Der Magen-Darm-Trakt

Eine gesunde Darmflora bildet einen wichtigen Bestandteil des Immunsystems.

Anthroposophische Medizin

Magen und Darm – Diese Organe sind für den Körper wichtige Tore zur Aussenwelt. Bei der Aufnahme von Nahrung verwandelt der Magen-Darm-Trakt "artfremde" Stoffe, wie pflanzliche, mineralische und tierische, sodass er sie sich im wahrsten Sinne des Wortes einverleiben kann. Was vorher fremd und außen war, wird in einem hochspezialisierten rhythmischen Vorgang nun in die Innenwelt des Organismus aufgenommen. Damit werden Energie und Wärme sowie wichtige Substanzen für den gesamten Stoffwechsel gewonnen. Die dafür nötigen Prozesse in Magen und Darm sind fein auf einander abgestimmt: Noch während des bewussten Schmeckens und Kauens im Mund beginnen bereits die unbewussten Prozesse der komplexen Verdauungsvorgänge. Schon im Magen wird die Nahrung verflüssigt und ansatzweise aufgespalten. Der Speisebrei gelangt dann in den Dünndarm, wo die Nahrungsstoffe bis in ihre molekularen Bestandteile aufgelöst und in das Blut aufgenommen werden können, um dem Organismus zur weiteren Stoffwechseltätigkeit zur Verfügung zu stehen. Im sich anschließenden Dickdarm werden noch weitere wichtige Stoffe, wie beispielsweise Vitamine, in den Organismus aufgenommen. Gleichzeitig werden die nicht weiter verwertbaren Substanzen gesammelt und aktiv ausgeschieden.

Im Rhythmus liegt die Kraft

In der Perspektive der Anthroposophischen Medizin bildet der gesunde Magen-Darm- Trakt mit seinem unbewusst ablaufenden Stoffwechselsystem einen sinnvollen Gegenpol zum bewusst empfundenen Nerven- Sinnes-System, zwischen denen das Rhythmische System ausgleichend vermittelt. Überwiegt jedoch eine der Polaritäten, so kann es zu krankhaften Vereinseitigungen der rhythmischen Vorgänge im Verdauungssystem kommen. Das geschieht zum Beispiel auch bei den inzwischen sehr häufigen chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sowie dem Reizdarmsyndrom. Um dieses Ungleichgewicht zu harmonisieren und die körpereigenen Selbstheilungskräfte neu anzuregen, kann der anthroposophisch arbeitende Mediziner – je nach Krankheitsverlauf – spezifische Arzneimittel wie zum Beispiel Kupfer (Cuprum aceticum) oder Silber (Argentum metallicum) verordnen. Außerdem können künstlerische Therapien, Heileurythmie und biografische Gesprächstherapien verordnet werden, um die verschiedenen Wesensschichten des Menschen (Leib, Seele und Geist) in die Therapie erfolgreich miteinzubeziehen.

Durch gesunde Ernährung vorbeugen

Damit es gar nicht erst zu den genannten Darmerkrankungen kommt, kann man vorbeugend viel tun. Eine wichtige Rolle spielt natürlich die Ernährung. Je naturbelassener die Lebensmittel sind, desto mehr unterstützt die Nahrung die aufbauenden und regenerativen Kräfte des Organismus. Hingegen nehmen Lebensmittel, die sehr stark industriell bearbeitet sind, dem Organismus Arbeit ab und schwächen ihn dadurch. Deshalb kann eine Ernährung mit möglichst geringgradig verarbeiteten Lebensmitteln den Darm dabei hilfreich unterstützen, die Auseinandersetzung zwischen Fremd und Eigen beständig zu "üben" und damit das körpereigene Immunsystem stärken. Denn eine gesunde Darmflora bildet einen wichtigen Bestandteil des Immunsystems.

››› Dr. med. Harald Matthes, Facharzt für Innere Medizin, ärztlicher Leiter des anthroposophischen Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin

"Anthroposophie" heißt wörtlich "Mensch" (anthropos) und "Weisheit" (sophia). Dieser Ansatz geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück, der die Anthroposophische Medizin zusammen mit Dr. Ita Wegman (1876 – 1943) entwickelte. Das umfassende Menschenbild, das der Anthroposophischen Medizin zugrunde liegt, ermöglicht es dem Arzt, die Zusammenhänge zwischen Körper, Geist und Seele besser zu verstehen. Dabei unterscheidet die Anthroposophische Medizin zwischen Körper (physischer Leib), Lebensorganisation (Ätherleib), Seelenorganisation (Astralleib) und Ich-Organisation (geistige Individualität). Wichtig ist, dass sich die Anthroposophische Medizin nicht als Alternative, sondern als Ergänzung und Erweiterung zur konventionellen Medizin versteht. Sie wird heute sowohl ambulant als auch stationär praktiziert und forschend weiterentwickelt. Seit 1976 ist die Anthroposophische Medizin in Deutschland gesetzlich verankert und anerkannt.