Mitleid

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Marcelo da Veiga.

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Mitleid wandelt sich zur Freiheit Ein Leben ohne Freiheit ist des Menschen unwürdig. Der berühmte "goldene Käfig", die Totalversorgung und der grenzenlose Reichtum ohne die Möglichkeit, über sich selbst und für sich selbst zu entscheiden, ist kein Zustand, mit dem der Mensch sich abfinden könnte. Denn ihm wohnt, als Person wie auch als Gemeinschaft, Volk oder Nation, der unauslöschliche Trieb zur Selbstbestimmung inne. Zu allen Zeiten haben Menschen und Völker ihr Leben für die Freiheit ­gegeben, zu allen Zeiten mussten sie sich von den wechselnden Formen der inneren und äußeren Versklavung befreien.

Doch worin die Freiheit genau besteht, ist nicht so leicht zu sagen. Leichter fällt es, anzugeben, worin sie nicht besteht. Die negative Freiheit als Abwesenheit von Unterdrückung ­genügt nicht und braucht die positive Freiheit der inhaltsvollen Selbstbestimmung. Doch eben diese positive Freiheit lässt sich nicht fixieren, sondern nur füllen und erfüllen. Ihr Gegenteil, Knechtschaft und Unterdrückung, kann man hingegen eher fest umreißen. Die Freiheit befindet sich somit in einem seltsamen Dilemma. Einerseits muss sie von anderen zugelassen werden und bedarf des Schutzes der Gemeinschaft, andererseits kann sie nicht gegeben und übertragen werden, da sie eine individuelle Hervorbringung ist. Der Mensch ist also nicht einfach frei, er ist bestenfalls unterwegs zur Freiheit. In der Erziehung können Eltern, Erzieher und Lehrer dafür sorgen, dass Kinder lernen, sich ­produktiv selbst auszudrücken, anstatt sich nur passiv äußeren Reizen zu überlassen. Das geschieht zum Beispiel, indem ihnen das Staunen und die Ehrfurcht vor dem Schöpferischen in der Natur – dem Wunder der Schöpfung – vermittelt werden. Ferner aber auch, indem der Sinn für Wissenschaft, Kunst und Spiritualität geweckt wird, also durch die Wertschätzung für die schöpferischen Leistungen der Menschheit. Das alles bereitet Freiheit vor. Denn es ermöglicht, dass der Mensch sich produktiv ins Leben stellt und nicht von einem Eindruck zum nächsten hastet. Die heutige Zeit erzeugt die Illusion, dass Erfüllung durch Konsum zu erreichen sei, und sieht in der Tätigkeit nur das Mittel zur Erreichung dieses Ziels. Aber nur die Tätigkeit, die sich selbst genügt und um ihrer selbst willen geschieht, befreit. Die selbstvergessene und in sich selbst Erfüllung findende Tätigkeit hat der deutsche Dichter Friedrich Schiller (1759 – 1805) Spiel genannt und in der echten Kunst den Weg gesehen, diesen Zustand des Spiels zu erreichen. Der Künstler spielt jedoch in einem bewussten Sinne, wenn es ihm gelingt, Neigung und Vernunft in Harmonie zu bringen.Die erfüllte Freiheit erringt der Mensch, indem er über sich selbst hinaus wächst und sich als Teil des Ganzen, dem er als Einzelwesen seine Existenz verdankt, empfinden und erkennen lernt. Im Sinne Schillers geschieht das durch die ästhetische Erziehung beziehungsweise Selbsterziehung.

Der Mensch befähigt sich so zu einer Form der Freiheit, die nicht selbstbezogen bleibt, sondern im verantwortungsvollen Miterleben zum Ausdruck kommt. Man kann diese Fähigkeit auch Mitleid nennen. Mitleid ist die Möglichkeit zur Teilnahme und Anteilnahme am Zustand anderer Wesen und der Welt. Es ist aber vor allem auch das Vermögen, sich von Leid beziehungsweise Not des anderen berühren zu lassen und sie wie seine eigene zu erleben. Mitleid ist stets ein hervorstechender Zug großer Religionsstifter und erleuchteter Menschen gewesen. Denn wahre Menschlichkeit beruht darauf, die Enge des bloß selbstbezogenen Erlebens zu durchstoßen und zum Miterleben des Alls zu gelangen.

Dem steht der Egoismus entgegen, von dem manche behaupten, dass er sich gar nicht ablegen ließe, da der Mensch immer an sich selbst beziehungsweise am eigenen Wohlsein interessiert sei. Am Egoismus ist nicht das eigene Wohlsein problematisch und verwerflich, sondern allenfalls, woran sich dieses entzündet. Es ist die Enge der bloß partikularen Interessen, Wünsche und Begierden, denen dann die anderen beziehungsweise das andere untergeordnet werden, die moralisch problematisch ist. Weitet sich indes das Interesse und knüpft sich das eigene Wohlsein an das der Welt, dann ändert sich die Sache. Der Egoismus wird nicht durch Selbstauslöschung überwunden, sondern durch das Weiten und Ausdehnen des Selbsterlebens und die Fähigkeit, den und das andere in sich leben zu lassen. Mitleid oder besser Empathie führt das Selbst über sich hinaus zum anderen und zur Welt. Es wandelt so das Selbst schrittweise zum Allerleben und ermöglicht ihm, sich als Welt und die Welt als seine Verantwortung zu erleben. Mitleid führt daher zur Freiheit, denn es erlaubt, den Freiraum der negativen Freiheit mit dem positiven Inhalt zu füllen, der aus dem sich entgrenzenden Miterleben mit den Wesen und der Welt erwächst.

››› Marcelo da Veiga