Großmut

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Gastbeitrag von Wolfgang Gädeke, u.a. Forscher der Gründung und Geschichte der Christengemeinschaft.

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Seit alters her ist in allen Kulturen und Religionen die Überzeugung selbstverständlich, dass der Mensch so, wie er von Natur ist, nicht bleiben sollte. Nicht nur in der Kindheit und Jugend soll er durch geeignete Verhaltensweisen und Maßnahmen der Erwachsenen erzogen werden, sondern er ist auch gehalten, als Erwachsener sich selbst zu verändern und das zu üben, was man die Tugenden nannte. Schon das Wort allein erscheint vielen heute unmodern und antiquiert; was damit gemeint ist, ist aber höchst aktuell: Denken wir nur daran, wie existenziell notwendig es heute ist, dass die Menschheit lernt, mit den natürlichen Ressourcen sparsam umzugehen. Wie aber soll die Menschheit dieses lernen, wenn der Einzelne die Tugend der Sparsamkeit nicht übt? Es gab auch zu allen Zeiten in den Religionen der Völker und in den Systemen der Philosophen Vorschriften oder Empfehlungen, wie Tugenden geübt werden sollten. Auch die Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, Helena Petrowna Blavatsky, hat solche Tugenden für den geistigen Weg des Menschen zu üben empfohlen und sie den zwölf Monaten beziehungsweise dem Tierkreis zugeordnet. Rudolf Steiner hat dies erweitert, indem er hinzufügte, was aus einer Tugend als Ergebnis der Seele erwächst, also zum Beispiel: Großmut wird zu Liebe.

In unserer Alltagssprache ist das Wort Großmut nicht sehr gebräuchlich.

In der Antike galt die Großmut als eine Tugend, die der mächtige Herrscher gegenüber seinen Untertanen, der Sieger gegen seine besiegten Feinde, der Überlegene gegenüber seinen Neidern üben sollte. So wurde manchem Herrscher der Beiname "der Großmütige" gegeben.

Wir kennen in unserer Alltagssprache eher den gegenteiligen Begriff: Wenn wir jemanden "kleinmütig" nennen, so meinen wir damit eine Seele, die sich nur in geregelten, altbekannten, kleinen bis beschränkten Bereichen wohlfühlt, die eher ängstlich, risikoscheu nur auf ihre eigenen inneren und äußeren Belange achtet. Ein solcher Mensch wird eher zu Kleinlichkeit und Beschränktheit neigen und leicht in Egozentrik und Isolation geraten. Ein solcher Charakter ist oftmals bedingt durch Herkunft und Erziehung, eventuell durch traumatische Erlebnisse oder aber eine angeborene Charakteranlage. Aber etwas davon steckt in jeder Menschenseele. Auch Großmut kann eine mitgebrachte Charakteranlage sein. Wir kennen diese wunderbaren Menschen, die sich nicht an Kleinigkeiten stören oder aufhalten; die immer das Große und Ganze im Blick haben mit einem weiten Herzen für alles Wahre, Schöne und Gute – aber vor allem auch für alles Menschliche und Allzumenschliche; die wenig kritisieren, viel Verständnis für andere haben und andere gern und oft von Herzen loben oder selbstlos fördern. Sie verzichten auf Rache und sind nicht nachtragend.

Kann ich etwas an meinem Charakter ändern?

Ist nun jeder von uns mit einem feststehenden Maß an Großmut oder Kleinmütigkeit begabt? Oder kann ich selbst etwas daran ändern, was ich in meiner Seele in dieser Hinsicht an Gestimmtheit und Veranlagung vorfinde? Jede positive und humane Philosophie, Weltanschauung und Religion beantwortet diese Frage mit: Ja!

Wie kann das geschehen? Sicher können wir unseren Charakter in dieser Hinsicht grundsätzlich nicht von heute auf morgen ändern, zum Beispiel durch feierlichen Entschluss an einem Silvesterabend. Aber wie bei jeder Kunst und jedem Handwerk können wir durch geduldiges Üben und Trainieren unsere diesbezügliche Veranlagung verändern. Dabei können das  lateinische und das englische Wort für Großmut, magnanimitas beziehungsweise magnanimity, die Wegrichtung angeben. Denn diese Worte heißen nichts anderes als: Seelengröße. Es geht also darum, die eigene Seele in kleinen Schritten auszuweiten. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass ich fortwährend, an jedem Tage meines Lebens den Horizont meiner Vorstellungen und Gedanken aktiv willentlich erweitere, ohne dass mich mein Beruf oder mein alltägliches Leben dazu nötigen. Das kann auf allen Gebieten des Daseins geschehen, auf dem Felde der Kunst, der Wissenschaft oder der Religion.

Auch meine Willenskräfte kann ich ausweiten, indem ich mich zum Beispiel aktiv darum bemühe, andere Menschen, Völker und Sprachen kennenzulernen und zu verstehen. Auch wenn ich Tätigkeiten und Verantwortungen übernehme, die nicht zu meinem normalen Pflichtenkreis gehören, erweitere ich aktiv meine Seele.

Gegenüber diesen Bereichen des Denkens und Wollens

ist die Ausweitung der Seele im Bereich unserer Gefühle nicht so leicht und direkt möglich. Aber es gibt ein indirektes Mittel, das jedem Menschen zur Verfügung steht, nämlich Interesse zu entwickeln. Normalerweise sagt der Mensch: Dies oder das interessiert mich oder interessiert mich nicht. Aber das ist keine unveränderliche Naturgegebenheit, sondern wir können unser Interesse immer mehr ausweiten. Und indem wir das willentlich tun, werden wir bemerken, wie sich unsere Gefühle in Bezug auf die Menschen oder Dinge, für die wir uns neu interessieren, verändern. Das können wir schon bei ganz einfachen Dingen wahrnehmen, die zunächst unser Interesse nicht hervorgerufen haben. Wenn wir uns zum Beispiel vornehmen, uns für Briefmarken zu interessieren, wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, sie sammeln und ordnen, Kataloge studieren, werden wir bemerken, wie sich unsere Gefühle gegenüber Briefmarken im positiven Sinne verändern. Mit der Zeit werden wir unser neues Hobby sogar lieben.

Noch mehr gilt dies gegenüber Menschen: Ist uns ein Mensch gleichgültig oder gar unsympathisch, so können wir dieses Gefühl nur verändern, indem wir uns aktiv für ihn und sein Schicksal interessieren, ihn immer besser kennen und verstehen lernen wollen. Wenn wir das tun, wird unsere Gleichgültigkeit oder Antipathie allmählich schwinden und an ihrer Stelle ein gutes Gefühl für diesen Menschen entstehen, das wir Liebe nennen können. Wenn wir auf diese dreifache Weise unsere Seele weiten, großmütig machen, entwickeln wir unsere Liebesfähigkeit. Großmut wird zu Liebe.

››› Wolfgang Gädeke

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Wolfgang Gädeke, geboren 1943 in Bremen, Waldorfschule, Studium am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart, der evangelischen und katholischen Theologie, Psychologie und Geschichte. Nach Pflegepraktikum 1968 zum Priester geweiht. Als Pfarrer tätig in Ulm, Kalifornien, Bremen, Kiel, Hamburg. Von 1990 bis 2009 Lenker der Christengemeinschaft in Norddeutschland. Verheiratet, vier erwachsene Kinder. Er leitete seit 1975 Ehekurse; seit 1982 als Eheberater tätig. Seit 2003 erforscht er Gründung und Geschichte der Christengemeinschaft.