Die Nieren

Ballast abwerfen, um im Fluss zu bleiben – diese Aussage trifft die Aufgabe der Nieren gut.

Anthroposophische Medizin

Wenn wir sagen, dass uns etwas "an die Nieren geht", dann bedeutet das mehr als nur ein Kribbeln im Bauch oder Herzklopfen. Es heißt, dass uns etwas ganz besonders nahe geht. Die mit den Nieren verbundene emotionale Qualität hat für uns etwas Existenzielles. Hier geht es um Beziehungsstress und Verlustängste, auch um Angst vor Veränderung – eben um Fragen von Sein oder Nichtsein. Und tatsächlich entscheiden die Nieren über Leben und Tod, da sie als Ausscheidungsorgane aus dem Flüssigen diejenigen Stoffe aussondern, die aus dem lebendigen Strom herausfallen und den Körper belasten. Stoffe, die sich verfestigen, um zum Beispiel Kristalle und Steine zu bilden, werden abgebaut. Die Nieren scheiden einerseits Salze und harnpflichtige Substanzen (wie Harnsäure, Harnstoff und andere Stoffwechsel-Endprodukte) aus und überantworten diese Stoffe der Außenwelt. Andererseits machen die Nieren das Flüssige wieder lebendig und halten so das sensible Fließgleichgewicht aufrecht, auf dessen Grundlage sich das Bewusstsein des Menschen, die seelische Innenwelt, entfaltet.

Im Fluss bleiben

Ballast abwerfen, um im Fluss zu bleiben – diese Aussage trifft die Aufgabe der Nieren ganz gut. Die Klippen des Lebens umschiffen, im lebendigen Strom bleiben und stets bereit sein, sich vom Ballast liebgewordener Vorstellungen und Gewohnheiten zu trennen – das ist das Geheimnis eines langen, aktiven Lebens, für das wir gesunde Nieren brauchen. Umgekehrt zeigen sich viele Nierenerkrankungen als Kraftlosigkeit, Schlaffheit und als nachlassender Antrieb. Weitere Befunde sind Störungen der Blutdruckregulation, beispielsweise Bluthochdruck, Störungen des Mineralhaushaltes und der Hormonbalance, Eiweißverlust, Blutarmut, Wasseransammlungen (Ödeme) sowie Schmerzen (bei akuten Entzündungen, Nierensteinen oder Nierenaufstau).

Offen sein, um Neues zu lernen

Nierenerkrankungen müssen ärztlich behandelt werden. Das ist oft schwierig, weil die zugrunde liegenden Ursachen (Durchblutungsstörungen, Ablagerungen, Diabetes, Schädigungen durch Medikamente oder Bakterien) häufig schon zu irreparablen Schäden geführt haben, wenn die Diagnose schließlich gestellt wird. Umso wichtiger ist daher eine aktive Vorbeugung. Dazu gehören neben regelmäßiger Flüssigkeitszufuhr die Reduktion von Genussmitteln (Verzicht auf Nikotin, wenig Alkohol) und eine ausgewogene Ernährung. Auch Medikamente, auf die häufig verzichtet werden kann, tragen zur Entwicklung von Nierenerkrankungen bei, vor allem Schmerzmittel, Röntgenkontrastmittel und bestimmte Antibiotika. So könnten alleine durch eine Umstellung der Lebensweise die meisten Fälle von Nierenkrankheiten und Nierenversagen vermieden werden.

Aus Sicht der Anthroposophischen Medizin können diese vorbeugenden Maßnahmen durch "Seelenübungen" ergänzt werden, um Gleichmut und geistige Offenheit einzuüben. Denn wir stärken die Nieren und machen uns resistent gegen Stress, indem wir uns darum bemühen, den kommenden Entwicklungen offen gegenüberzustehen, Neues zu lernen und Herausforderungen als Erweiterung unseres Horizontes und Chance zum geistigen Wachstum zu begrüßen. Darüber hinaus können gezielte Anwendungen, beispielsweise von Heilpflanzen, eine gesunde Nierenfunktion unterstützen.

››› Dr. med. Frank Meyer (Nürnberg), anthroposophischer Hausarzt und Experte für Ganzheitsmedizin, Autor von "Besser leben durch Selbstregulation – Ein heilsamer Begleiter durch Gesundheit und Krankheit"

 

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.