ganz bodenständig. Viele Besucher nehmen auf Demeter-Höfen eine besondere Atmosphäre wahr. Sie entsteht durch dieses individuelle Gestalten des Hoforganismus, indem auf dem gewählten Fleckchen Erde Tiere gehalten, Mist zu Dünger verwandelt und letztlich gute Lebensmittel erzeugt werden. Die angestrebte Vielfalt in diesem Gesamtorganismus reicht noch weiter: Biodynamische Landwirtschaft wird erst dann zu einem harmonischen Ganzen, wenn auch die unbewirtschafteten Flächen eingebunden werden, zum Beispiel durch Hecken und Biotope, in denen sich Insekten, Vögel und andere Tiere zu Hause fühlen.

Der entscheidende Unterschied zwischen bio und biodynamisch liegt in einem erweiterten Verständnis der Landwirtschaft begründet. Steiner erklärte den Praktikern 1924, dass die Landwirtschaft mit dem ganzen Kosmos zusammenhängt. Was manche als das Phänomen der Gezeiten kennen, ist viel weitreichender und bedeutet letztlich, zu erkennen, dass alles miteinander verbunden ist. Steiner forderte in Koberwitz die Zuhörer auf, seine aus übersinnlichen Erfahrungen geschöpften Erkenntnisse nicht einfach zu glauben, sondern sie zu erforschen und in der Praxis zu erproben. Das tun Demeter-Bäuerinnen und -Bauern, -Gärtnerinnen und -Gärtner. Der Name der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, der biodynamische Produkte kennzeichnet, schlägt die Brücke zur spirituellen Dimension von biodynamisch und signalisiert höchste Qualität. Demeter-Landwirte erklären den gern gesehenen Besuchern auf den Höfen das zum Beispiel so: "Wir machen der Erde den Hof. Wir wollen behutsam mit der Erde umgehen. Als biodynamisch wirtschaftende Menschen sind wir ständig gefordert zu beobachten, wie sich unsere Tätigkeit auf den gesamten Betriebsorganismus auswirkt. Denn unser hohes Ziel ist eine gesunde Landwirtschaft, die nachhaltige Fruchtbarkeit aus sich selbst hervorbringt und die Nahrungsmittel bietet, die den Menschen wirkliche Lebens-Mittel sein können."

Renée Herrnkind

Renée Herrnkind, nach dem Abitur Volontariat bei einer Frankfurter Tageszeitung, danach sieben Jahre Redakteurin. Seit 1980 eigenes Journalistinbüro „Schwarz auf Weiß“ in Wetzlar mit dem Arbeitsschwerpunkt ökologische Themen.

Was sind Biodynamische Präparate?

Biodynamische Präparate sind Zubereitungen aus Heil­kräutern wie Brennnessel, Schafgarbe oder Löwenzahn. Sie werden in tierischen Hüllenorganen (z. B. Dünndarm, Blase, Horn) präpariert. Dazu werden sie während bestimmter Zeiträume im Boden oder an der Luft den Umgebungsbedingungen ausgesetzt. Die fertigen Präparate bewahrt man in durch Torf geschützten Behältern auf. Die Präparate aus Pflanzen werden dem Kompost bzw. tierischen Dünger in sehr geringen Mengen zugesetzt. Die aus Rinderdung bzw. Quarz hergestellten Präparate bringen die Demeter-Bauern nach einem Rührprozess in feinster Dosierung auf den Ackerboden bzw. den wachsenden Pflanzenbestand aus. Aufgrund der verwendeten Substanzen, der Zubereitungsvorgaben sowie der geringen Anwendungsmengen bezeichnet man die Präparate auch als Homöopathie für Dünger und Boden.