Ehrfurcht

Rudolf Steiner hat zwölf Tugenden und jeweils einen wesentlichen Entwicklungsschritt der Tugenden dem Jahreskreis zugeordnet. Ein Beitrag von Götz E. Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura.

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Wer aus Liebe handelt, hat auch Ehrfurcht. Sie entspringt dem Respekt vor dem anderen. Es gibt Ehrfurcht vor dem anderen Menschen, aber auch vor den Pflanzen und Tieren. Wir erkennen im anderen Wesen dessen Einzigartigkeit an. Die Individualität eines Menschen ist immer Ausdruck seines Geistes. Aus der Begegnung mit einem besonders beeindruckenden Menschen kennen wir die Erfahrung von Ehrfurcht. Wir sind berührt von den geistigen, musischen oder sozialen Leistungen eines Menschen. So kann sich Ehrfurcht in Verehrung verwandeln. Wir "bewundern" den anderen und ehren seine besonderen Leistungen, seine Ausstrahlung und seine Gedanken. Indem wir einem anderen diese Ehrerbietung entgegenbringen, verneigen wir uns letztlich vor seinem Wesen.

Das Wesen des Menschen ist einzigartig.

Deshalb kann der Mensch "ich" nur zu sich selbst sagen und damit seine Individualität selbst erleben sowie für andere erlebbar machen. Diese Erkenntniserfahrung ist die Grundlage für die Ehrfurcht vor dem anderen "Ich". Es ist die Tugend der Anerkennung des anderen als individuelles, unverwechselbares Wesen und die Fähigkeit, die andere Individualität zu erkennen. Der Gegensatz von Devotion ist Dominanz. Wenn wir ein anderes Wesen dominieren, wollen wir es beherrschen und es dazu bringen, das zu tun, was wir wollen. Ein hingebungsvolles Denken und Handeln möchte gerade das andere oder den anderen verstehen.

Nur wenn wir unser Denken soweit geschult und beweglich gemacht haben, dass wir die Individualität des anderen Menschen, sein besonderes Geistiges erleben, begegnen wir seiner Individualität. Allzu oft erleben wir nur unsere von uns selbst geprägten Vorstellungen über den anderen Menschen und nicht sein Wesen. Nur durch großen Respekt vor den anderen "Geistern" erarbeiten wir uns eine Einstellung, die es erlaubt, das Wesen des anderen Ichs jedenfalls anfänglich zu denken.

Wenn uns dies gelingt, knüpft unser Handeln am anderen an. Es entspricht dann seinem Wesen und ist nicht mehr nur mein eigener Impuls. Eine in Liebe getauchte Handlung trägt dazu bei, dass das andere Wesen sich auch selbst besser versteht und sich besser zu zeigen vermag. Die Tat aus Liebe ist "Entwicklungshilfe" für den anderen Menschen. Sie unterstützt die Entwicklung des anderen, ohne ihn zu bevormunden oder in seinem eigenen Bemühen zu manipulieren.

Dies ist auch die "Grundgeste" einer arbeitsteilig organisierten Wirtschaft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Wir haben Ehrfurcht vor dem Menschen, in dem Fall dem Kunden, und wir gestalten unsere Produkte und Dienste aus Liebe zu den Menschen. Dabei wollen wir alles so gestalten, dass die Kunden durch die angebotenen Produkte in ihrer eigenen Entwicklung möglichst gefördert werden. Wirtschaft hat also keinen Selbstzweck, sondern dient den Menschen auf ihrem Entwicklungsweg.

Aber auch gegenüber der Umwelt, den Tieren, Pflanzen und der unbelebten Natur ist unsere Ehrfurcht Ausdruck der Erkenntnis, dass allen Naturwesen ein Geistiges innewohnt. Wollen wir in unserem Tun den Naturwesen gerecht werden, müssen wir ihre Idee erkennen. Durch unser Denken bringen wir uns die Idee zum Bewusstsein. Haben wir einen Begriff, zum Beispiel von einem Huhn, dann können wir unsere Taten so gestalten, dass sie dem Huhn möglichst gut entsprechen. Die Forderung nach einer artgerechten Tierhaltung zielt auf dieses Bemühen. Es geht darum, das Wesen der Art zu erkennen, um mein Handeln gemäß dem Wesen dieser Tierart auszurichten.

Dabei geht es nicht darum, eigene Gedanken zu verwirklichen und die Kreatur nach von Menschen ausgedachten Maßstäben zu behandeln. Eine im Wesentlichen an Effizienz, das heißt an maximaler Produktionsleistung orientierte Tierhaltung entspricht nicht der Kreatur. Sie ist vielmehr Ausdruck der Respektlosigkeit gegenüber dem anderen Wesen und seiner Eigenart. Nur wer in Ehrfurcht vor den Naturwesen denkt und handelt, kann ihrer Eigenart genügen, sie wesensgemäß behandeln, ihnen eine für sie förderliche Umwelt gestalten.

Dies ist das Anliegen des ökologischen, besonders auch des biologisch-dynamischen Landbaus. Während die Agrarindustrie Boden, Pflanzen und Tiere ausnutzt, um den maximalen Ertrag zu erzielen, begreift der biologisch-dynamische Landbau den einzelnen Bauernhof als einen lebendigen Organismus. Alles ist darauf gerichtet, das Bodenleben zu entwickeln, die Pflanzen und Tiere in ihrer Eigenart zu fördern. Dies tun wir nur, wenn wir Ehrfurcht vor den Naturwesen haben und sie in ihrer Lebensweise unterstützen wollen.

Die Entwicklung der Ehrfurcht gegenüber den uns umgebenden Wesen ist die Voraussetzung, um wesensgerecht handeln zu können. Der Bestimmungsgrund unserer Tat ergibt sich aus der Erkenntnis des anderen Wesens. Wir drängen unsere Eigenheit zurück und schaffen den Bewusstseinsschauplatz in uns, auf dem sich das andere Wesen offenbaren kann. Die Pflege der Devotion wandelt sich in »Opferkraft«. Uns erwachsen neue Kräfte des Erkennens und Gestaltens durch den Verzicht auf die Verwirklichung unserer Selbstheit bei voller Bewusstheit.

Autor: Prof. Dr. Götz E. Rehn
Gründer und Geschäftsführer von Alnatura

Götz E. Rehn, geboren 1950 in Freiburg, nach Besuch der Waldorfschule Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion zum Thema Organisationsentwicklung an der Universität Freiburg, Gründer des Bio-Handelsunternehmens Alnatura 1984 und Geschäftsführer bis heute, seit 2007 Honorarprofessor am Fachbereich Wirtschaft der Alanus Hochschule in Alfter.