Gleichgewicht

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Beitrag von Götz E. Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura.

Platzhalter

In der Zeitung las ich einen Kommentar zu dem schrecklichen Massaker, das ein ehemaliger Schüler am 14. Dezember 2012 an einer Grundschule in Newtown in den USA angerichtet hatte. Mit einer Schnellfeuerwaffe hatte er 27 Menschen getötet, darunter 20 Schulkinder. Sinngemäß beklagte der Zeitungsautor: "Wie kann Gott ein solches Massaker zulassen?" Das Wort "zulassen" hat mich verwundert.

Wer hat denn die Tat begangen? Ein Mensch, der dafür auch die Verantwortung trägt, und nicht Gott! Werden die Lebenswege durch Gott ohne unser Zutun gelenkt? Wohl kaum, denn dann sähe die Welt sicher anders aus. Wären wir reine Naturwesen, so müssten wir uns, einem Tier vergleichbar, im Einklang mit "unserer" Gattung verhalten. Dann wären wir keine Menschen, die, jeder für sich ein eigener Kosmos, ihren Lebensweg mehr oder weniger bewusst gehen. Wir Menschen gestalten unsere Biografie durch unser Denken und Handeln selbst. Für alles, was wir tun oder unterlassen, tragen wir die volle Verantwortung.

Wir sind "in die Freiheit entlassen" und sammeln in dieser Aufgabe unsere Erfahrungen. Wir bemerken, dass wir unserem Leben selbst ein Ziel, einen Sinn geben müssen. Wir geraten immer wieder in unerwartete und herausfordernde Situationen, die wir »meistern« müssen. Oft sind wir unsicher, was wir in einer Situation tun oder lassen sollen. Wir wissen, dass wir initiativ sein müssen, wenn sich etwas ändern soll; denn ohne Freiwilligkeit gibt es keine Freiheit. Wir erleben täglich, wie schwer es ist, unser Leben im »Gleichgewicht« zu halten und den eigenen Vorsätzen zu folgen. Wir kennen die Frustration, wenn wir nicht konsequent sind und die selbst gesetzten Ziele aufgeben, weil es uns an Durchhaltewillen fehlt. Wir wissen auch, wie wir uns fühlen, wenn wir das eigene Versagen reflektieren und uns darüber ärgern oder eine kreative Ausrede finden, warum etwas nicht funktionieren konnte.

Im Alltag erlebt jeder von uns immer wieder die Polaritäten, die uns aus der Balance bringen: Wir sind zu dick oder zu dünn, zu faul oder ein Workaholic, zu hektisch oder zu langsam, zu chaotisch oder zu penibel, zu pessimistisch oder zu optimistisch. Wir orientieren uns nur am "Eigenen" oder fantasieren wirklichkeitsentrückt über Scheingebilde. Maßhalten und eine Balance zu finden, die zu uns passt, ist eine große Herausforderung und Kunst.

In unserer Zeit gibt es immer mehr soziale und persönliche Phänomene, die uns die Notwendigkeit, das rechte Maß zu finden und das Gleichgewicht zu halten, in aller Deutlichkeit vor Augen führen: Sucht, Burnout, Lernschwierigkeiten bei Kindern – die Liste ließe sich leicht verlängern. Doch wie finden wir zur rechten Balance zwischen den Extremen?

Das Gleichgewicht einer Waage,

bei der sich auf beiden Seiten gleich schwere Gewichte und die Waagschalen in der Mittellage befinden, ist nicht starr und fix. Es pendelt sich ein, stellt sich nach einer Störung wieder ein. Beim »seelischen Gleichgewicht« geht es um die Frage: Wie komme ich ins Gleichgewicht? Das Gleichgewicht ist je nach Lebenssituation verschieden. Wenn ich den ganzen Tag im Garten gearbeitet habe und sonst im Büro sitze, kann ich mehr essen. Wenn mich eine Tätigkeit begeistert, kann ich länger und intensiver arbeiten, als wenn ich etwas tue, was ich innerlich ablehne. Täglich sind wir gefordert, uns neu ins Gleichgewicht zu bringen. Gelingt dies, nennen wir einen Menschen »ausgeglichen« oder sagen, "er ruht in sich". Diese innere Ruhe und äußere Gelassenheit sind zumeist in intensiver Arbeit durch das Ich errungen. Menschen, die ihr Gleichgewicht gefunden haben, führen ihr Leben bewusst. Sie haben für ihr Leben einen Sinn entdeckt und eine Orientierung für sich entwickelt.

Die wichtigste und wesentlichste Orientierung unseres Lebens hängt mit unserem Wirklichkeitsverständnis zusammen. Wir können beobachten, dass uns unsere Sinne bloß Wahrnehmungen liefern, die unzusammenhängend sind und uns noch kein "Wissen" von der Wirklichkeit vermitteln. Erst wenn wir mit unserem Denken die Begriffe zu den Wahrnehmungen hinzufügen, erkennen wir die Welt. Der uns durch unsere Sinneswerkzeuge verwehrte Zugang zur Idee wird durch unser Denken erreicht, indem wir die Idee dessen, was wir begreifen wollen, im Denken erfahren. So begegnet unser Geist dem Geistigen, das in den Dingen wohnt. Dies ist die "Urerfahrung" des Gleichgewichts, das wir selbst herstellen müssen und das uns den Geist, der in den Dingen lebt, erfahren lässt.

Das "Finden der Wirklichkeit" im produktiven Erkennen ist nicht selbstverständlich. Wir müssen die Mitte zwischen Wirklichkeitssucht, der Überbetonung der Wahrnehmungsseite, und Wirklichkeitsflucht, dem Träumen in der Ideenwelt, durch bewusste Erkenntnis finden.

Diese Urerfahrung bringt uns zum Bewusstsein, dass wir sowohl eine "produktive" als auch eine "konsumtive" Wesensseite haben. Die Sinneserfahrungen treten ohne unser Zutun auf, die Begriffe und Gedanken bringen wir aktiv und bewusst hervor. Herbert Witzenmann spricht in diesem Zusammenhang von dem Eindrucks- und Ausdruckswesen des Menschen. In unserer Zeit überwiegt das Eindrucksparadigma. Kinder, Studenten und "Auszubildende" sollen Wissen aufnehmen und reproduzieren können. In ihrer lernfreien Zeit lassen sie sich von Bild- und Toneindrücken überfluten. Dies führt zu einem Ungleichgewicht. Es fehlt die Möglichkeit sich auszudrücken, den Menschen und sich selbst zu zeigen, dass man etwas gestalten kann, dass man beitragen kann. Krankheitssymptome wie beispielsweise ADHS-Schwäche gründen in diesem Ungleichgewicht.

Die Wirklichkeitserfahrung, Gleiches durch Gleiches zu erkennen, ist das Gleichgewichtserlebnis, das zum Fortschritt wird. Wir schreiten in unserer Erkenntnis fort, indem wir die Welt immer besser erkennen und tiefer verstehen. Damit können wir in unserem Handeln den Wesen immer besser entsprechen und zu ihrer Entwicklung beitragen. Das Suchen nach unserem geistigen und seelischen Gleichgewicht ist die Quelle des Fortschritts, in der Gestaltung unserer Biografie und in der Gestaltung unserer Erde.

››› Götz E. Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura

Alnatura Geschäftsführer Götz E. Rehn

Götz E. Rehn, geboren 1950 in Freiburg, nach Besuch der Waldorfschule Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion zum Thema Organisationsentwicklung an der Universität Freiburg, Gründer des Bio-Handelsunternehmens Alnatura 1984 und Geschäftsführer bis heute, seit 2007 Honorarprofessor am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule in Alfter.