Der Rücken

Wer immer durchhalten muss und keine Schwäche zeigen darf, macht sich steif, sodass sich die Muskulatur im Schulter-Nacken-Bereich verspannt.

Anthroposophische Medizin

"Rückgrat zeigen", eine "Aufgabe schultern" oder "etwas auf dem Rücken von Jemandem austragen" – nicht umsonst wird der Rücken oft, auch im übertragenen Sinn, mit Kraft und Stärke in Verbindung gebracht. Schließlich trägt und stützt uns die Wirbelsäule und ist mit ihren festen Wirbelkörpern ein Garant für Stehvermögen und Auf richtung. Dass der Rücken viel tragen kann, ist aber nur die eine Seite. Als Ausgleich zu der stabilisierenden Stärke im unteren Rücken gehört ebenso eine leichte und freie Beweglichkeit im oberen Bereich des Rückens mit den Wirbelgelenken, dem Rückenmarkskanal mit den Nerven sowie der Rückenmarksflüssigkeit, die es ermöglichen, dass sich die Wirbelsäule in viele Richtungen neigen und drehen kann. Bei einem gesunden Bewegungsbild ist dieses Wechselspiel von Leichte und Schwere ausgeglichen.

Oft aber muss die Wirbelsäule zu schwere Last tragen – durchaus im übertragenen Sinne, da psychische und physische Belastungen am Rücken besonders schnell spürbar werden. Zum Beispiel führen Erschöpfung und depressive Erkrankungen dazu, dass die Lendenwirbelsäule gebeugt wird. Eine andere typische Störung: Wer immer durchhalten muss und keine Schwäche zeigen darf, macht sich steif, sodass sich die Muskulatur im Schulter-Nacken-Bereich verspannt. Der Rücken wird immer fester, die Beine immer stärker. Die für die Wirbelsäule so wichtige Leichtigkeit verschwindet. Leider merkt man das oft erst, wenn der Rücken regelmäßig schmerzt.

Balance halten

In den vergangenen Jahren haben Rückenbeschwerden dramatisch zugenommen. Was kann man vorbeugend tun? Wie findet man die Balance zwischen dem Tragen von Lasten auf der einen und der Erhaltung der Flexibilität auf der anderen Seite? Zum einen lohnt es sich, den Rücken zu kräftigen. Die Wirbelsäule kann trainiert und über die Ernährung mit den entsprechenden Aufbaustoffen versorgt werden. Hier ist der Rat eines Arztes hilfreich. Denn auch die Wirbelsäule hat eine maximale Traglast, die stark vom persönlichen Trainingszustand abhängig ist. Mindestens so wichtig wie Kraft und Stärke sind aber auch Flexibilität und Elastizität der Wirbelsäule, die zum Beispiel durch spezifische Bewegungs- beziehungsweise Wahrnehmungsübungen im Wasser gefördert werden können. Dabei gilt es, das Augenmerk auf das "Spüren" der eigenen Bewegung zu lenken.

Kraft aufbauen, Leichtigkeit fördern

Die Anthroposophische ergänzende Medizin sieht in der Kombination dieser Fähigkeiten die wichtigste Basis für die Erhaltung der Wirbelsäulengesundheit und setzt entsprechend auf ein ganzheitliches Therapiekonzept. Die schmerzende Wirbelsäule kann grundsätzlich nicht ausschließlich durch Kraftaufbau therapiert werden, sondern nur als Gesamtkonzept in der Erhaltung und Wiederherstellung der Balance zwischen dem zur Leichtigkeit tendierenden Nerven-Sinnes-System und dem der Erde zugewandten und kraftvollen Gliedmaßensystem. Dabei können auch anthroposophische Arzneimittel eingesetzt werden. Außerdem können mit der Heileurythmie, der Rhythmischen Massage nach Dr. Ita Wegman und den künstlerischen Therapien weitere anthroposophische Therapieansätze ergänzt werden. Der Dreiklang – Kraftaufbau, gesunde Ernährung sowie Erhaltung der Flexibilität durch die eigene Wahrnehmung dessen, was unser Rücken tragen kann – führt uns in eine Selbstverantwortung, die unsere Wirbelsäule über Jahrzehnte baumesgleich stabil und gleichzeitig flexibel halten kann.

››› Michael Rudolf Neuhaus (Sprockhövel), Facharzt für Orthopädie, Schwerpunkt Anthroposophische Medizin

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.