Ibrahim Abouleish - Die Lebenskraft der Sonne

Der Ägypter Ibrahim Abouleish und sein Bio-Unternehmen "Sekem".

Eigentlich kam er wegen Johann Wolfgang von Goethe nach Europa. Ibrahim Abouleish hatte in Kairo eine Vorlesung über den deutschen Dichter besucht und war so beeindruckt, dass er die Heimat Goethes kennenlernen wollte. Da er nicht genug Geld hatte, heuerte er auf einem Frachter an – als Schiffsjunge. Monatelang fuhr er über die Meere, bis er schließlich Italien erreichte. Bei einem Zwischenstopp in Graz verliebte er sich. Also blieb er, suchte sich eine Arbeitsstelle, lernte Deutsch und studierte schließlich Chemie, Medizin und Pharmakologie. Das war 1956, Ibrahim Abouleish war noch nicht einmal 20.

Heute ist der Junge aus Kairo erfolgreicher Unternehmer und gleichzeitig Träger des "Alternativen Nobelpreises". 2003 wurde Abouleish ausgezeichnet für sein Geschäftsmodell, das – laut Jury – wirtschaftlichen Erfolg mit der sozialen und kulturellen Entwicklung der Gesellschaft kombiniert. Die Jury bezog sich damit auf Abouleishs Unternehmen »Sekem«. Sekem, was auf Deutsch "Lebenskraft der Sonne" bedeutet, produziert unter anderem Lebensmittel und Textilien aus biologisch-dynamischem Anbau, das heißt kontrolliert biologisch und auf den anthroposophischen Gedanken Rudolf Steiners beruhend. "Einerseits war ich bemüht, die Erde zu heilen, und andererseits den Menschen zu helfen", erzählt Abouleish.

Zunächst war Sekem "nur" ein Öko-Projekt. Abouleish gründete es nach einem Besuch in der ägyptischen Heimat in den 1970er-Jahren. Umweltverschmutzung, mangelnde Bildung und Gesundheitsversorgung in seinem Heimatland erschütterten ihn. Der heute 74-Jährige beschloss zu helfen, gab seinen Managerposten bei einem Schweizer Pharmakonzern auf und zog 1977 mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Ägypten. Monatelang suchte er nach einem geeigneten Stück Land. Schließlich fand er es rund 60 Kilometer nordöstlich von Kairo: 70 Hektar Ödland, eine Fläche doppelt so groß wie der Berliner Zoo. Zusammen mit europäischen und ägyptischen Freunden brachte er hier die Wüste mit unterirdischen Bewässerungssystemen zum Blühen.

Heute besteht Sekem aus sieben Unternehmen. Das Gelände umfasst 300 Hektar, in der Hochsaison werden hier bis zu 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Anwesen erinnert an ein Dorf mit Wohnhäusern, Werkstätten und Cafeterien. Auf den Feldern werden Kartoffeln, Sonnenblumen und Tee angepflanzt. Auf dem Firmengelände sind auch ein Kindergarten, Schulen und ein medizinisches Zentrum untergebracht. Regelmäßig finden Fortbildungen statt, bei denen Mitarbeiter Landeskunde, Geschichte oder Sprachen lernen. "Es war mein Wunsch, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und Nationen zusammen arbeiten und voneinander lernen können", sagt Abouleish. Mit den 200.000 Euro Preisgeld des Alternativen Nobelpreises hat er die Privatuniversität "Heliopolis" gegründet. "Wir wollen zukünftigen Generationen eine umfassende Bildung ermöglichen und sie mit Idealen in die Welt entlassen", erklärt der bekennende Moslem.

Die meisten Sekem-Produkte werden ganz traditionell auf dem eigenen Gelände verarbeitet: in den Getreide- und Ölmühlen, der Käserei und Bäckerei oder in den Textilfabriken. Auf künstliche Dünger oder Färbemittel verzichtet Sekem. Rund die Hälfte der Erzeugnisse wird nach Europa exportiert. Vor allem Gewürze, Naturkosmetik und ätherische Öle sind gefragt. In den ersten Jahren nach der Gründung betrachteten die Ägypter das Projekt und spätere Unternehmen skeptisch – vor allem wegen des Anbaus neuer Baumwollsorten. Abouleish konnte seine Landsleute schließlich überzeugen.

Abouleish hat Sekem zu seiner Lebensaufgabe gemacht. "Ich wusste immer, dass es viel Geduld brauchen würde, wirklich etwas zu ändern", sagt er. Die Geduld hat sich ausgezahlt: Heute produzieren etwa 800 Farmen in ganz Ägypten nach der biologisch-dynamischen Methode. Länder wie Indien, der Senegal oder Südafrika stehen in engem Kontakt mit dem Unternehmen.

››› Gastbeitrag Sonja Kaun, Schülerin der Deutschen Journalistenschule in München

Produkte der Sekem-Gemeinschaft finden Sie auch in den Alnatura Super Natur Märkte. Seit 1993 Partner, werden in Sekem Textilien für die Marke People wear organic produziert.

Der Alternative Nobelpreis

Im letzten Jahr feierte der Right Livelihood Award, auch Alternativer Nobelpreis genannt, seinen 30. Geburtstag. Für einige Schülerinnen und Schüler der renommierten Deutschen Journalistenschule in München (DJS) ein würdiger Anlass, sich genauer mit einigen der Vordenker für eine nachhaltige Entwicklung und deren konstruktiven Umsetzungen zu beschäftigen.